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Die Welt · 1901-02-01 · 5 (1.2.1901) · p. 2

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
5 (1.2.1901)
Article
Offene Antwort an Herrn G. C. Polak
Date
1901-02-01
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 „Die Welt" Auf meine Aufsätze bezieht sich Ihr offener Brief so wenig, dass ich mich frage, weshalb Sie mir die Ehre erwiesen haben, ihn gerade an mich zu richten. In Ihrem Aufsatze stellen Sie an mich einige Fragen, die mich sehr wundern. „Wollen Sie die Juden alle in den Handelsstand zurückführen?" Nein, lieber Herr, das will ich wirklich nicht. Ich will möglichst viele von ihnen zur Landwirtschaft in allen ihren Zweigen zurückführen und andere zu Güter erzeugenden Gewerbearbeitern machen, denen eine starke Organisation den Vollgenuss der Frucht ihrer Arbeit sichert. Das ist alles selbstverständlich und hundertmal gesagt. Aber wie kommen Sie denn überhaupt zu Ihrer Frage an mich, der ich den Juden jeden ihnen lügenhafterweise zugeschriebenen besonderen Handelssinn abspreche und aus allen Kräften an einer Bewegung mitarbeite, deren Ziel es doch gerade ist, die Juden zu Ackerbauern und selbständigen Gewerbetreibenden zu machen r „Eine schlechte Volkspolitik wäre es, wenn man auf die einem zustehenden Rechte verzichtet/ So schliessen Sie Ihren offenen Brief, und Sie schreiben den Schlusssatz mit gesperrter Schrift, damit er sofort als Zusammenfassung und Gipfelpunkt Ihrer Ausführungen erkennbar sei. Sie haben ja so recht! Aber warum sagen Sie das mir? Ich habe niemals auf ein mir zustehendes Rocht verzichtet und niemand gerathen, es zu thun. Ich glaube, dass Sie meinen Namen aus einem Irrthum, dessen Ursprung ich mir allerdings nicht erkläre, an die Spitze Ihres offenen Briefes geschrieben haben. Anderni'alles müsste ich glauben, dass Sie meine Aufsätze „über die Gleichberechtung der Juden" niemals gelesen haben, sondern höchstens vom Hörensagen, aus dem Geschwätz irgend eines Lügners kennen, und das möchte ich denn doch nicht. . . . Da ich gerade dabei bin, so will ich auch aul eine Bemerkung meines lieben Freundes Dr. Bodenh e i m e r antworten, der mir in einer hamburgischen Zeitung auseinandersetzt, dass ich unrecht hatte, für die rumänischen Juden vorerst nur die bürgerlichen Rechte, nicht aber die politischen zu fordern, da beide gar nicht voneinander zu trennen seien und beispielsweise das Recht zur Erwerbung von Grundeigenthum den Besitz der politischen Rechte zur Voraussetzung habe. Mein Freund Dr. Bodenh eimer gestatte mir. ihm zu bemerken, dass er einen thatsächlichen Irrthum begeht. In allen Staaten Europas mit Ausnahme von Russland und Rumänien können selbst Ausländer, die politisch im Lande vollkommen rechtlos sind, Grundbesitz genau so erwerben, wie vollberechtigte Landesbürger. In England hatten die Katholiken drei Jahhunderte lang keinerlei politische Rechte. Grundbesitz zu erwerben, war ihnen aber niemals verwehrt. Es ist also unrichtig, zu behaupten, dass die polifischen Rechte die Voraussetzung des Rechtes, Grundbesitz zu erwerben, sind. Und nun noch einige allgemeine Bemerkungen. Wer gegen mich losschwatzt, ohne mich gelesen zu haben, der verdient Verachtung; wer mich gelesen, aber nicht verstanden hat, der verdient Mitleid; wer mich verstanden hat, aber meine Worte oder Gedankengänge absichtlich fälscht, der ist ein Strolch. Eine Antwort von mir verdient keine dieser drei Kategorien Wer mich wirklich gelesen, verstanden und mit gutem Glauben gewürdigt hat, der weiss, dass ich diese Gedanken und nur diese ausgeführt habe: Erstens. Ini heutigen Rumänien wäre es für die Juderf ebenso ' zwecklos wie gefährlich1, nach "därih politischen Rechten zu streben; dagegen ist es eine Schmach und ein Verbrechen, dass die Rumänen ihren jüdischen Landsleuten die bürgerlichen Rechte, das heisst die ursprünglichsten Menschenrechte, verweigern. » rZ v&e i t e n s. Die Emancipation in den westlichen Ländern — mit Ausnahme der von der Grossen Revolution bewilligten, die ich ausdrücklich anführte, und der englischen und amerikanischen, von denen ich nicht sprach, da ich immer nur das europäische Festland im Auge hatte — wurde mit der ausdrücklichen oder stillschweigenden Absicht erstrebt und bewilligt, die jüdische Volkseinheit aufzulösen, das jüdische Volksbewusstsein zu tödten und das Aufgehen der Juden in die christliche Mehrheit vorzubereiten. Diese Absicht ist auch zum Theile verwirklicht worden und das Judenthiim in den Ländern der Emancipation ist thatsächlich in voller Auflösung, begriffen, ohne dass dies jedoch den Judenhass und die Judenverfolgung im geringsten vermindert hätte. Drittens. Wer von einem jüdischen Volke nichts mehr wissen will, wer es hasst und seinen Tod wünscht, der gehe seiner Wege und störe uns nicht, die wir' das jüdische Volk am Leben erhalten wollen und an seine Zukunft glauben. Wir aber wollen, dass alle jüdische Energie sich in erster Reihe der Pflege jüdischer Interessen zuwende, und wir wollen eine innere sittliche Erneuerung unseres Volkes, das durch unausgesetzte Anspannung unserer Kräfte auf eine so hohe geistige, sittliche und charakterliche Stufe gebracht werden soll, dass auch der Hass und Neid der unverbesserlichen, keiner Zähmung und keiner Erziehung zugänglichen Minderheit antisemitischer Bestien uns nichts mehr anhaben kann und die Mehrheit, die die Lehren des Augenscheins und der eisernen Thatsachen begreift, sich gezwungen sieht, ihr Erbvorurtheil gegen uns in ihrem eigenen Interesse aufzugeben. Wenn Sie diese Thesen, die ich in der „Welt" weiter ausgeführt und begründet habe, bekämpfen zu sollen glauben, so erwarte ich die Darlegung Ihrer Beweise, die ich mit der Ihnen und Ihren mir wohlbekannten Verdiensten schuldigen Achtung prüfen und beherzigen werde. Wenn Sie mich überzeugen, werde ich es ehrlich bekennen; wenn nicht, so werde ich sagen, was ich gegen Sie einzuwenden habe. Ihren offenen Brief aber kann ich weder anfechten noch widerlegen, weil er meinen wirklichen Leitgedanken auch nicht mit einer Silbe widerspricht. Empfangen Sie den zionistischen Gruss Ihres hochachtungsvoll ergebenen Dr. Max Nordau. Der zweite Türke (des „Jewish Chronicle".) Von N. Sokolow.*) Aus dem Hebräischen übersetzt von Moriz Zobel. Herr Nissim Behar hat viel gesprochen und nichts gesagt. Aber der „Jewish Chronicle" hat sich noch einen Türken verschrieben, und dieser wird den Zionismus schonungslos niederschmettern. Er kommt mit sehr schwerem Geschütz angefahren — hei, wie das knattert und dröhnt! .. . Das genannte Blatt druckt nicht allein die Aeusserung dieses Mannes, sondern auch dessen Bildnis ab; es zeigt uns ihn in strotzender Parade-Uniform, den rasselnden Säbel umschnallt — wir bekommen eine Heidenangst! Der Mann des Schreckens heisst Youssouf B ey Krieger und bekleidet ein Staatsamt auf Rhodos; er ist nämlich von der türkischen Eegierung mit der Leitung der politischen *) „Hazefirärl'VNr. 6 und V/ '^ Vgl '$i&Wm"mMJ „Der erste Türke".

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