Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 4 (25.1.1901)
- Article
- Ministerpräsident Carp über die rumänische Judenfrage
- Date
- 1901-01-25
- Page
- 12 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 12 „Die & Welt44 Nr. 4 Element. Das Cultusgesetz wird in erster Linie ihrem Cultus unbedingte Freiheit in Rumänien garantieren, dann ihnen das Recht auf Gründung von Schulen einräumen, die jedoch der Staat unter seinen Schutz nehmen will, und endlich ihre Wohlthätigkeitsan stalten ins Auge fassen. Jeder „Häretiker" in Rumänien wird fortan von staatswegen verpflichtet sein, sich einer Cultusgemeinschaft anzuschliessen und an diese eine Cultussteuer zu bezahlen. Der Staat wird jeder der Cultusgemeinschaften helfen, die Taxen einzutreiben. So wird auch die Judenschalt Rumäniens auf eine sichere Grundlage gestellt werden," „Ich weiss," fuhr Carp fort, „dass die Juden in Rumänien nicht in rosigster Lage sind. Allein die Stimmungen im Volke, die Verhältnisse im Lande machen es unmöglich,, dass ihnen heute die volle Gleichberechtigung ein- . geräumt werde. Ja, im Jahre 1881, als der Berliner Vertrag in Rumänien zur Discussion kam, war der Moment, den Juden die unbedingte Gleichberechtung einzuräumen. Bratianu hatte damals nicht die Energie, es zu thun. Sie wissen, nur eine Stimme erhob sich für volle Gleichstellung der Juden — es war meine Stimme." Damit schloss die JJnterredung." Zionisten auf den Philippinen. Eine hochinteressante Meldung liegt von den Philippinen-Inseln vor. Wie zwei dortige Blätter („Manila Freedom* und „The American") melden, haben sich die auf den Philippinen weilenden jüdischen Soldaten zu einer zionistischen Gesellschaft vereinigt Die Meldung ist umso erfreulicher, als, wie die Blätter melden, diese Gründung ohne äusseren Eintluss, auf einen freiwilligen Entschluss der jüdischen Soldaten hin, erfolgte. Sowohl „Manila Freedom" als auch „The American" bringen dem neuen zionistischen Soldatenverein in warmen Wollen ihre Sympathien zum Ausdruck. Wir hoffen, in Kürze Näheres über den Verein berichten zu können. Zur Broschüren-Wettbewerb der „Welt". Die Redaction der „AVeit" theilt hierdurch mit, dass die eingelangten Broschüren den Preisrichtern übersandt wurden und von diesen zur Zeit geprüft werden. Heber das Resultat der Preisausschreibung dürften wir zu Beginn des nächsten Monates berichten können. Doctor Bloch. (Schluss.) Durch das Zusammentreffen einer ganzen Reihe von Umständen wurde das Geschäft der Zionistenbekämpfung für Dr. Bloch in den letzten Wochen zu einem sehr ausgedehnten und damit auch — in seinem Sinne — sehr ergiebigen. Zu dem Wahlkampfe und den zwischen den Zionisten und dem Vorstande der „Allianz" in Angelegenheit der rumänischen Auswanderer schwebenden Zwistigkeiten, kamen die Nor d au'schen Artikel über die politische Gleichberechtigung der Juden. — Sie erschienen nicht etwa auf Verabredung, wie es die „Oesterreichische Wochenschrift" kritiklosen Lesern weismachen wollte, sie fielen aber zweifellos auf einen wohlvorbereiteten Boden, um den ganzen Groll und den tiefen Hass, der in gewissen Kreisen gegen die Zionisten angehäuft war, zur Explosion zu bringen; überdies boten sie gewissen Herren endlich die erwünschte Gelegenheit, um ihre persönliche Rancune — man erinnert sich gewiss noch an Nordaue„ Tempelstreit" — befriedigen zu können. Was die Wiener Zionisten im kleinen gethan hatten, das hat Nordau im grossen geübt, nämlich Kritik an dem Bestehenden; jene allerdings nur an hergebrachten Richtungen in der Verwaltung jüdischer Institute, Nordau aber an einer das Golusjudenthum seit einem Jahrhundert beherrschenden Idee. Diejenigen, die Ni etzsches Wort von der „Umwertung der Werte" im spöttischen Sinne auf Nordau angewendet haben, sind wohl himmelweit davon entfernt, die Grösse der geistigen Leistung auch nur zu ahnen, die dazu gehört, um den Glauben an ein durch ein Jahrhundert hindurch für unerschütterlich gehaltenes, vermeintliches Axiom, das durch Generationen hindurch die Geister und die Gemüther beherrscht hat, ins Wanken zu bringen, oder doch wenigstens in denkenden Köpfen das Bedürfnis nach erneuter Prüfung seiner Grundlagen zu wecken. Es handelt sich um die weltlich gebildeten Juden des 10. Jahrhunderts geradezu fascinierende Anschauung, dass die Erlangung vollster politischer Gleichberechtigung das Ziel ihres ganzen Strebens bilden müsse und dass mit Erreichung dieses Endzieles die Judennoth ein Ende habe. Mit der ganzen Wucht seiner Beredsamkeit wendet sich Nordau gegen diese Meinung. Er übt nicht blos Kritik an der bisher von den Führern der Juden eingeschlagenen, von der Masse acceptierten Politik, sondern macht auch, wo er die bisher gewandelten Wege misbilligt, neue positive Vorschläge. Die Grundvoraussetzung seiner Betrachtungen, die, so selbstverständlich sie bei jedem anderen Volke wäre, bei dem jüdischen doch nicht überflüssigerweise besonders ausdrücklichhervorgehoben wird, ist die, dass es ein jüdisches Volk gibt und dass dieses leben will und dass es heute eine, wenn auch vorläufig kleine Minderheit innerhalb des jüdischen Volkes gibt, welche mit klarem Bewusstsein will, dass das jüdische Volk weiterlebe und welche felsenfest daran glaubt, dass dieses Weiterleben möglich ist, wenn das jüdische Volk nur einige Anstrengungen macht, die es bedrohenden inneren Schäden und äusseren Gefahren zu bekämpfen. Der Erfolg dieser Minderheit hängt nur'davon ab, ob es ihr gelingt, für die von ihr vorgeschlagene Volkspolitik die grosse gedankenlose Masse der Juden, die dem Judenthum triebhaft anhängt, zu gewinnen. Auf Grund seines Volksbewusstseins und seines Glaubens an die Zukunft des jüdischen Volkes wendet sich Nordau mit seinen Ausführungen und Vorschlägen an die ihrem Volke treuen Juden, um diesen das Nachtheilige einer blos auf die Erlangung der Emancipation gerichteten Volkspolitik darzulegen und die Notwendigkeit einer neuen Volkspolitik, für die er die positiven Grundsätze entwickelt, klarzumachen. Nordau ist der tiefen Ueberzeugung, dass für eine Volkspolitik der ersten Art die Vorbedingungen noch nicht gegeben waren, dass die durch sie erlangten Erfolge nur Scheinerfolge waren, dass die Erfolge der Einzelnen für die Gesammtheit in der Regel eine Schädigung bedeuteten und dass die Nachtheile für das Gesaimntvoik gegenüber den Vortheilen für einzelne Individuen sehr schwerwiegende sind. Gegenüber einer solchen zum Untergange führenden Politik müsse eine, das Leben des Gesammtvolkes kräftig fördernde eingeschlagen werden. Nordaus Vorschläge zielen im Wesentlichen auf eine Concentration der Kräfte, auf eine richtigere Oekonomie in der Verwerthung der dem Volksganzen zu Gebote stehenden physischen und moralischen Mittel. Höhere Ausbildung unserer Leistungsfähigkeit, Steigerung unserer Kräfte durch Einschränkung unserer Betätigung auf engere Gebiete, weise Zurückhaltung in demnach aussen gerichteten Streben, kluge Selbstbeschränkung auf das wirklich Erreichbare und Vermeidung des Jagens nach problematischen Erfolgen, das sind die einfachen Formeln, die unser Vorgehen regeln sollen und die uns befähigen sollen, die höheren Anforderungen, die unsere Zugehörigkeit zum jüdischen Volke an uns stellt, zu erfüllen. Und weit höhere Anforderungen sind es in der That, die die von Nordau vertretene neue Volkspolitik an uns stellt, aber gerade darin kennzeichnet er sich als wahrer Prophet gegenüber den falschen. Er schmeichelt nicht unserer Eigenliebe, er wiegt uns nicht durch falsche Vorspiegelungen in ein Gefühl von Sicherheit, das nur Untätigkeit erzeugt, sondern er verlangt, dass wir uns rühren, dass wir uns stemmen. Er stellt höhere sittliche Anforderungen an uns, er setzt uns höhere Ziele, er weckt ein stärkeres Verantwortlichkeitsgefühl in uns. Wir selbst, durch unsere eigene Thatkraft, durch unsere Willensstärke, durch zieibewusstes unablässiges Arbeiten an uns selbst, sollen unsere Erlösung herbeiführen; wenn wir nur als aussergewöhnüch tugendhafte Menschen uns zur Geltung zu bringen vermögen, wenn wir nur als Mustermenschen uns ein menschenwürdiges Dasein sichern können, dann müssen wir eben solche aussergewöhnlich tugendhafte, solche Mustermenschen werden, oder zugrunde gehen. „Seien wir besser, sittenreiner, gebildeter als die anderen'', suchen wir unsere Stärke aber auch unser Glück in sittlicher Arbeit, die ja unbegrenzt ist, also nie und nimmer versagen kann, wenn wir durch dieselbe Aufrichtung, Kräftigung, Ermutigung im Lebenskampfe erringen wollen. Aut dem Boden strenger, harter sittlicher Arbeit sollen wir wieder die Selbstachtung gewinnen, die uns durch die Assimilation abhanden gekommen ist, auf diesem Boden sollen wir uns zur Tüchtigkeit auf jedem Gebiete menschlichen Schaffens erziehen. Haben wir diesen Weg nur erst consequent betreten und haben wir eine Zeit auf demselben ausgeharrt, dann haben wir in uns selbst reichlich Ersatz gefunden für all das, was uns eine feindselige Aussenwelt versagt, dann dürfen wir auch mannhaft auftreten und sagen, „unsere Verfolgung und Marterung