Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 4 (25.1.1901)
- Article
- Presse und Agitation
- Date
- 1901-01-25
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite % „Die & Welt44 Nr.-4 Es ist nach den Gongressbeschlüssen vor allem Pflicht der Landes-Organisationen, für die Verbreitung und Unterstützung der Presse zu sorgen. In den Organisationssstatuten der bestehenden Landes-Organisation ist auch überall ein darauf bezüglicher Passus enthalten. Das reicht aber nicht aus. Es wäre wünschenswert, dass sich in allen Ländern eigene Comites bilden, die sich der Verbreitung der zionistischen Blätter mit allem Fleisse widmen und ihre ganze Thätigkeit nur nach dieser einen Richtung entfalten. Natürlich hängt der Erfolg, den diese Comites erzielen werden, von der Unterstützung jedes einzelnen Gesinnungsgenossen ab. Es ist sehr schade, dass nicht jeder Zionist erkennt, dass es einfach seine zionistische Pflicht und Schuldigkeit ist, zionistische Blätter zu abonnieren, vorausgesetzt, dass es seine materiellen Verhältnisse gestatten. Auf diese Pflicht muss dringend aufmerksam gemacht werden. Das zionistische Blatt gehört mit zum Haushalt des Zionisten und wird das sein, was es. sein soll, wenn es zum Familienblatt im weitesten und besten Sinne des Wortes geworden ist. Es mag manchem nicht sonderlich geschmackvoll erscheinen, wenn in manchen Blättern in auffallender Schrift zu lesen ist: „Gesinnungsgenossen! Verkehret nur in Hotets und Localen, wo unser Blatt aufliegt! . . Wetin's nicht geschmackvoll ist, so ist es dennoch aus all den Gründen, die wir nicht erst aufzählen wollen, nothwendig, überall zionistische Blätter zu verlangen und sie überall zu verbreiten. Es ist auf diesem Gebiete noch sehr viel nachzuholen. Hoffen wir, dass es bald und in ausgiebigem Masse geschieht. B. F. Israel unter den Völkern. Von Max Nordau.*) (Schluss.) Noch eine Bemerkung muss ich machen, die Vielen befremdlich erscheinen dürfte, weil sie den Anschauungen, die ihnen geläuiig sind, widerspricht und daher paradox klingen mag, während sie in Wahrheit eine durch viele Beweise erhärtete Thatsache betrifft. Man sagt insgemein, dass der Jude eine besondere Begabung für den Handel mitbringe; ich aber glaube, dass dies ein Irrthum sei. Die natürlichen Fähigkeiten des Juden verweisen ihn auf das staatliche Gebiet, auf die Politik. Wo immer er Gelegenheit findet, in politischen Angelegenheiten thätig zu sein, schwingt er sich zu den ersten und besten, sei es unter den Staatslenkern oder unter den Parlamentariern, empor, und es ist schade, dass die einzelnen Länder von dieser seiner Begabung keinen grösseren Gebrauch machen. Der Handel ist dem Juden bloss eine unvermeidliche Notwendigkeit. Es ist wohl richtig: Die meisten Juden beschäftigen sich gegenwärtig mit dem Handel, und es gibt Länder, in denen er nahezu ganz in jüdischen Händen ist, allein es ist ja bekannt, dass die Juden sich diesem Berufe nicht aus freien Stücken zugewandt haben, sondern nothgedrungen, weil er nämlich der einzige Nahrungszweig war, der ihnen frei stand und in manchen Ländern noch heute der einzige ist. Solange die Juden ein sesshaftes Volksleben führten, waren sie Ackerbauer, Schafhirten, Krieger und Priester. Ihre nächsten Nach baren, die Phönicier, waren tüchtige Kaufleute, sie aber Hessen das Beispiel nicht auf sich wirken. Sie hassten den Handel und neideten ihn ihren Nach baren durchaus nicht, welche zu grossem Wohlstand gelangten, *) Aus dem von N. Sokolow herausgegebenen hebräischen Jahrbuche (Sefer Haschanah). Üebersetzt von Moriz Zobel. indem sie die Meere durchschifften. Es gibt nichts, was dem Juden sympathischer wäre als die Geschichte voföfter Verjagung der Krämer aus dem Tempel, die aus dem Nefcen Testament bekannt ist. Im EJxil warben die Juden genöthigt, sich über ihre angeborenen Neigungen hinwegzusetzen sie gleichsam gegen andere umzutauschen. Sie standet vor dem Dilemma, Tauschhandel zu betreiben oder ^zu sterben, und zogen naturgemäss den Handel dem Tode vor. Ihr Geschick, sich allen Lebenslagen anzupassen, ui£& -ihre leichte Auffassung verhalfen ihnen zu manchen Erfolgen in dem Berufe, den sie gezwungen übten; wer aber behaupten wollte, dass die Juden mit dem Herzen beim Handel seien, der würde sehr fehlgegen. * Zwei Thatsachen beweisen das gerade Gegentheil. Erstens kennen die Söhne der reichgewordenen jüdischen Kaufleute kein anderes Streben, als dem Beruf ihrer Väter den Rücken zu kehren, obgleich sie doch von Haus aus wissen, dass es vom Gesichtspunkte des pecuniären Erfolgs keine lohnendere Beschäftigung gibt als den Handel. Zweitens haben die Juden innerhalb der tausend und fünfhundert Jahre, da sie blos Handel treiben, nicht einen einzigen neuen und fruchtbaren, in dieses Gebiet einschlägigen Gedanken ersonnen, und es gibt thatsächlich keine einzige commercielle Reform, deren Urheber sie wären. Der Pfandbrief und der Gutschein sind Erfindungen der Lombarden und Gothen aus dem Mittelalter. Die doppelte Buchführung ist von christlichen Italienern ausgegangen. Die ersten Versicherungs-Gesellschaften sind in England gegründet worden. Weder Gresham noch die Lloyds waren Juden. Die Engländer und Franzosen gründeten die Stock companies. Bei der ersten, die glückte und bei der ersten, die misslang, hatte kein Jude die Hand im Spiele. Ich glaube, dass kein einziger jüdischer Name in den Listen der Holländisch-Ostindischen Companie, der Hudsonbai-Gesellschaft, der Englisch-Ostindischen Companie verzeichnet ist. Die ersten Dampfschiffe, die ersten Eisenbahnen wurden von Christen hergestellt. Der Christ Cyrus Field legte das erste unterseeische Kabel. Gegenwärtig stehen wir am Vorabend einer neuen Umwälzung in der Industrie die ungeheure Massen von aufgespeicherten Reichthümern — die Elektricität als Arbeitskraft — bewegt und in Fluss bringt. Die Urheber dieser Bewegung sind die Christen Siemens und H a 1 s k e. Cecil R h o d e s ist kein Jude, und meines Wissens haben die Juden auch an der Niger- und an dei Borneo-Companie, sowie an anderen fernen Colonial- Unternehmungen nicht den geringsten Antheil. Die grossen amerikanischen Eisenbahnen sind von den Christen Vanderbilt, V i 11 a r d u, a. erbaut worden. Die Schöpfer der modernen Geschäfcs-Colosse, der Warenhäuser, sind sammt und sonders Nichtjuden. Ich weiss nicht, wieviele Juden es unter den „vierhundert Ausgezeichneten" in New-York gibt, aber ich gehe kaum fehl, wenn ich annehme, dass ihre Zahl v eisen windendjgering ist. Man halte doch Umschau in den Schifffahrtt- Gesellschaften, in den Trusts, in den transatlantischen Handels-Gesellschaften zu London, Hamburg und Marseille, in den Chartered Companies, ob dort Juden zu finden sind! Man wird entweder sehr wenige und bedeutungslose, oder gar keine Juden zu sehen bekommen. Herr Pereirevon der „Companie Generale Transatiantique" und Mr. B o 1 i s o n von derHamburg-Amerika-Steamship-Companie sind meiner Ansicht nach zwei Ausnahmen, indem sie als Juden eine hervorragende Stellung in den genannten Gesellschaften einnehmen. . Wenn wir unter Handel die Thätigkeit eines*Mannes verstehen, der Wachskerzen oder Oel in einem Kramladen feilbietet, so sind die meisten Juden freilich Handelsleute, Wenn wir aber Handel nennen den Umsatz der ruhenden Capitalien, die sich aus dem Arbeitsertrage an einem Orte