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Die Welt · 1901-01-25 · 4 (25.1.1901) · p. 11

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
4 (25.1.1901)
Article
Die "Neue Zeit" über den Zionismus
Date
1901-01-25
Page
11 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 4 „Die #i Welt- Seite 11 bekennen dürfen als die polnischen Genossen zum nationalen Polenthum. Wenn Sie mit bewundernswerter Einsicht erklären: „Die Unabhängigkeit Polens ist nicht nur ein nationales Postulat, sondern auch eine Vorbedingung für die Entwicklung und die Macht des proletarischen Classenkampfes im polnischen Volke" — dann werden Sie auch gestatten, dass ich — wahrlich nicht mit weniger Berechtigung — Ihr treffendes Wort auch auf uns arme Juden anwende : „Die Errichtung einer jüdischen Heimstätte ist nicht nur ein nationales Postulat, sondern auch eine Vorbedingung fürdieEnt- Wicklung und die Macht des Classenkampfes im jüdischen Volke." Die polnische socialistische Partei hat die Führung im Emancipationskampfe des polnischen Volkes übernommen — mit Ihrem Willen — warum verweigern Sie den jüdischen Socialisten Ihre Einwilligung, wenn diese theilnehmen wollen am Emancipationskampfe des jüdischen Volkes? Hoffentlich doch nicht deshalb, weil Sie selbst ein Jude sind — das wäre nicht logisch, freilich auch nicht originell. Herr Zetter bäum, denn noch viele andere jüdische Genossen wurden aus diesem höchst subjectiven Grunde Antizionisten. Doch Vergebung — ich vergass, dass Sie uns Juden nur als eine Stammeseinheit auffassen, nicht aber als Nationalität, die sich „erst aus dem Element der Sprache constituiert." Wohlan, wir aeceptieren die Hypothese, hat doch auch Mathias Acher das „ V o 1 k" e r k a n n t als die „durch die nationaleC u Kur h i n d urchgegangene Rasse." Wir waren eine Nation — das ist unbestritten — wir zersplitterten in der Diaspora zum ursprünglichen Stamme, der sich nur in bestimmten Ansiedlungsgebieten wieder zum Volke verdichtete — das wird wenig bestritten, — wir haben unsere Rasseneigenschaften in voller Reinheit bewahrt und können uns daher auf einem gemeinsamen Territorium mit Hilfe einer gemeinsamen Sprache wieder zu einem Volke concentrieren — das wird überall bestritten, wo man sich vor den logischen Consequenzen dieserWahrheifc fürchtet. Das gemeinsame Territorium ist eine reine Machtfrage, die nichts mit dem Principe zu thun hat; die gemeinsame Sprache, die bei den östlichen Juden als Schriftsprache nie zu bestehen aufgehört hat, bedarf nur der Wiederbelebung durch den täglichen Verkehr, um jene Geschmeidigkeit und Elasticität zu erlangen, deren sie als culturvermitteindes Element bedarf. Was sagt nun Herr Zetterbaum? „Theoretisch scheint es jedo c h nicht ausgeschlossen, dass dieJuden wieder ihre Nationalität erlangen: dies würde in dem Augenblicke geschehen, wo sie eine eigene Sprache annähme n". Das klingt ja wie ein zionistisches Manifest, und in den schmetternden Fanfarenton mischt sich nur ein einziger Missklang: das ängstlich einschränkende Wörtchen „theoretisch". Dawären wir also glücklich bei dem Argument der Argumente angelangt, bei dem Vorwurfe der Utopie! Wie die segenspendende Sonne bricht dieser Vorwurf aus dem leicht zerstreuten Gewölke des kritischen ßeweismaterials, und der ermattete Kämpfer hebt mit letzter Kraft den entsetzlichen Gorgonenschild empor, von dem uns das todfcbringende Wort „Utopie* entgegenstrahlt! Wir wollen nicht bei dem vergnüglichen Genrebildchen verweilen, das uns einen Marxisten vom Schlage Zetterbaums zeigt, wie er gerade Utopieen bekämpft — das Bildchen heisst Selb.stironie und ist in allen social demokratischen Versammlungen zu sehen, in denen von Zionismus gehandelt wird — und wollen uns redlich bestreben, ernst und „wissenschaftlich" zu bleiben. Wir erstreben eine Heimstätte für das jüdische Volk. Unsere Mittel sind die nichtutopistischen Mittel der heutigen Gesellschaft Der Idealismus der zionistischen Bewegung ist auf ihren geistigen Gehalt beschränkt und nimmt keinerlei Einfluss auf die Form der Bewegung und auf ihre Mittel; Form und Mittel sind von nüchternem Realismus, da es sich dem Zionismus nicht nur um das Entfachen der jüdisch-nationalen Bewegung, sondern vor allem darum handelt, die freigewordenen Kräfte de.-; Judenthums innerhalb der gesicherten nationalen Grenzen für die Menschheit wirken zu lassen : die nationale Bewegung behält für uns nur ihren Zweck, solange sie ihre Richtung zum Ziele der Selbstemancipation nicht verliert Hier ist nur* die Wegscheide, wo wir uns von Zetter bäum und seinen Gleichgesinnten endgiltig trennen müsseu, denn wir glauben an eine Beeinflussung der Geschichte durch ihren Gegenstand — die Menschen — während Herr Zetter bäum das Individuum als willenloses Werkzeug des sich selbst verjüngenden und fortentwickelnden Begriffes „Geschichte* auffasst. „Ob die Juden wieder eine Nation werden, oder ob sie in ihrer Besonderheit ganz verschwinden, liegt im Schosse der ges ch ich fliehen Z ukun ft. Daher hat die jüdische Socialdemokratie an der nationalen Frage weder ein ideales noch ein reales Interesse, und hat ihr gegenüber gar keinen Standpunkt einzunehmen; sie muss die Entwicklungslinien für alle Fälle offen lassen." Dieser Behauptung, die nur in Verbindung mit einer leider nicht entwickelten — daher gänzlich unverständlichen — Weltanschauung möglich ist, haben wir zu erwidern : Der jüdische Volksstamm ist zur Erkenntnis gekommen, dass seine Existenzfrage nur auf dem Wege einer kräftigen und bewussten Autoemancipation zum Wohle des socialen und geistigen Fortschrittes gelöst werden kann. Das Judenthu in. dessen Stammesgefühle stärker sind als manche Nationalgefühle (siehe Zetterbaum, pag. 370, Zeile 6) hofft seine nationale Einigung durch zielbewusstes Zusammenfassen aller Stammeselemente zu erreichen. Die nationale Einigung desJude nthu ms erscheint als einzige — in absehbarer Zeit mögliche — Lösung des tausendfach verzweigten s ocialen Problems, das unter dem Namen „Judenfrage1 zusammengefasst wird. Das ist die Devise, unter der jüdische Bourgeois und Capitalisten sich zusammengefunden haben mit jüdischen Socialisten, gleich wie sich auf dem untergehenden Schiffe Passagier, Capitän und letzter Matrose zur Rettungsarbeit vereinigen. Ob das Schiff gerettet wird — das hängt in letzter Linie von den Elementen ab, aber es wird bestimmt sinken, wenn nicht alle Mann an den Pumpen sind. Ministerpräsident Carp über die rumänische Judenfrage. Uebcr ein Gespräch mit Ministerpräsident Carp äusserte sich ein Interviewer wie folgt: „ . . . Ich erlaubte mir die Frage, ob, wie dies vor einiger Zeit verlautet hätte, die Judenfrage in den Kammern zur Discussion kommen würde. Carp erwiderte: „Sie wird jedenfalls die Kammern beschäftigen, doch keineswegs als Judenfrage, sondern im Rahmen der Cultusfrage im allgemeinen." „Mein College Arion, der Minister für Cultus," fuhr Carp fort, „ist in diesem Augenblicke mit der Ausarbeitung eines Cultusgesetzes für alle in Rumänien ansässigen Culte beschäftigt, die ausserhalb der Staatsreligion stehen. Es handelt sich also, wenn ich mich wie ein Rechtgläubiger oder gar ein Theologe -ausdrücken würde, um die „Häretiker". Dies sind in Rumänien Katholiken, Protestanten und Juden, Die Juden, mindestens eine Viertelmillion an Zahl, sind unter den Häretikern das weitaus überwiegende

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