Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 4 (25.1.1901)
- Article
- Israel unter den Völkern
- Date
- 1901-01-25
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3315905-3315910-3394151--24206-3394252- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nf. 4 Die $ Welt4* Seite 3 angehäuft haben, und die vernünftige Anlage dieser Capitalien zur Durchführung grossartiger Erfinder-Conceptionen, zur Erschliessung neuer Länder, zum Zusammenschlüsse des Strassennetzes, zur Verbesserung der Weltwirtschaft — wenn wir das unter Handel verstehen wollen, so müssen wir uns sagen, dass der Jude hier einer der letzten in der Marschreihe, nicht aber ein Leiter und Wegweiser ist. Auch die Rothschilds führten keinen eigenen Gedanken aus, als sie die französische Nordbahn oder die österreichische Kaiser Ferdinands-Nordbahn erbauten. Das gleiche gilt von Baron Hirsch, dem Erbauer der orientalischen Eisenbahnen, und von dem unglücklichen Str au s b er g, der die Bahnen in Rumänien erbauen wollte. Sie alle haben andere nachgeahmt und nichts neues geschaffen. Dieser Mangel an Schöpferkraft jfist just kein Beweis für die besondere Eignung der Juden zum Handel, einem Berufe, in dem sie seit Generationen thätig sind. Besässen sie natürliche und specielle Anlagen zum Handel, wie ihre Feinde behaupten, und widerstrebte ihre ganze Beschäftigung mit dem Handel nicht ihrem Stammesnaturell, so würden sie ohne Zweifel im Verlaufe der tausendfünfhundert Jahre, da sie in diesem Berufe wirken, der Welt wenigstens einige Reformatoren und Neuerer, Erfinder und Bahnbrecher geschenkt haben. Sehen wir doch, dass ihnen auf dem Gebiete der Poesie und Kunst, der Philosophie und Wissenschaft Männer erständen sind, deren Geist Groises und Ursprüngliches hervorgebracht hat. III. In einer Abhandlung, die für eine periodische Schrift bestimmt ist, läsgt sich ein vielseitiges Thema gleich der Judenfrage nicht erschöpfend behandeln. Ich wollte bloss über einige Seiten dieser Frage etwas Licht verbreiten und komme aus dem bisher Gesagten zu folgenden Schlüssen : Selbst die Christen, die den Juden nicht feindlich gesinnt sind, behaupten mit Vorliebe, dass die Juden ihren Vaterländern bloss durch ihre händlerischen Fähigkeiten Nutzen bringen. Doch die das sagen, beurtheilen den Geist und die wahren, natürlichen Anlagen der Juden durchaus falsch. Beweis: Man bedarf der Juden im Handel gar nicht und kann sie mit Leichtigkeit ersetzen, namentlich in den westlichen Ländern. Die Juden selbst verlassen mit der Zeit allmählich dieses Berufsgebiet und wenden sich anderen Thätigkeitsfeldern zu, die ihnen mehr zusagen. Ueberall, wo die Juden bereits die Gleichberechtigung mit allen anderen Staatsbürgern erlangt haben, jagt ihnen die Erinnerung an da* Ghetto noch immer Furcht ein. Noch immer fühlen sie sich in dem Besitze der Rechte, die ihnen zutheil wurden, nicht unangefochten; noch immer ahnen sie mit Schrecken einen nahen Tag. an dem ihnen ihre Rechte wieder abgenommen werden könnten. Darum glüht in ihnen das mächtige Verlangen, ihren christlichen Nachbarn zu zeigen, dass sie gute Bürger sind — und nichts mehr. Ihre Vaterlandsliebe ist heikler, empfindlicher und auch demonstrativer als der Patriotismus der Christen, der ungekünstelt und natürlich ist. Sie verkünden lauiund mit einer feierlichen Absichtlichkeit, dass sie mit den Juden anderer Länder nichts gemein haben. Selbst wenn ihr natürliches Gefühl bei dem Anblicke der Leiden ihrer Brüder rege wird, zeigen sie eine unnatürliche Gleichgiltigkeit gegenüber den jüdischen Angelegenheiten, und diese Gleichgiltigkeit übertrifft mitunter selbst die vieler Christen. Sie sind bemüht, ihr Judenthum so unauffällig als möglich zu machen, und bereden sich immer wieder, dass die Juden kein besonderer Stamm, kein Volk für sich seien, und dass sie niemals eine eigene Geschichte gehabt hätten, die von der ihrer christlichen Mitbürger verschieden wäre. Daherkommt es, dass sehr wenige consequent genug sind, das zu thun, was die natürliche Folge dieses ganzen Systems ist, nämlich die Taufe anzunehmen, um wenigstens den Nachkommen im vierten Geschlechte durch Mischehen einige christliche Ahnen zu sichern. Dies hat zur Folge, dass diese Assimilanten fortwährend nervös erregt sind; denn taufen wollen sie sich nicht, assimilieren können sie sich nicht, und der Assimilation zu entsagen, fürchten sie doch. Thatsächlich haben sie, allen ihren Tifteleien zum Trotze, das jüdische Gefühl in sich nicht völlig erstickt, und dieses wird wieder erwachen, wenn die Gleichberechtigung erst aufhört, ihnen etwas Neues zu sein. Die Juden hingegen, die noch keine Bürgerrechte haben, und das sind vier Fünftel aller Juden, halten daran fest, dass sie ein eigenes Volk sind. Sie glauben, dass sie dem Hasse nur entrinnen können, wenn sie aufhören, eine kenntliche Minderheit inmitten der anderen Völker zu bilden. Allein sie wollen nicht darauf verzichten, kenntlich zu sein, und glauben nicht, dass es möglich und für sie und die Anderen erspriesslich wäre, wenn die Juden spurlos in ihrer Umgebung aufgiengen. Darum suchen sie die Lösung der Judenfrage in der Rückkehr zu dem einfachen, natürlichen Zustande, der darin besteht, dass sie in einem Lande vereinigt sind, welches sie als ihr Besitzthum ansehen können und in welchem sie die Mehrheit bilden. Dort werden sie sich pflegen und entwickeln, ihren Geist bilden und in der Gesittung fortschreiten können, entsprechend der Eigenart, die ihnen verliehen ist.*) Jüdische „National- und Realpolitik". Von Dr. Philipp Mencztl. (Czernowitz.) Es rauscht im jüdischen Blätterwalde. Die Retter de« Judenthums können nicht zur Ruhe kommen, seit Max Nord au seine Aufsätze über die politische Gleichberechtigung der Juden veröffentlicht hat. Sieht man aber von den wenig geschmackvollen persönlichen Angriffen ab. so bleibt von den zahllosen offenen und anonymen Erwiderungen nichts übrig, als einige schlecht geführte Hiebe gegen den politischen Zionismus. Die Sache will aber gründlich discutiert sein. Selbst die Anrempelungen, die sich einige Antizionisten geleistet haben und wahrscheinlich noch leisten werden, dürfen uns nicht abschrecken. Wir müssen zu dieser brennendsten Frage der jüdischen Gegenwart mit dem Ernst Stellung nehmen, den wir Zionisten in der öffentlichen Debatte und in unserer Presse stets an den Tag legten. Ein glücklicher Zufall wollte es, dass ein Mann als Erster das Wort ergriff, in dem wir seit Jahr und Tag unseren Sprecher verehren. Damit erscheint die Besorgnis beseitigt, dass für die künftige Discussion die richtige Basis nicht vorhanden wäre. Fixiren wir das Thema. Nord au hatte auf die direct gestellte Frage zu antworten: „Sind Sie für die politische Gleichberechtigung der Juden in Rumänien?u Er antwortet mit einem entschiedenen .Nein. Die Gründe, die unser als Dialectiker allerersten Ranges bekannter Nor da u für seine Ansicht ins Feld führte, sind nicht nur bestechend, sondern *) In unserer vorigen Nummer soll es in dem Artikel ,,lsrael unter den Völkern (S. 3) anstatt „In Frankreich versah der Jude G u i z o t. . selbstverständlich richtig heissen : Goudchaui, was auch Herr Dr. Max Nord au in einer an uns gerichteten Zuschrift berichtigt. Ferner ersucht uns Herr Dr. Max Nord au um Aufnahme der folgenden Bemerkung: „Ich benütze diese Gelegenheit, um die für den Kundigen allerdings überflüssige Erklärung abzugeben, dass ich für die sprachliche Form des Aufsatzes jede Verantwortlichkeit ablehne. Sie ist das Ergebnis einer dritten Uebersetzung aus drei verschiedenen und von einander fern abliegenden Sprachen und man kann sich leicht denken, wie wenig vom Original nach drei aufeinanderfolgenden Uebersetzungen übrig bleibt, selbst wenn jeder Einzelne der drei Uebersetzer ausgezeichnet tüchtig ist. Hochachtungsvoll und ergebenst Dr. M. N o r cl a u."