Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1901-01-25 · 4 (25.1.1901) · p. 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
4 (25.1.1901)
Article
Bilder aus Toynbee-Hall
Date
1901-01-25
Page
10 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3315905-3315910-3394157--24224-3394259
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 10 „Die O Welta Nr, 4 zwei oder drei etwa hundertundlünfzig solcher Kobolde. Hundertundfünfzig kleiner Gesichtlein lugen ängstlich, gierig, sehnsüchtig nach der Thür, in der wir stehen. Wie sie alle Künste erproben, um uns günstig zu stimmen. Die Aeuglein glitzeni, die Zähnchen erglänzen im kirschrothen Mund. Die Kleinen stellen sich auf die Zehen. Die Grossen heben die Hand, wie in der Schule. Jedes will bemerkt werden. Doch hier hilft dies alles nicht viel. Man verliest die Namen jener, deren Eltern sie angemeldet haben. Wie sie aufhorchen, welche Spannung und welche Befriedigung in den Gesichtern jener, die nun eingelassen werden. Wie stolz sie durch die Küche trippeln. Die grosse Schwester, sie ist zehn Jahre alt, bitte, sie führt das Brüderchen und die kleine Schwester. Eine Mutter harrt geduldig, lange, sehr lange, auf dem Arme ruht ihr ein kleines Kindchen, an den Falten ihres verschlissenen Rockes hängen ein Knabe und ein Mädchen. Wir fragen nach dem Namen — er ist in der Liste — sie übergibt uns ihre zwei Kinder, sie redet ihnen zu, fein artig zu sein. Dann hebt sie den Blick, es ist ein sorgendurchfurchtes Antlitz, aus dem müde Augen schauen. In diesem Gesichte aber liegt jetzt so viel innige Freude, Dank, Stolz — was weiss ich — kurz, meine Gnädige, so was muss man erleben. Wie die zwei kleinen Geschwisterchen Hand in Hand in die Halle trippeln — der Mutter noch einen freudigen Bück zuwenden. Der Junge ist drei Jahre alt — welch ein Mann, nicht? Wie glücklich er, ist, wie selbstbewusst. Das muss man sehen, Madame. Die Halle ist überfüllt und noch immer stehen Kinder draussen; Kinder mit bittenden Gesichtern, aus denen sehnsüchtige Aeuglein lugen. Es geht -nicht, Ihr kleinen Enterbten, es geht wirklich nicht — doch halt. Mädchen vor. Ihr Knaben, Ihr kommt ein andermal dran, seid galant. Die Mädchen huschen durch die Thüre, die Knaben gehen auch befriedigt weg; sie haben männlich überwunden, sie kommen das nächstemal hinein. Das sind Bilder, rührend, unterhaltend — wie Sie wollen — aber jedenfalls lohnend. Wir haben keine Bescherung vorgenommen, bei der elegant gekleidete Herren und Damen den armen Kindein klarmachen, wie gut es doch im Leben eingerichtet sei, wo neben dem Proletarier der reiche Wohlthäter steht. Wir haben für unsere Kinder eine Chanuka-Feier veranstaltet. Alle Lichtiein brannten an diesem Tage, ein stimmbegabter Cantor sang dazu, dann nahmen wir eine Jause. Eine in der Ges?llschaft als Pädagogin, Schrjfistellerin und Mensehenfreundin bekannte Dame, die der Halle eine grosse Summe zugebracht hat. kam mit einigen jungen Damen, sie wollte sich auch — unterhalten. Die jungen Damen — was die wollten, ich weiss es nicht, aber sie hatten bald die Situation erfasst, sie legten die theueren Hüllen ab und hielten den Kleinen die Tassen, sie reichten ihnen Gebäck, zum Schluss hatten sie rosige Backen. Ob sie da Inicht ganz unverhofft zu einer schönen Unterhaltung gekommen sind? Die Dame las den Kindern ein Märchen vor, dann wurde gesungen, unsere leiblichen Kinder spielten Ciavier für ihre neuen Brüderchen und Schwesterchen und zum Schlüsse bekam jedes Kind ein kleines Päckchen voll süsser Dinge, dazu die Knaben ein Messer, die Mädchen eine Puppe. Stellen sie sich vor, meine Gnädige, über hundert Kinder beschenken. Hundertmal jenes freudige Spiel der Mienen zu beobachten, für das wir bei den eigenen Kindern so viele Thorheiten begehen. Sie waren auch alle sehr glücklich, gewiss, nur ein Junge zögerte. Er wendete das Messer hin und her, er sah bittend empor — zu den Damen, die all diese Gaben mit freigiebigen Händen spendeten — er wollte etwas sagen. Er sprach auch: „Bitte, geben Sie mir lieber eine Puppe,", „Eine Puppe — für Dich?* „Nein, ich hab zuhause ein Sehwesterl — die ist krank." Ach, meine Gnädige, glauben Sie mir, es gibt ein Fülle von Unterhaltung in der Toynbee-Halle. Ich will ga nicht von den Kindern sprechen und von ihrem Glücks gefühl, obwohl es kein Kleines ist, so hundert Kinder gesichter in die Farben der Seligkeit zu tauchen, nein, voj uns spreche ich, von uns, die wir die Arbeit leister. belächelt, wer weiss, vielleicht bespöttelt von Ihre] Freunden, von Ihren Freundinnen. Spötteln Sie ruhig, meine ,'Gnädige, wir unterhalte! uns köstlich, königlich, in der Toynbee-Halle, an jeden Abend unterhalten wir uns, ganz besonders aber an den Sonntag-Nachmittagen mit unseren Kindern. S. Die „Neue Zeit" Uber den Zionismus. Von Egon Lederer. (Wien.) (Schluss.) Wenn wir den Wert der Z e 11 e r b a u m s c h e n Kritik des Zionismus nach der ihr zugrunde liegenden theoretischen Unbefangenheit bemessen wollen, fällt uns vor allem die äussere Behandlung des Stoffes auf, als bezeichnend für die Priorität des subjecüv-kritischen Willens vor dem objectiv-wissenschaftlichen. In seinem ersten Artikel versucht Zetterbaum, das Proletariat vor der nationalen Bewegung, Zionismus genannt, zu warnen, doch erst der zweite Artikel behandelt das grundlegende Problem des jüdischen Nationalismus; die Untersuchung wird also erst eingeleitet, wenn dasUrtheil bereits gefällt ist. Der Artikel „Zionismus und Socialismus" wäre vollständig überflüssig, wenn Herr Zetterbaum seine Ansichten über „die nationale Frage und das jüdische Proletariat" vorher servirt hätte. „D e rBegri ff unddieFrageder jüdischen Nationalität ist schwankend und unentschieden. Die geschichtliche Entwicklung wird über ihre Existenz entscheiden. Das jüdische Proletariat hat gegenwärtig und in absehbarer Zukunft gar kein reales oder ideales Interesse an der ganzen Angelegenheit/ Kenner der socialdemokratischen Orthodoxie werden durch diese sporenklirrende These kaum überrascht werden, die Kühnheit und Sicherheit der socialistischen Parteiphraseologie verblüffe nur diejenigen, die in dieser Hinsicht homines novi sind. Das jüdische Proletariat ist in seiner Masse nicht als „Mehrwert" produzierendes Element — gleich dem arischen Proletariate — entrechtet, es ist aus der Weltproduetion gedrängt und kann daher an ihren Kämpfen nur halben Antheii nehmen. Die Juden frage — das ist nicht d a s P r o b 1 e m desBegr iffes„Judenthu m", das ist die Lebensfrage jedes einzelnen Juden, und deshalb hat auch das jüdische Volk ein gar „reales" Interesse an seiner nationalen Entwicklung. Dem jüdischen „Stamme" bedeutet die Judenfrage die nationale Forderung nach Arbeit — dass heisst nach Cultur. Mit naiver Freude erzählt uns Herr Zetterbaum, dass in den socialistischen Organisationen Genossen, die sich als „Polen" fühlen, einträchtig mit Genossen arbeiten, die sich als „Juden" fühlen. Nun, Herr Z e 11 e r b a u m, wer hat Ihnen denn erzählt, dass die zionistischen Sociallsten mehr verlangen, als sich in den socialistischen Organisationen unverwehrt und o/ff e n als Juden fühlen zu dürfen? Missverstehen Sie uns nicht! Wir verlangen nicht, dass jeder Jude seinem Empfinden nach jüdisch sein darf — das lässt sich nicht fordern und nicht gewähren — wir verlangen nur, dass sich die jüdischen Genopsen ebenso 'offen und tjhatkräftig zum nationalen Judenthum

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.