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Die Welt · 1901-01-25 · 4 (25.1.1901) · p. 7

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
4 (25.1.1901)
Article
Offener Brief an Herrn Dr. Max Nordau!
Date
1901-01-25
Page
7 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 4 „Die 2$ Weit" Seite 7 Noch ein Grund für meine Bekämpfung : Es kann von grossem Nutzen sein, zu wissen, dass es Zionisten gibt» welche manchmal andere Anschauungen haben, als die Führer, beispielsweise andere als Sie, der Sie durch ihre Stellung in der modernen Literatur ganz natürlich starken Einfluss auf den Zionismus üben. Der Zionismus ist und muss eine demokratische Bewegung sein, wie das Juden thum immer demokratisch war. Darumist es wünsch enswerth, dass auch die Meinung derer, die nicht an der Spitze stehen, gehört wird, damit unsere Gegner nicht immer den Zionismus als Nordauismus oder Herzlianismus hinstellen. Aber jetzt zur Sache. Was ich bestreiten will, ist Ihre Schlussfolgerung, dass die Juden auf ihre politischen Rechte verzichten, Aemter und Ehrenstellen, ausserhalb der jüdischen Gemeinde nicht annehmen sollen. Ich hoffe zu beweisen, dass diese Meinung wegen der Unrichtigkeit Ihrer Voraussetzungen — unrichtig ist. Es ist nicht wahr, dass in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts die Juden ihre nationalen Ideale aufgaben. Jeder, der sich seiner Grosseltern erinnert, weiss, dass diese religiös waren, und voll Ueberzeugung an die /Erlösung" glaubten; ich selbst, obwohl kein orthodoxer Jude, hege denselben Glauben. Unsere Eltern, wie unsere Grosseltern und glücklicherweise noch viele unserer Zeitgenossen haben Menschenkenntnis genug, um zu wissen, dass absolute Gleichstellung mit den Christen für uns Juden nicht existiert. Jeder National-Jude beweist gerade durch sein National-Judenthum, dass er an die Gleichstellung mit Nicht-Juden nicht glaubt. Gewiss, die Juden wünschten und wünschen noch jetzt politische Rechte, weil diese das Mittel sind, sich ihre bürgerlichen Rechte zu sichern. Würden die Juden Stimmrecht haben — angenommen Russland wäre ein konstitutioneller Staat —^so könnten sie dadurch Einfluss üben. Nach Ihrer Meinung sollten etwa die ^englischen Zionisten , eine Dummheit begangen haben, die mit ihren Stimmzetteln zionistischen Bestrebungen zu dienen wünschten. Gerade um den Juden die bürgerlichen Rechte vorenthalten zu können, verweigert Rumänien ihnen die politischen. Ich will zugeben, dass, wenn das Volk für die Anerkennung der Menschenrechte für die Juden noch nicht reif ist, der Stimmzettel in jüdischen Händen für sie selbst eher gefährlich sein würde. Aber auch um dasjenige zu behalten was man hat, ist Kraftaufwand nöthig; für denselben brauchen wir politische Rechte. Ich erkenne an, dass die Juden — im Besitze ihrer politischen Rechte — dieselben nicht immer zweckdienlich benutzt haben. Aber weshalb denn? Weil damals nur wenige die Fähigkeit besassen, das Judenthum zu vertreten, die Auswahl war klein und gewöhnlich wurden nicht die besten Juden, sondern es wurden die ehrgeizigsten Juden gewählt und natürlich waren diese die Ersten, welche ihr Judenthum verleugneten. Aber jetzt sind wenigstens in Westeuropa die Zustände verändert. Es gibt eine Anzahl Juden, die ihr Judenthum hochhalten und zugleich fähig sind, es zu vertreten. Die Uebergangszeit ist vorbei. Man muss freilich constatieren, dass sowohl die Orthodoxen als die freireligiösen Juden, öfters einen guttönenden Namen einem wohlwollenden Herzen vorgezogen haben, aber will nicht gerade gegen diesen Fehler der Zionismus Stellung nehmen? Selbst unsere Gegner müssen dies zugeben, und jetzt, nachdem ein Geschlecht erstanden, das sich als Jude fühlt und als Jude zeigt, jetzt sollten wir zum Schlüsse einen Zapfenstreich blasen? Der Zionismus hat jetzt Juden hervorgerufen, die gerade sowenig wie ein gutgläubiger katholischer oder protestantischer Christ sich ihres Glaubens schämen, und wenn gewählt, für ihren Glauben und ihr Volk in die Schranken treten würden. Was wäre der Zionismus für uns west-europäische Juden, wenn wir auf das Protzenthum angewiesen blieben, um unsere jüdischen Angelegenheiten zu versorgen, auf diejenigen, die nichts besseres für das Judenthum schaffen köunen, als ihr Judesein zu vertuschen? Ob unsere Juden die Antisemiten ärgern würden? Ich glaube, dass wir uns, um diesen Herren angenehm zu sein, nicht zurückzuziehen brauchen. Warum ist dem frommen Protestanten ein katholischer Richte]- oder Beamter sympathischer als ein jüdischer oder umgekehrt? Ich weiss genau, dass hier in Holland gerade das Gegentheil der Fall ist. Aber der Jude, der sein Judenthum vertuscht, kann gerade sowenig wie der Mann, der sich seiner Vergangenheit schämt, Vertrauen erwecken. Und diese Juden müssen wir auf jedem Gebiet bekämpfen, weil man uns für ihre Charakterlosigkeitverantwortlich macht. Die katholischen Christen sind in Holland, Deutschland und England gerade sowenig Sieger wie die Juden und bilden auch keine Mehrheit der Bevölkerung; sind wir weniger als sie? Und sollen wir uns als geistig inferior zeigen und uns von allem, worauf wir Recht haben und wozu wir die Fähigkeit besitzen, zurückziehen? In einem modern-demokratischen Staat gehören politische Rechte zu den Menschenrechten. Ich gebe zu, dass man bescheiden seine Rechte anwenden muss, aber ich werfe den Juden gerade zu grosse Bescheidenheit vor, weil sie gewöhnlich Männer wählen, von denen bekannt ist, das sie die Interessen der Juden nicht vertreten wollen, das sind Paradefiguren, statt Vertheidiger unserer Interessen. Auf viele Juden drückt noch die alte Ghettolufi Sie wagen es nicht, von ihren Abgeordneten Verantwortung zu fordern, wenn er nur einen guttönenden Namen hat; sie sind zu bescheiden gegenüber den Bauchjuden. Solche' Zustände sollen aufhören. Ist kein wahrer Jude da, wählet dann lieber einen liberalen, conservativen oder sozialistischen Christen, es ist alles egal, wenn es nur Männer sind, die unser Wahlprogramm unterschreiben. Die Juden müssen endlich aufhören, als anticlericale Schleppträger der Liberalen aufzutreten, gerade Wien hat ja gezeigt, welche Früchte so etwas zeitigt. Gewiss, um Richter- oder Officierstellen zu betteln brauchen wir nicht. Wir werden sie erhalten, wenn wir selbstbewusst auftreten. Es muss möglich werden, Beamter zu sein, der seinen speciell jüdischen Pflichten genügen kann. Auch das wird kommen, wenn die Juden sich als J u d e n zeigen. Wenn es nicht geschieht, dann werden wir ins Ghetto zurückgetrieben werden. Durch sociale und ökonomische Strömungen kommen die meisten Grossindustrien je länger je mehr in die Hand der Gemeinschaft und nehmen die freien Kaufleute ab. Wollen Sie nun die Juden alle in den Handelsstand zurückführen? Gewiss, auch die Wissenschaft bietet ein gutes Feld, aber auch da sind die Juden schon stark vertreten. Oder wollen Sie das wissenschaftliche Proletariat von Ost-Europa nach dem Westen bringen? Dies kann Ihre Meinung nicht sein. Gewiss wird die Welt uns danken, wenn wir ihr Pasteurs und Kochs erzeugen, wie sie uns jetzt für einen Spinoza, Israels und anderen dankt. Aber solche Männer sind Ausnahmen, und die Sympathie, die man für sie hat, ist öfters dem Neide ähnlich. Dann sagt man wieder : Ihr Juden seid tüchtiger als wir, darum müssen wir an Euch höhere Ansprüche stellen, sonst überflügelt ihr uns. Solche Aussprüche stören unserere grossen Männer nicht, aber sie schaden dem Durchschnitt. Ich resümiere also : Eine gute Volkspolitik ist diese, welche von ihren Menschenrechten Gebrauch macht, und wo Bürgerrechte bestehen, auch diese zu benutzen weiss. Eine schlechte Volks po.litik wäre es, wenn man auf die einem zustehenden Rechte verzichtet, weil man eben dadurch denen am meisten schadet, die einem am nächsten stehen. Hochachtungsvoll und mit Zionsgruss Ihr Sie hochschätzende]* G. C. Polak, Redacteur des „Centraal-Blad voor Israelieten in Nederland" Abth. „Zionisme".

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