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Die Welt · 1901-01-25 · 4 (25.1.1901) · p. 9

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
4 (25.1.1901)
Article
Jüdische Krankenpflegerinnen
Date
1901-01-25
Page
9 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 4 „Die 2$ Welt" Seite 9 nehmen und durchzuführen wäre, hat Frau Weiss in ihrem Vortrage gezeigt. Frau Dr. S. A. Weiss hat im letzten Sommer eine Studienreise durch Deutschland unternommen zu dem Zwecke, die bestehenden Lungenheilstätten, sowie die Organisation der weiblichen Krankenpflege zu studieren. Um recht gründlich zu Werke zu gehen, leistete sie im Berliner städtischen Krankenhause Friedrichshain, der Pflanzschule der „Victoriaschwestern", praktischen Kranken« pfiegerinnen dien st, indem sie eine erkrankte Schwester in ihrem Berufe vertrat. So lernte sie das Leben und Walten, das Wirken und Schaffen der Victoriaschwestern kennen, und mit der Lebendigkeit, wie sie nur die eigene Anschauung ermöglicht, entwirft sie ein Bild von dem Leben im Krankenhause und im Schwesternheim; sie führt uns die Victoriaschwester in ihrem Berufe vor Augen als verständnissvolle Gehilfin des Arztes, die nicht nur seine Anordnungen pünktlich und gewissenhaft ausführt, sondern auch ihn in der Beobachtung der Kranken ergänzt, alle Vorfälle im Krankheitsverlaufe sorgsam registriert, alle Vorbereitungen zu den vorzunehmenden Operationen selbststä'ndig trifft und einen grossen Theil des administrativen und Ökonomischen Dienstes, wie W^äschegebarung, die Verwahrung des Instrumentariums und dergleichen besorgt. Wir lernen auch die Victoriaschwester als milde Helferin der Kranken kennen, die denselben Muth und Trost zuspricht, ihnen ihre Leiden erträglicher macht und durch sorgsame und hingebungsvolle Pflege manches dem Tode nahe Menschenleben rettet; wir sehen sie endlich durch ihr Beispiel das niedere Pflegepersonal zu Ordnung, Pünktlichkeit, Gewissenhaftigkeit und Menschenliebe erziehen, den ganzen, die Atmosphäre des Krankenpavillons erfüllenden Geist beherrschen, damit auch auf die Kranken eine erziehliche Thätigkeit üben. Zu all diesen Leistungen wird die Victoriaschwester durch ihre Intelligenz befähigt, die ihr Pflichtgefühl schärft und ihr das Bewusstsein von der wahren Bedeutung und Würde ihres Berufes gibt. Kein Wunder, dass die ärztlichen Kreise und die Bevölkerung Deutschlands, soweit dieselben das Wirken der Victoriaschwester kennen zu lernen Gelegenheit hatten, ihres Lobes voll sind und dass das Vertrauen in ihre Thätigkeit und die Nachfrage na ch derselben stetig wächst. Zu gleicher Zeit mit dem Rudolfinerhaus in Wien gegründet, hat das Victoriahaus in Berlin einen Stand von ^60 Schwestern, während das erstere nur über einen solchen vou 23 verfügt. Die Victoriaschwestern sind heute in 22 Anstalten thätig, ausserdem an Privatkliniken und in der Privatkrankenpflege. Die Erfolge, auf die der Verein hinweisen kann, sind hauptsächlich der energischen, zieibewussten Thätigkeit der ersten Oberin Louise Fuhrmann zu danken, die mit sicherem Blick geeignete Kräfte heranzog, ungeeignete abwies und die Grundlage schuf zur Heranbildung der Schwestern, zur Organisation des Dienstes und deren edler und starker Geist in der ganzen Institution dauernd herrschend blieb. Die Vortragende zeigt uns, wie dieser Geist die Schwestern beseelt, wie er deren Beruf adelt, wie er die Krankenpflege auf ein höheres Niveau gehoben und zu einer vornehmen Kunst gestaltet hat, wie er die Berufsfreude erweckt und den Schwestern nicht nur ein gesichertes, sondern auch ein zufriedenes, harmonisches Dasein verschafft hat, das sie vor Verkümmerung des Geistes und des Gemüthes schützt und bei aller Hingabe an den Beruf doch davor bewahrt, dem Leben fremd zu werden und für die eigene Famile verloren zu gehen. In warmen, begeisterten Worten tritt Frau Dr. S. A. Weiss dafür ein, dass auch bei uns in Oesterreich weltliche Krankenpflegerinnen aus gebildeten Kreisen herangebildet werden, die durch Zusammenschluss in Vereinen den nöthigen Halt gewinnen und ihren Mitgliedern Alters- und Invaliditätsversorgung zu bieten imstande sind. Damit wäre nicht nur ein Stück der Frauenfrage gelöst, indem man zahlreichen gebildeten Frauen und Mädchen einen ehrenhaften Beruf eröffnet, der ihr Leben zu erfüllen und sie zu versorgen imstande ist, sondern auch eine wichtige, allgemeine sociale Aufgabe erfüllt, indem die Volksgesundheit gefördert und für Verbreitung richtiger hygienischer Anschauungen gesorgt würde. Die Gründe, die für die Allgemeinheit gelten, fallen speciell für uns Juden noch viel schwerer ins Gewicht, und zwar in dem Masse, als die socialen Aufgaben, die wir zu erfüllen haben, viel schwierigere sind. Uns thut es viel mehr als anderen Völkern noth, eigene Volksgenossen mit den Fähigkeiten auszustatten, dass sie. den Armen und Kranken unseres Volkes ihre Hilfe angedeihen lassen und dabei, erziehlich im weitesten Sinne des Wortes zu wirken vermögen. Auch bedeutet jede Erschliessung eines neuen Berufes für uns eine wirtschaftliche und moralische Kräftigung der Gesammtheit. Haben wir schon auf einem Gebiete Vorkämpfer aus unseren eigenen Reihen, dann sollten wir bezüglich der Ausführung nicht hinter anderen nachhinken. Wir sind doch nicht dazu verurtheilt, immer nur nachzuahmen. Gehen wir auch einmal in der praktischen Durchführung einer Idee mit unserem Beispiele voran. Für diejenigen, denen unser Volkswohl nicht bloss Phrase ist, bietet sich jetzt eine Gelegenheit zur praktischen Bethätigung. Dr. K. Bilder aus Toynbee-Hall. nr. Unsere Kinder. Meine Gnädige! Sie haben gelächelt, als wir von dieser sonderbaren Institution sprachen — von einer Halle, die eine Wärmestube, eine Theeanstalt und eine Bildungsstätte in sich vereinen sollte. Sie haben skeptisch gelächelt, denn Sie kennen ja „Ihre Juden". Sie wissen, dass sie sich weite Ziele stecken, die sie mit einseitigem Eifer verfolgen, um sie bald wieder zu verlassen. Sie erinnerten an den Aufschwung des Radsportes, des Tennisspieles, an die „sociale Frage", an die Secession, kurz an alle Probleme, die bei den „Jours" das Tagesgespräch bildeten und die nun vollständig überwunden sind. Wir sind freilich etwas zäher als „Ihre Juden", wir sind die Kinder jener Männer, die seit zwei Jahrtausenden — denken Sie mal, wie viele „Jours" es seither gegeben hat — immer einen Gedanken verfolgen, eine Frage zu lösen suchen. Doch nein, das gehört gar nicht hieher; wir haben nicht als Zionisten für Zionisten etwas schaffen wollen, sondern als Juden für Juden, als Menschen für Mitbrüder, die man sonst überall als Geschöpfe zweiter Kategorie behandelt. Nun, die Sache ist durchgeführt — die Halle ist eröffnet, sie hat sich bewährt und sie ist nicht nur Wärmestube, Theeanstalt und Bildungsstätte; sie ist auch ein Un t erh altun gsl o cal. Ich meine nicht bloss eine Stätte der Unterhaltung für unsere Besucher, nein, auch für uns. Unsere Frauen — nun, die finden ein ganz besonderes Vergnügen daran, in der zugigen Küche die Samovare anzublasen, den Thee zu bereiten, die Schalen zu füllen, sie binden die Schürzen vor mit einem Stolze, mit dem Sie, meine Gnädige, eine neue Schoss von Drecoll oder Hoffmann probieren, und die Mädchen, die wackeren Mitglieder der „Hadassa" und der „Moria" — es sind auch andere^dabei — die sind alle ganz versessen auf das Vergnügen. Denken Sie, das sind zumeist Mädchen, die in einem Berufe stehen, die tagsüber ihren schweren Dienst im Comptoir versehen, Untericht ertheilen oder die eine Hauswirtschaft leiten. Und am Abend, da drängen sie sich zu Arbeit in der Halle, sie tragen die Servierbretter in den vollen Saal, sie bieten ohne Ermüdung jedem Besucher eine Tasse Thee und drängen sich durch die Massen, damit kein Besucher zu kurz komme. In der ersten Zeit ermüdeten sie so sehr, dass es Ohnmachtsanfälle gab. Sie wissen ja.. Madame, dass dies auch auf Bällen vorkommt, bei grossem Gedränge. Jedes Vergnügen hat seine Gefahren. Sie lächeln? Sie haben mich errathen? Ich foppe Sie ein wenig. Wahrhaftig nur ein ganz klein wenig, denn sehen Sie, im Grunde ist uns die Toynbee-Halle wirklich eine Stätte der Unterhaltung. Denken Sie an Kinder, meine Gnädige, an zwei, drei liebliche Gesichter kleiner Engelchen, an runde Gesichtchen mit rothen Wänglein und blitzenden Schelmenaugen. Welch eine Fülle reinen Glückes strömt nicht aus diesen putzigen Menschenpflanzen. Und nun stellen Sie sich vor, anstatt

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