Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1901-01-18 · 3 (18.1.1901) · p. 14

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
3 (18.1.1901)
Article
Der Waisenknabe
Date
1901-01-18
Page
14 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3315709-3315905-3315909-3394024--24154-3394103
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 14 „Die & Welt" er nicht begierig zu fragen, aber einen Sprung über einen zu wagen, schien nicht uninteressant. Es gelang, und er lief zum nächsten Stein, den er noch geschickter nahm und gelangte so ins Bereich der Trager. „Seht, das Waisenkind." „Barfüssig ist der Arme. . .", seufzte Joine Boz. rDieMeinigen haben auch keine Schuhe", sagte Heschel, der Hutmacher. „Aber Eltern haben sie", erwiderte Joine Boz. „Bäh!" meinte Barl, der Zuckerbäcker, „wenn die Eltern nichts verdienen, vermögen sie viel auszurichten!" Der Abend brach heran. Ueber dvn Häuptern erschien gleich einer Wolke eine Schar Schwalben und erfüllte die Luft mit Gezwitscher und mit d* m Schlag sich bewegender Flügel, Das gab <ein Gewimmel und ein Gepiepse. Spielend Hessen sich einige herab, andere folgten ihnen und beschrieben, immer niedriger herabkommend, seltsame Curven in der Luft. Der Knabe stand gaffend mit offenem Munde, dann stiess er ein Triumphgeheul aus. Es gelüstete ihn, den Ton der Schwalben nachzuahmen, seine Beinchen tanzten unter ihm, als wollte er ihnen nachfliegen und er klatschte mit den Händchen vor Freude über die munteren Dinger. Plötzlich ergriff er einige Steinchen und zielte nach ihnen, „Erst Kadisch gesagt!" rief Heschel, der Hütmacher> „da soll man Kinder aufziehen!" „Was weiss ein Kind?" sagte Joine Boz entschuldigend. „Ein frisch geborenes Kälbchen blockt auch noch eine Zeit lang nach der Kuh% meinte Heschel. „EineKuh", erwiderte der Zuckerbäcker, „ist eine Mutter und kein Vater, und ein Knabe ist kein Kälbchen." Joine Boz rief den Knaben heran: < „Komm' her, du Windbeutelchen!" So mild die Worte auch gesprochen wurden, erschrack der Knabe im Innersten seines Herzens darüber. Das Lächeln verschwand und an dessen Stelle erschien der Ausdruck dumpfen Schreckens. Ungern nahte er. Joine Boz ergriff seine Hand. „Komm Kindchen, ich führe dich heim." „Wo hat ein Hund ein Heim?" witzelte der Bäcker und Joine versank in Nachdenken, liess jedoch den Knaben nicht mehr aus der Hand. Die Träger näherten sich schweigend der Stadt nnd bemerkten nicht, wie der Knabe, der den entblössten Fuss an einen der Steine angeschlagen hatte, zu hinken begann. Vor Schreck wagte er nicht zu seufzen. ÜL An der Grenze der Stadt, dort, wo die Wege sich scheiden und der eine rechts zum grossen Bethaus der Bürger und der zur Linken zur Betstube der Träger führt, machte Joine mit seinen Genossen Halt. „Was geschieht mit dem Knaben?" fragte er betrübt. „Verheirate ihn", witzelte der Zuckerbäcker. „Führ' ihn ins Bethaus", sagte der Hutmacher. „Und dann?" „Hast Du an Deinen Kindern nicht gfnug?" rief der Zuckerbäcker. „Das ist Sache der Bürger", meinte der Hutmacher. „Die werden sich beeilen!"rief Joine. „Erinnert Ihr Euch , noch an den Knaben Chanci's, der Idiotin? Wo ist der heute?" „Im Gefängnis sitzt er", erwiderte der Zuckerbäcker gleich müthig. „Ihm ist besser als den Meinen zu Hause", seufzte Heschel. „Juden", rief Joine Boz, ernstwerdend,,1 „sündigt nicht mit solchen Reden!?. vi>. p.V:i!**W:as nwitl$fcoBu1*i rieföir date «raderenV - „Hört", sprach Joihe initr bewegter Stimme, „der Knabe ist sicherlich nicht aus Zufall mit uns zurückgeblieben, es ist eine Fügung/ . . ■ „Bah!" " h°v nicht bäh! Warum gieng er mit keinem, nur mit uns?" „Weil wir die letzten waren/ „Das ist eben der Wink des Himmels, eines Waisen muss man sich annehmen, wir dürfen ihn nicht zurücklassen." Beide zuckten mit den Achseln. Joine erschien ihnen diesmal zu fromm, genz anders als sonst. Doch richteten auch sie ihre Blicke auf den Knaben und wurden gleichfalls bewegt. Ein verschüchtertes, zitterndes Vögelchen; es schnitt ins Herz. „Wiebeisst Du, Jüngelchen?" fragte der Zuckerbäcker weich. „Dawidl", stammelte der Knabe mühsam h'ervor. „Was geschieht also?" fragte Joine. Die anderen schwiegen. „Gebt doch einen Rath, Juden!" flehte Joine. Aber seine Kameraden hatten sich bereits abgewandt und vermieden es, den Knaben weiter anzusehen. „Nimm ihn zu Dir", sprachen beide, ohne ihre zu Roden gerichteten Blicke zu erheben.. „Und mein Weib?" Keiner gab eine Antwort. Sie wussten, dass im Hause Joines Surele den Pantoffel schwang und dass der lange Joine den Köpf hängen lässt, so oft er den Weg nach Hause nimmt. Noch an der Thüre, bevor er die Hand auf die Klinke setzt, beräth er mit sich ob nicht noch irgend ein Weg zu machen wäre und wenn keiner da ist, knickt er zusammen und beschreitet gebrochen die Stube, und Joine, der Redner, der Veranstalter von Versammlungen und Festessen, der Trinker, der Schläger, der Schrecken aller Rabbiner und Gemeindeättesten kann kaum drei zählen, wenn er in seinem Hause weilt. „Sie würde ihm das Leben verkürzen, sie lässt die ihrigen kaum in Ruhe", erklärte Joine seufzend. „Was für ein sauberer Mann bist du, zum Teufel?" „Was kann man gegen ein Frauenzimmer thun?" Die Träger schwiegen. In der That, was kann man gegen ein Frauenzimmer thun? Einem Bürger, iforenn er allzu frech wird, versetzt man einige Nasenstüber, den Rabbiner kann man mit ein paar Grobheiten in die Flucht jagen, aber ein keifendes Weib mit kratzenden Fingernägeln, dagegen ist in der That kein Kraut gewachsen. f$us dei) \)ei*eiiKi). Voranzeigen. Wien. (Einzelverein „W ien" des V e r ba n de s „Zion".) Dienstag den 22. Jänner 1901 wird der Obmann der akademischen Verbindung „Bar Kochba" Herr F. W a Seilitz im Vereinslocale II, Schwarzingergasse 2 einen Vortrag halten. Thema:?>Max Norclau und die Gleichberechtigung der Juden/ Nach dem Vortrage: Discussion. Dienstag 29. Jänner 1901 : Vortrag des Herrn Dr. Hugo Benedict übei „Assimilationsblüten." Wien. (Theologischer Verein der Hörer an der isr.-theol. Lehranstalt in Wien.) Samstag den 19, d. M. um 9 Uhr morgens wird Herr B. Hausner in unserem Betiocale (Bet-Hamidrasch), Tempelgasse 3, zum Wochenabschnitt predigen. Beginn des Gottesdienstes um 8 Uhr .morgens. ... Wien. (E i n V o rtr ag.j Frau Henriette W eiss, die im letzten Sommer durch mehrere Monate in den hervorragendsten Krankenhäusern und Pflegeanstalten Deutschlands die eingehendsten Stadien über Krankenpflege gemacht hat, wird das Resultat ihrer interessanten Beobachtungen Montag den t\. d. M. abends 7 Uhr -in einem Vortrage, betitelt: „Die Victoria-Schwester" (ein Capitel zur Frauenfrage) im; Wissen schaftlicherf Club, Eschenbachgasse 9 bekanntgebin^ Befiele« Wien. Im. literarischen Geselligkeitsvereine: jüdischer Mädchen „Moria"' fand wie alljährlich ätn 6. Jänner eint

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.