Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 4 (25.1.1901)
- Article
- Die Fragen der körperlichen, geistigen und wirtschaftlichen Hebung der Juden : jüdische Volksbildungscurse
- Date
- 1901-01-25
- Page
- 8 (sequence 1)
- Language
- German
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Seite 8 „Die & Welt*6 Nr. 4 Die Fragen der körperlichen, geistigen und wirtschaftlichen Hebung der Juden. Jüdische Volksbildungscurse. Schon hat die wunderschöne Institution, die wir seit kaum zwei Monaten besitzen, nicht nur ihre Blüthen gezeitigt, sondern auch neue Ausläufer hervorgebracht. Man hat bereits anderwärts Toynbee-Hallen gegründet, und es wird hoffentlich nicht lange währen, bis die anderen grossen Städte nachfolgen und bis in den grössten, z. B. in Wien der Besuch einer unter mehreren Toynbee-Hallen nicht nur einer auserwählten Zahl glücklicher Erstankömmlinge vergönnt sein wird. Dass uns die neue Einrichtung sofort etwas so Selbstverständliches, Tägliches, Herzliches geworden ist, das wird wohl das Beste sein, was wir ohne einzelne Aufzählungen an ihr preisen können; wir werden dafür ihrem Gründer und ihren Gründern stets dankbar sein müssen. Prof. Kellner hat nicht eine englische Einrichtung nachgeahmt, sondern sie für uns neu geschaffen. Er hat beinahe, so paradox es klingen mag — ein schönes, modernes Institut in einen altjüdischen Brauch verwandelt. Aus dem Emporblühen der Toynbee-Hallen erkennen wir immer mehr, dass die Volksbildung einer der wichtigsten Punkte des zionistischen Gegenwartsprogrammes sein muss. Wir können aber auch lernen, was wir speciell unter jüdischer Volksbildung zu verstehen haben. Es gab gewiss auch in Bezug auf diese herrliche Sache viele aus „Klugheit" Ungläubigen, die da erklärten, es sei kein Bedürfnis, mindestens kein Verlangen vonseiten des Volkes da, und doch mussten sie sofort einsehen, wie die ohne Verlangen des Volkes entstandene Bewegung — was ja im Grunde selbstverständlich ist — doch im Volke das lebhafteste Bedürfnis und die innigste Freude hervorgerufen hat. Wie da die Leute herkommen und mit Vergnügen hören, was immer ihnen geboten wird, fühlt man sofort: Da ist etwas vorhanden, was man selbst in Hörsälen der Universitäten vermissen könnte, die Wärme und Gemüthlichkeit des gegenseitigen Entgegenkommens. Und nicht der Gebildete belehrt den Ungebildeten, sondern der Freund erzählt dem Freunde, der Volksgenosse dem Volksgenossen, scheinbar plänlos, den einen Abend dies, den anderen jenes — und unwillkürlich krystallisiert sich ein gewisser Vortragsplan heraus. Wir sehen den alten Wissensdurst unseres Volkes, seine Art, das Wissen wie eine Gemüthssache aufzufassen, und manchem Dogmatiker würde bange werden, wenn er hier gewahr würde, wie der Unterschied zwischen dem geistigen Verständnis mancher Gebildeter und mancher Laien nicht zu hoch genommen werden darf. Wir sehen, wie die Massen mit wachsender Bildung immer mehr zum Verständnisse ihres Volksthums gelangen müssen, und wie Volksbildung schliesslich mit der äusseren und inneren Gestaltung eines Volkes zusammenhängt. Von neuen Gesichtspunkten betrachten sie ihre eigene Geschichte, ihre eigenen Verhältnisse und vereinigen sich so, fast unbewusst, im Zeichen der geistigen Zusammengehörigkeit. Allerdings wirddasSystem der Toynbee- Hallen nicht das einzige sein, nach welchem die Volksbildung überhaupt verbreitet werden wird, und zwar mit Rücksicht auf die in Betracht kommenden Gegenden und die verschiedenen Lebensalter. In den östlichen Ländern ist jedenfalls die Nothwendigkeit der Volksbildung am grössten, und hier, wo die Grundlagen einer gesunden Volksbildung am schwächsten entwickelt sind, wird — ohne dadurch den gemüthlichen Charakter von Theeabenden aufzuheben — das Vortragswesen mehr in Curse-n lehrhafteren Charakters bestehen müssen. Das gilt auch für bestimmte Schichten der westlichen Juden. Insbesondere wird die Jugend alle für das praktische Leben nothwendigen Fächer, sowie jene, mit denen sie sich aus rein theoretischem Interesse beschäftigen will, in einer an Volks- und Bürgerschulen anknüpfenden Methode sich aneignen müssen. Vor einem Mangel an Leitern derartiger Curse können wir sicher sein, noch mehr vor einem Mangel an Theilnehmern, am allermeisten vor einem Mangel an gegenseitigem Eifer. Wenn wir sehen, mit welcher Aufmerksamkeit da unten in der Toynbee-Halle das alte Mütterchen dem schwierigsten Thema lauscht, dann dürfen wir gewiss annehmen, dass junge Leute mit grösstem Interesse solche Facheurse hören werden, die sie wichtigen Lebensfragen gegenüber muthiger und kundiger machen, aber auch solche, in denen sie verborgen schlummernde Neigungen für theoretische Fächer Z.B.Geschichte, Literatur- oder Kunstgeschichte, befriedigen odert solche, wo sie Sprachwissenschaft treiben, beispielsweise Hebräisch und überhaupt Judaica lernen können. Um nicht ins Blaue hinein zu reden : Es wird in kurzer Zeit in Wien ein Verein (unter akademischer Leitung) zusammentreten, der sich die planmässige Volksbildung zum Ziele gesetzt hat. Wiewohl das Unternehmen vorerst lieber als Versuch genommen werden möchte, sind wir doch vollkommen überzeugt, dass aus dem Versuch, wenn nur in der allerersten Zeit die nothwendige Unterstützung da sein wird, bald etwas Werthvolles werden wird. Wir glauben sogar fest, dass der neubegründete erste jüdische Volksbildungsverein in Wien nicht lange der einzige bleiben wird. Jüdische Krankenpflegerinnen. Vor nahezu 3 Jahren habe ich an dieser Stelle die Heranbildung von jüdischen Krankenpflegerinnen angeregt und auf die mehrfache Bedeutung dieser Frage vom nationaljüdischen Standpunkte hingewiesen. Seither wurde wiederholt diese Frage discutiert; es wurde auch schon vom Vorstande der Wiener Cultusgemeinde die Errichtung einer Pfl egerinnenschule im Anschiuss an das Rothschildspital in Aussicht genommen. Allein über das Stadium theoretischer Besprechungen ist die Sache nicht gediehen, trotzdem die Organisierung der Krankenpflege und die Erschliessung neuer Berufe für Mädchen und Frauen aus den gebildeten Ständen in den letzten Jahren immer und immer wieder zum Gegenstande öffentlicher Discussion gemacht wurde und das öffentliche Interesse auf sich zog. Nun ist Dank den Bemühungen einer Volksgenossin, der Frau Henriette Weiss, der Witwe des Dichters S. A. Weiss, die Frage der Heranziehung gebildeter weiblicher Kräfte zur Krankenpflege und der Gründung von Vereinen, welche den gebildeten weiblichen Krankenpflegerinnen einen festen Halt und eine sichere Versorgung gewähren sollen, neuerdings in Fluss gebracht worden. Wie sich aus dem Interesse, das sich für die Bestrebungen der Frau Dr. Weiss kundgibt, schliessen lässt, ist der Zeitpunkt des Inslebentretens eines solchen Vereines nahe bevorstehend. Ein vorbereitendes Comite ist bereits in Bildung begriffen, und die Regierungskreise stehen der Sache wohlwollend gegenüber. Frau Dr. Weiss hielt am 21. d. M., um weitere Kreise für ihre Idee zu gewinnen, im „Wissenschaftlichen Club" einen Vortrag über „die Victoriaschwester", die in Deutschland gegenwärtig beliebteste und geachtetste Krankenpflegerin, und empfahl für die bei uns zu gründenden Pflegerinnen - heime das „Victoriahaus" in Berlin als Vorbild. Diesem Vortrage wohnten bei: Statthalter Graf Kielmannsegg, die Statthaltereiräthe Rovetz und Netolitzky, der gew. serbische Ministerpräsident Dr. Viadan Georgevitsch und von hervorragenden Aerzten Prof. Schauta, Dr. Josef Breuer, Primarius Dr. Pfleger, von Cultusvorstehern Herr Salo Cohn, Herr Isidor Gewitsch, der Secretär der Cultusgemeinde kais. Rath Lieben, Hofrath Kareis u. V. a. Vielleicht wird gerade der Umstand, dass Vertreter und Mitglieder der Cultusgemeinde sich von der Sympathie anderer hervorragender Persönlichkeiten für die Sache überzeugen konnten, einen Anstoss bilden, dass die Cultusgemeinde nun doch an die Realisirung des schon lange bestehenden Projectes schreitet. Es wäre gar zu beschämend, dass eine Sache, für welche jüdische Kräfte sich so sehr eingesetzt haben, nicht auch uns Juden zustatten käme. Wie die Sache in Angriff zu