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Die Welt · 1901-02-01 · 5 (1.2.1901) · p. 12

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
5 (1.2.1901)
Article
Der Waisenknabe
Date
1901-02-01
Page
12 (sequence 2)
Language
German
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Seite 12 „Die 2$ Welt46 Nr. 5 „Zum Gebet!" riefen auf einmal mehrere Stimmen. „Vorbeter, wir;/wollen beten!" befahl der Vorsteher. Aber Joine schlug so heftig auf den Tisch, dass die Umstehenden entsetzt zurückwichen. Reb Kloinemis. der Dajen, der, seitdem der Knabe auf dem Tische stand, sein gelehrtes, ausgemergeltes und wahrscheinlich vom Hunger gefurchtes Gesicht mit der Hand bedeckt gehalten hatte, trat gleichfalls zurück nnd in seinen grauen Augen erschien der Ausdruck stummen und tiefen Leids. „Joine", stammelte er. „nicht mit Gewalt!" „Man wird nicht beten", schrie Joine und bewaffnete seine Hand mit einem Messingleuchter. Der Vorsteher Hess sich wieder auf seinen Platz nieder, der Vorbeter blieb auf halbem Wege zum Gebetpult stehen und Joine wendete sich zum Dajen: „Rabbi," sagte er voll Gift, „meint ihr, dass es ihnen um das Beten geht?" „Das Fressen meinen sie. Die Weiber kochen für sie zu Hause das Abendessen. Es wird eine schmackhafte Suppe geben, ein saftiges Stück Fleisch mit Kren und wahrscheinlich auch mit gelben Rüben. Dieser Knabe jedoch hat nichts zu essen!" „Nicht Deine Sache!" rief jemand aus einer Gruppe versteckt. Reb Kloinemis, der Dajen bedeckte wieder das Gesicht mit den knochigen Händen und Joine erwiderte: „Doch! Es ist meine Sache. Ihr seid vom Begräbnis auseinander gestoben und mir habt Ihr die Waise zurückgelassen. Aber das war nicht Euer Wrille, sondern der Finger Gottes. Gott weiss, was er thut. Er wusste, dass nur die Armen ein Herz haben, dass Joine sich des Kindes annehmen und es nicht hilflos zurücklassen würde." Der Knabe begann allmählich den Sachverhalt zu begreifen. Er reckte sich und lehnte sich an Joine, indem er die rechte Hand auf dessen Schultern legte und mit der linken das verletzte Füssenen stützte. Sein kleiner Kaftan hatte sich vom einzigen Knopf losgelöst, durch das zerrissene Hemd starrte ein schmutzigschweissiger Leib, und auf dem Gesicht lag ein wunderlich trauriges Lächeln ... Er ängstigte sich nicht mehr vor den Leuten; er fühlte, dass Joine Boz sie alle beherrschte und er stand angelehnt an Joine Boz. „Seht, Bürgel-, Juden, Volk des Mitleids", rief Joine weich, „ein blutendes Füsschen, barfuss . . ." „Bei mir zuhause sind ein Paar Stiefelchen, alte, aber ganze." Joine erkannte die Stimme. „Gut", rief er. „Reb Jossei spendet. Der Anfang ist gut. Er hat aber auch kein Hemd!" Ein anderer erklärte, dass seine Frau einige Hemden aussuchen würde. „Sehr gut!" rief Joine. „Also Hennele gibt Hemden. Und Kleider?" Auch das wurde von einem versprochen und Joine quittierte alles mit Dank. „Aber essen", fuhr er fort. „Wer wird ihm zu essen geben? Weshalb schweigt Reb Schmerl? Hat unser Vorsteher nichts zu sagen?" Reb Schmerl, ein dickes Jüdlein mit langen, dichten Augenbrauen, welche die kleinen Aeuglein in seinem aufgedunsenen Gesicht beinahe zur Gänze umhüllten, rührte sich nicht und blickte aufmerksam in einen Talmudfolianten. „Hier ist nicht die Gemeindekanzlei," bemerkte er zu einigen Bürgern, die ihn umstanden. Die Antwort ward von den Umstehenden weitergegeben, und bald wusste es das ganze Bethaus: Reb Schmerl sagt, hier ist nicht die Gemeindekanzlei. „Ein geriebener Jude." bemerkte jemand. „Ein Taschendieb,", rief ein dritter ganz leise. Inzwischen < liess sich von der Misrach-Wand eine neue Stimme vernehmen: „Joine! Lass' ab! Folge mir! Was ist das für eine neue Mode, an einem gewöhnlichen Donnerstag nicht beten zu lassen! Geh' lieber heim, am Sabbath komm' wieder, da ist die grosse Pause, da kann es angehen . . ." „Am Sabbath wird Reb Rachmiel nicht kommen," fiel ihm Joine ins Wort, „sondern hübsch zuhause beten, sich gemüthlich satt essen und dann ins Bett legen! Was?" Ein lebhaftes Gelächter gieng durch die Menge. „Also, was willst Du, Joine?" „Essen will ich für das Kind, für mich verlange ich nichts.11 „Essen, meine Herren . . ., Essen für das Kind," wiederholte Joine, und unwillkürlich gerieth er in den bekannten Tonfall: Zwei Rubel zum ersten, zwei Rubel zum zweitenmal ... das Bethaus wurde gemüthlich. „Ich nehme ihn heute zum Abendessen," ertönte eine Stimme. „Gut!" rief Joine. „Immerhin etwas. Man wird es Reb Jechiel in allen sieben Himmeln gutschreiben. Höre, mein Kind," wandte er sich zum Kleinen, „der Anfang ist bereits gemacht! Und morgen," wandte er sich wieder zur Menge, „was wird morgen sein?" „Ich nehme ihn auch morgen zu Mittag," erklärte dieselbe Stimme. „Und Jause?" „Bauer!" rief jemand von der Seite, „morgen ist ja Freitag!" „Und Sabbath?" liess Joine nicht nach. „Auch Sabbath mag er kommen." „Und Sonntag," fuhr Joine fort, „und Montag und Dienstag, die ganze Woche und wieder Sabbath und wieder eine Woche?" „Warum hängst Du Dich gerade an mich? Bin ich der Einzige hier?" „Behüte! Zu allen rede ich. Hätten alle ein solch jüdisches Herz wie Du, dann stünde der Knabe nicht mehr hier." Die Menge schwieg. „Zum Gebet!" erscholl es plötzlich von mehreren Seiten. „Wir wollen beten!" „Holt sein Weib, dann wird er sofort durchbrennen," liess sich eine Stimme aus dem Gewirr vernehmen. Die Worte trafen Joine wie ein Blitzschlag. Im selben Augenblicke erschien der lange, starke Joine wie umgewandelt. Es war ihm, wie einst dem Riesen Goliath, als ihn das Steinchen Davids traf. „Zum Gebet! Zum Gebet!" ertönte es immer lebhafter, und Joine erhob nicht mehr die Hand mit dem Leuchter. Sein Muth war gebrochen. (Schiuss folgt.) Makkabäer-Feste. Wien. (Makkabäerfeier sämmtlicher zionistischer Corporationen Wiens.) Dienstag, den 15. 1. M. fand die von sämmtlichen zionistischen Corporationen Wiens veranstaltete Makkabäer-Feier statt. Die Feier gestaltete sich, wie wir bereits hervorgehoben haben, zu einer imposanten Sympathiekundgebung für die zionistische Sache. Der officielle Theil wurde durch eine Begrüssungsrede des Obmannes des niederösterr. Districts- Vorstandes, Herrn Dr. Siegmund K o r n fe 1 d, eingeleitet. Hierauf sang Obercantor Bau er mit seinem trefflich geschulten Chore einen Psalm von Halevy. In der Festrede entwarf unser trefflicher Redner Dr. Kahn in gewohnter Meisterschaft ein kurzes Bild der G eschichte Israels. Minutenlanger Beifallssturm unterbrachen die Ausführungen des Redners. Die ausgezeichnete Wiedergabe des Makkabäerliedes vom Chore des türkischen Tempels begeisterte die Besucher derart, dass sie eine Wiederholung verlangten und selbst mitsangen. Es folgten Ciaviervorträge des Herrn Prof. Ignatz Brüll. Der Name Brüll genügt, um5 die* Begeisterung zu erklären, die sein Spiel erweckte. Eine jugendliche

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