Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1901-01-25 · 4 (25.1.1901) · p. 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
4 (25.1.1901)
Article
Doctor Bloch
Date
1901-01-25
Page
13 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3315905-3315910-3394162--24237-3394262
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 4 „Die & Welt" Seite 13 ist nicht unsere, sondern unserer Feinde Schande", dann dürfen wir auch mit Sicherheit gewärtigen, dass die Welt uns suchen wird, weil sie uns brauchen wird. Statt auf eine Besserung unserer Lage von aussen zu warten, statt auf die von Zufällen abhängigen äusseren Einflüsse zu hoffen oder vor denselben zu zittern, handeln wir klüger, muthiger und sittlicher, wenn wir uns im eigenen Innern die Bürgschaftenunseres Bestandes und unserer Zufriedenheit schaffen. Das sind die Kernpunkte von Nordaus Ausführungen; beschämend für uns ist es, dass man dieselben, da ja seine Artikel allgemein zugänglich sind, erst herausschälen muss, um Entstellungen und Verdrehungen zu begegnen. Der Weg, den uns N o r d a u zeigt, ist nicht neu; das ist der Weg, den uns unsere Propheten und unsere grossen Lehrer immer gewiesen haben, der Weg der strengen Selbstzucht, der Verinnerlichung der sittlichen Arbeit, die das jüdische Volk trotz beispielloser äusserer Bedrängnis vor dem Untergange geschützt haben. Umso trauriger, dass ein Rabbinerblatt darauf in einer Weise reagiert, die dem Geiste unserer Propheten und unserer Lehrer geradezu Hohn spricht. Haben uns diese zur Selbstkritik erziehen und uns damit befähigen wrollen, dass wir uns selbst peinliche Eingeständnisse machen, weil diese zu unserer sittlichen Läuterung unerlässlich sind, so schreit dos B 1 o c h'sche Blatt wegen einzelner scharfer Ausdrücke, die Nordau gebraucht hat, wie einer, dem unsanft auf die Hühneraugen getreten wurde, und geberdet sich wie die Caricatur des furchtsamen Juden, die in Witzblättern und Possen auf den antisemitischen Mob immer ihre Wirkung übt. Drastischer konnte der Gegensatz zwischen dem vermeintlichen4 freien Juden Dr. Blochs und dem gefürchteten Ghettojuden Nordaus gar nicht vor' Augen geführt werden. Dieser ein freier Mann, der selhstbewusst auf die Kraft des Wahren und Guten baut und, hündische Unterwürfigkeit und hündisches Winseln weit von sich wegstossend, unablässig an der eigenen Vervollkommnung und Kräftigung arbeitet und mit seinem eigenen Wohle auch das Wohl der Gesammtheit fördert; jener, im Bewusstsein des Vollbesitzes aller bürgerlichen und politischen Rechte, bei jedem heftigeren Wort das er hört, feige zusammenschreckend aus Furcht, es könnte ihm irgendwie schaden, unfähig, der Wahrheit fest ins Auge zu sehen, sondern in Windungen und Krümmungen sich um dieselbe herumdrückend, unfähig auch, gerade auf ein Ziel loszugehen, sondern bald hier bald dort auf Seitenpfade ausweichend. Diese Signatur des Bloch'sehen freien Juden oder freien Mannes — wenn ihm und seinen Anhängern dies lieber ist — tragen voll und ganz die in seinem Blatte gegen No rd a u erschienenen Artikel, der erste sowohl, der anonym erschienen ist, dessen Provenienz aber genau bekannt ist, als auch die beiden von Dr. Marceli Hoff mann gezeichneten folgenden. In keinem derselben ist der prineipielie Standpunkt "Nordaus, der Kern seiner Anschauungen auch nur dargelegt, geschweige denn widerlegt; Nordaus Artikel, die, wie aus einem Guss, ein einheitliches Ganze bilden, werden nicht als Ganzes zum ZieLe des Angriffs gemacht, sondern einzelne Sätze, selbst einzelne Worte, die aus dein Zusammenhang gerissen, allerdings einen wesentlich anderen Eindruck hervorrufen, als, allerdings sehr bequemes,Kampfobject hingestellt; dabei wird ein historisches Thatsachenmateriale beigebracht, das, soweit es thatsächlichist, gewiss von Nordau nicht bestritten werden wird, dass aber an dem Wesentlichen seiner Ausführungen nichts zu ändern vermag. Aber selbst zugegeben, Nordau hätte in manchen Punkten zu scharf oder, wenn man will, ungerecht geurtheilt, der Zustand des heutigen Judenthums, wie ihn Nordau als Folge der durch die Emancipationsbestrebungeii grossgezogenen Assimilation hinstellt, kann dadurch in kein milderes Licht gerückt werden. Das versuchen selbst die Gegner Nordaus nicht; wo sie gegen die Sache nichts vorbringen können, begnügen sie sich damit, „Stimmung1' zu machen. Dies thut der erste Artikel schon Im Anfange, indem er mit einer bevvussten Lüge — Lüge ist ja ein besonderes Zeichen von Ma^nesmuth — beginnt und die bekannte Fenstereinwurfsgeschichte in ganz anderer Weise belichtet, als sie in der unmittelbar vorhergehenden Nummer des B 1 o c h'schen Blattes selbst erzählt wurde. Dr. Marceil Hoff mann, ebenso gross als Psychologe und Psychiater, wie als Logiker, lä&st sich hingegen irn Interesse des jüdischen Volkes herab, zu belehren und Nordau eine Vorlesung zu halten, die zu Nutz und Frommen der Allgemeinheit öffentlich erfolgt. Wie seine Logik selbst beschaffen ist. davon nur ein Beispiel aus vielen. Nordau sagt: „Eine andere Minderheit . . . begnügt sich mit der Beobachtung des Ceremonialgesetzes, die Volkspolitik dieses .Theil.es der Judenschafc ist formelle Frömmigkeit und äusserste Passivität." Dr. Marceil Ho ff mann macht daraus Folgendes: „Sie behaupten, „dass die Volkspolitik jenes Theiles der Judenschaft, welcher das Ceremonialgesetz beobachtet, nur formale Frömmigkeit und „äusserste Passivität" sei . . " Wahrlich ein solches Taschenspielerkunststück bringt nicht jeder zuwege. Hoffentlich überhebt uns dieses Beispiel der weiteren Mühe, alle übrigen Entstellungen und Verdrehung des einfachen Wortsinnes der Nord a u sehen Artikel anzuführen. Noch viel weniger achten wir auf die Schlagwörter, mit denen so reichlich herumgeworfen wird. Friedrich Schlögl hat für einen Typus in der Wiener Bevölkerung, der sich durch das Schlagwort beherrschen lässt, die Bezeichnung geschaffen, der dumme Kerl von Wien". Sollte es auch einen solchen, ins Jüdische übersetzt, geben? Sicherlich, sonst wären gewisse jüdische Blätter überhaupt nicht möglich. S. opFCspopdenzen. Wien. (Festgottesdienst zuEhren des Rabbiners Dr. Adolf Schmied 1.) Vom Bethausvorstande der Wiener israelitischen Cultusgemeinde wird hiermit bekanntgegeben, dass über Beschluss des Cultusvorstandes Samstag, den 26. Jänner d. J. aus Anlass der Vollendung des 80. Lebensjahres Sr. Ehrwürden des Herrn Rabbiners Dr. Adolf S c h m i e d 1 ein feierlicher Gottesdienst (Mussaph) im Leopoldstädter Tempel um halb 10 Uhr vormittags stattfindet, dass das Schachris-Gebet um halb 8 ühr beginnt, und nach dem Schachris-Gebete der Tempel geschlossen und um 1j4\0 Uhr erst wieder geöffnet wird. Die geehrten Herren Gemeindemitglieder werden geladen, an diesem Gottesdienste theilzunehmen. — Herr Doctor S c h m i e d 1 ist eine der sympathischesten Erscheinungen unter den österreichischen Rabbinen. Mit einer gründlichen jüdischen Gelehrsamkeit vereinigt er die idealste Auffassung von den Pflichten seines Berufes, dem er seit einer langen Reihe von Jahren mit seltener Hingebung und Pflichttreue obliegt. Der modernen nationalen Bewegung hat er stets sympathisches Verständnis entgegengebracht. Den Vielen, die am 25. dem greisen Rabbiner ihre Verehrung und Liebe bezeugen werden, schliessen auch wir uns mit den innigsten Glückwünschen an. Wien. (Goethe und die Jude n.) Ein Vortrag über dieses Thema, arrangiert vom politischen Volksverein, „zu Ehren der Enthüllung des Wiener Goethe-Denkmals" bot dem Assimilantenhäuptiing Fi all a Gelegenheit, sich vor dem vollen Saale des Hotel Centrai in längerer Eröffnungsrede zu producieren. Da Ueberraschungen nicht im Programm standen, war es natürlich, dass er es den Zionisten ordentlich gab. Inhalt seiner Rede: Nichts, dann wieder — nichts — dann : — Verführer — Ghettomauern — freier Geist — Mission. Nachdem man ihn überstanden hatte, wurde der Philosemit Goethe ll/2 Stunden lang enthüllt. Der Vortragende Dr. Max Grunwaid, Germanist und Rabbiner von Hamburg, verfügt nebst der gefälligen Sprechweise der Norddeutschen und gutem jüdischen Witz über eine ausgebreitete Kenntnis der Goetheforschung, deren Ergebnisse er allerdings manchmal frei nach dem Sprüchlein: „Legst das nicht aus, so leg* was unter" dem Publicum unterbreitete. Beziehungen Goethes gabs zu jüdischen Büchern und Leuten. Man kennt seine Begeisterung für unsere Bibel, von der er sagt: Wenn ich ins Gefängnis müsste, und dürfte nur ein Buch mitnehmen, so wärs die Bibel! Viel interessanter ist die Thatsache, dass der Dichter, als er von Leipzig krank ins Elternhaus zurückkehrte, zusammen mit der „schönen Seele" K 1 e 11 e n b e r g eifrig die Kabbala studierte. Das dritte jüdische Buch, das er begeistert nachlebte, war die Philosophie Spinozas. WTas Goethe in sich aufnahm, gab er mit dem tiefen Stempel seines Geistes der Menschheit wieder zurück, und so finden wir die Spuren obiger Leetüren vor allem wieder im Faust, dessen erste Scenen dringende Anklänge an das Buch Hiob aufweisen. Man denke nur an das Vorspiel im Himmel, an die endliche Erkenntnis menschlicher Ohnmacht und des Wirkens unbegreiflicher Geister. Die Kabbala ferner erklärt vieles, was Goethe in das erwähnte Drama „hineingeheimnist" hat. Dieses Buch erklärt die Mütter als die Elemente, den Schlüssel als die Allmacht Gottes, das berühmte Hexeneinmaleins als das Wort Kalenderei. Noch eine Menge Zauberscenen finden sich in der Kabbala wieder. Spuren jüdischen Einflusses, durch Herder und Hainau vermittelt, zeigt noch der westöstliche Divan. Was Spinoza anbelangt, sehen wir den geradezu ungeheueren Einfluss seiner Ethik in der consequenten Religionslosigkeit, („aus Religion" sagt Goethe,) und in. dem, was die Deutschnationalen früherer Zeiten des Dichtens Cosmopolitismus nannten. Aber auch Zeitgenossen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.