Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1901-01-25 · 4 (25.1.1901) · p. 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
4 (25.1.1901)
Article
Der erste Türke
Date
1901-01-25
Page
6 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3315709-3315905-3315910-3394153--24213-3394255
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 6 „Die 2& Welt- Nr. 4 Juden versicherten, die nunmehr berechtigt sind, Landbesitz zu erwerben?" „„Nein; denn die Regierung würde sogleich Verdacht schöpfen und die jüngst erlassene Verordnung, die dem Einflüsse des Herrn Fernandez in Constantinopel zu verdanken ist, widerrufen."" „Es sind Gerüchte zu uns gedrungen über gewisse Misshelligkeiten, die in den Colonien seit deren Uebergabe in neue Hände herrschen sollen. Ist etwas Wahres an diesen Gerüchten?" „„Es kann nicht geleugnet werden, dass die Colonien eine ernste Krise durchmachen, allein ich hoffe, dass die Schwierigkeiten sich in befriedigender Weise werden lösen lassen. Sehen Sie, die Colonien sind aus väterlicher in vormundschaftliche Hand übergangen. Baron Edmund v. Rothschild betrachtete die Colonisten als seine Kinder — er kannte thatsächlich alle ihre Kinder beim Namen — und sie sahen sich selbst als solche an. Sie waren gewöhnt, Hilfe zu empfangen, und Hilfe von aussen wirkt erschlaffend. Könnte bloss ein Weg zu ihrem Herzen gefunden werden, so müsste es nicht blos vollkommen möglich sein, die Colonisten selbständig, sondern auch, sie opferwillig zu machen. Es wird nicht schwer sein, sie zu leiten, denn sie waren auch bisher gewöhnt, sich den Anordnungen zu fügen."" „Ist es richtig, dass zahlreiche Colonisten infolge der Unzufriedenheit mit der neuen Ordnung der Dinge auswandern?" „„Nein, die Colonisten rerlassen das Land nicht. Aber es gibt in allen Colonien Arbeiter, die nicht wie die Colonisten eigenen Grund und Boden haben. Einige von diesen Arbeitern nun möchten sich in Egypten und anderwärts niederlassen, und diesen will die „Jewish Colonisation Association" die Reisespesen bezahlen. Was den gegenwärtigen Stand der Colonien betrifft, so braucht niemand zu fragen, wo eine jüdische Colonie beginnt. Ueberall, wo der Boden gut gepflegt ist und einen schönen Anblick bietet, da können Sie sicher sein, dass Sie jüdischen Besitz vor sich haben. Es ist Ihnen ohne Zweifel bekannt, dass die Weine und Spirituosen von Rischon-Lezion in der Pariser Ausstellung die einzige goldene Medaille erlangt haben."" „Vielleicht könnten Sie die Leser des „Jewish Chroniele* über die Institutionen der Alliance israelite in Palästina informieren." „„Es sind Verbesserungen vorgenommen worden in der Gewerbeschule in Jerusalem, und ein schönes Gebäude ist für die Volksschule errichtet worden. Auch wurde ein Lehrcurs für verschiedene Arten der Weberei in der Gewerbeschule eingeführt, und es wurden von den in der Schule verfertigten Geweben Muster an die Directoren aller Allianceschulen gesandt, damit diese die Stoffe zu der Kleidung ihrer Zöglinge von der Jerusaiemer Schule beziehen mögen. Die Lehrlinge werden gründlich unterrichtet und lernen jetzt Zeichnen, was von grossem Nutzen für sie sein wird. Die „Jewish Colonisation Association" hat einen ansehnlichen Geldbetrag zur Gewährung von Darlehen an jüdische Handwerker und Gewerbsleute in Jerusalem zur Verfügung gestellt, und da Herr Antebi, der gegenwärtige Director der Schule, diese Wohlthaten vermittelt hat, gestalten sich die Beziehungen der Handwerker zu der Anstalt viel freundlicher als bisher. Mikweh Israel bei Jaffa prangt „wie ein Garten des Herrn im Lande Egypten." Auch im Garten Sir Moses Montefiores werden gute Fortschritte erzielt."" „Man glaubt allgemein, dass Sie bestimmte Ansichten über den Zionismus haben." „„Jawohl, die habe ich. Ich mussgestehen, dass die Bewegung frisches Leben gebracht hat dahin, wo vorher Trägheit herrschte. Zugleich aber halte ich es für bedauerlich, dass die Zionisten allzusehr auf das Geld vertrauen — ein anderer würde sagen : auf das goldene Kalb. Die Zionisten wähnen, sie könnten für Geld alles bekommen, allein jeder, der mit dem Stand der Angelegenheiten in Palästina vertraut ist, weiss, dass aller Reichthum der gesammten Judenheit nicht genügt, in den Besitz der heiligen Orte zu gelangen. Bedauerlich scheint mir ferner der Krieg, den sie allen denen erklärt haben, welche nicht ihre Meinung theilen. Uns Juden ist die Duldsamkeit ganz besonders vonnöthen. Die zionistischen Führer setzen sich über alle religiösen Gefühle hinweg; aber die Christen haben diese Gefühle nicht beiseite gelegt, und wenn es möglich wäre, sich vorzustellen, dass der Charter, den Dr. Herzl erstrebt, erlangt werden würde, so könnte es geschehen, dass der russische Muschik und der unwissende Böhme, der sich mit der „Blutbeschuldigung" abgibt, einen neuen Kreuzzug gegen uns unternähmen und ihn mit weit mehr Fanatismus führten, als dies die Araber thäten. Anstatt uns auf abenteuerliche Pläne einzulassen, müssen wir versuchen, die Stellung der Juden in Palästina zu verbessern, damit sie sich selbst erhalten können und damit ein Gefühl der Würde in ihnen erweckt werde, das sie nicht besitzen können, solange sie nicht von jeder auswärtigen Hilfe unabhängig sind. Wir müssen auch trachten, den geistigen und sittlichen Stand aller unserer Brüder zu heben, damit wir selber erleuchtet seien, ehe wir anderen Licht geben. Wir müssen uns nicht bloss im Handel und in den Finanzen, sondern auch in der Wissenschaft und in den Künsten auszeichnen. Wir haben gesehen, dass im Westen und in den Vereinigten Staaten von Nordamerika auch solche Christen, die uns früher feindlich gesinnt waren, uns jetzt freundlich gegenüberstehen. Durch unsere Selbsterhöhung wird ein Gefühl der Freundschaft zu uns sich allenthalben ausbreiten, und im Laufe der Zeit werden sich die nichtjüdischen Zionsfreunde, die es jetzt nur in spärlicher Anzahl gibt, zu einem Weltbunde entwickeln, der uns einladen wird, noch einmal eine Mission an der heiligen Stätte zu erfüllen, die einst unsere Heimat war und die es mit Gottes Hilfe wieder w er den wir d."" * Wir hatten gefürchtet, dass Herr Nissim Behar alles ohne Pardon niedermachen werde und er, der Weise und Gütige, hat keine Fliege umgebracht. Wer wird einen solchen Bundesgenossen aufnehmen? Etwa die scheinheiligen, frömmelnden Antizionisten? Aber er ist doch einer der ersten Freunde einer schulmässigen, zu nährender Arbeit anleitenden Erziehung! Alle Bannflüche, die es in Jerusalem gibt, lasten auf dem Haupte dieses Mannes. Oder werden ihn etwa die Assimilanten aufnehmen, ihn, der ein separatistischer Nationaljude ist? Er ist ja auch Zionist — in seiner Art. Er will durchaus, dass die Zionisten sich steifen sollen, die heiligen Orte für Geld zu erstehen, dass sie erpicht seien, alles für Geld an sich zu bringen, und dass er dagegen sei. Wenn sie sich nicht steifen und nicht erpicht sind, so kann er auch nicht dagegen sein. Da wir aber wissen, dass es den Zionisten niemals eingefallen ist, die heiligen Orte zu erwerben, so zerplatzt die Opposition des Herrn B e h a r wie eine Seifenblase. Er, wie viele Gegner, baut ein Kartenhaus auf und stösst es dann selber um. Er hört nicht auf das, was die Zionisten sprechen, sondern spricht an ihrer Stelle und ist dann ein Gegner dessen, was er gesprochen hat. Dieser „Türke" ist wahrhaftig nicht so schwarz, wie ihn das Blatt, das sein Sprachrohr ist, gemalt hat. (Ein zweiter Artikel folgt) Offener Brief an Herrn Dr. Max Nordaii! Amsterdam, 13. Januar 1901. Sehr geehrter Herr Doctor! Der dritte Artikel „Die politische Gleichberechtigung der Juden" in der „Welt" vom 14. December v. J. hat viel Sensation gemacht. Ich hatte gehofft, dass von anderer Seite in der „Welt" gegen Ihren Artikel geschrieben werden wird, da ja nicht anzunehmen ist, dass unter den vielen hervorragenden Männern der zionistischen Bewegung nicht einer sein wird, der ihre Meinung nicht theilt. Nach einem Schreiben in der „Welt" vom 4. Januar zu urtheilen, ist unter den Zionisten bis jetzt keine Stimme darüber laut geworden. Nur B 1 o c h/s „ Wochenschrift" und t. q. haben Ihren Artikel beantwortet, aber auf eine Weise, die keine weitere objective Debatte zulässt. Darum glaube ich als Mensch, als Zionist und als Holländer gegen Ihre Anschauungen protestieren zu müssen. Ich thue dies desto freimüthiger, als ich überzeugt bin, dass Sie — der Sie als Autor von „Entartung" aus eigener, ehrlicher Ueberzeugung die Modegötfcer der Gesellschaft stürzten und dadurch bewiesen haben, dass Sie persönliche Würdigung dem unterordnen, was Sie für wahr halten, dass also gerade Sie mehr als jeder Andere eine sachliche Bekämpfung respectieren werden.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.