Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 3 (18.1.1901)
- Article
- Doctor Bloch
- Date
- 1901-01-18
- Page
- 9 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 3 „Die # Welt" Seite 9 bewilligen, bemerkt, dass 4ieÄer - Appell kaum praktische Folgen haben und dass damit die rumänische Judenfrage nicht gelöst sein werde. Wie sehr er recht hatte, beweist die Thatsaehe, wie wenig sich die jüdischen Millionäre der armen Emigranten während ihrer Wanderung an^en'tfmmen haben und dass trotz der in Rumänien fortdauerndem antisemitischen Strömung die Berliner Disconto-Bank, die antisemitische Blätter mit einem (!) charakterisieren würden, die rumänische Cigaretten-Papier-Anieihe in der Höhe von mehreren Millionen bewilligte. Aber was schert sich ein Blatt Bloch'schen Galibers um solche Thatsachen, wenn es in bekannter Demagogiererei diese Angelegenheit, die es bereits zu wiederholten Malen lügenhaft dargestellt hat, noch einmal mit eben derselben Hinterhältigkeit vorbringt, um so durch Consequenz im Lügen den einfachen Mann in irgend einem rumänischen Dorfe wirklich an den daraus deducierten „Verrath" der zionistischen Führer glauben zu machen. Für die zusammenfassende Behandlung der Marceli Hofmann'schen und Bloch'schen Antworten auf die Artikelserie Max Nord aus müssen wir uns ein wenig Platz in der nächsten Nummer reserviert halten. Heute sei aus der Fülle von lügenhaften Mittheilungen nur noch der gegen die „Jüdische Colonialbank* gerichtete Artikel: Der „Geldmessias" (in Nr. 1 von 1901) herausgehoben. Der Artikel ist so bodenlos gemein geschrieben, so jesuitisch verlogen, dass man sich nicht wundern darf, wenn die antisemitische „Ostdeutsche Rundschau* sich freudig den beiden Protestrabbinern Bloch und Rabbin o w i t z als Dritte im Bunde anschliesst. (Schluss folgt.) Der Zionismus in der französischen Schweiz. (Orig.-Corresp. der „Welt".) Weder die Affaire Dreyfus, noch die traurige Lage der Juden in Rumänien und Russland, noch das Wiedererwachen des Antisemitismus fast in ganz Europa hat die Juden der französischen Schweiz aufrütteln können. Ihnen geht es gut, und um die anderen Stammesgenossen kümmern sie sich nicht, denn schliesslich geht ja der Zionismus nur den osteuropäischen Juden, d. i. den „Polack" an. Mit dem Worte „Polack" charakterisieren sie ihi ganzes Verhältnis zum östlichen Juden, denn ,Polack" ist ihnen gleichbedeutend mit Unehrlichkeit, Schmutz, Schnorrerthum. Um so erfreulicher ist es, wenn man Ausnahmen von dieser Regel constatieren kann. In Bienne (Biel), wo eine jüdische Gemeinde, die etwa 50 Familien zählt, besteht, ist der Zionismus, dank der unermüdlichen Thätigkeit eines dort ansässigen jüdischen Arztes, Herrn Dr. Camille L e* vy, der eine sehr intensive zionistische Propaganda betreibt, gut eingeführt. Die Bieler Gemeinde ist die einzige in der französischen Schweiz, die als solche mehrere Actien unserer Coloniaibank gezeichnet hat; ausserdem haben viele Mitglieder der Gemeinde privatim Actien gezeichnet. Und als ich vor einiger Zeit dort einen Vortrag über das „Wesen und die Ziele des Zionismus" hielt, konnte ich mit Freude constatieren, dass die Bieler Juden dem Zionismus volles Verständnis entgegenbringen und dass sie alle fest entschlossen sind, an dem gemeinsamen Werk zur Regeneration des jüdischen Volkes mitzuarbeiten. Nun wird man sich fragen: Wie ist es zu erklären, dass unter allen Juden der französischen Schweiz gerade die Bieler Juden zionistisch gesinnt sind? Die Antwort darauf ist die: Die Bieler Juden sind meistens Uhrenfabrikanten, die viel reisen und bis nach Russland kommen. So haben sie die Möglichkeit, die wirkliche Lage der Juden zu kennen und das osteuropäische Judenthum richtig schätzen zu lernen. Es wäre von grösstem Nutzen, wenn der Zionismus in der französischen Schweiz festen Boden fassen könnte und wenn die bereits vorhandenen christlichen Sympathien sich auf weitere Kreise erstreckten. Vergessen wir nicht, welche denkwürdige Rolle das Schweizervolk während des Befreiungskampfes Griechenlands am Anfange des XIX. Jahrhunderts spielte. Daher wäre es sehnlich zu wünschen, dass irgend ein angesehener Gesinnungsgenosse die grösseren Städte der Schweiz zum Zwecke der Abhaltung zionistischer Vorträge bereise. Dadurch könnte man nicht nur die hiesigen Juden aufrütteln, sondern auch viele Sympathien unter den christlichen Landesbewohnern gewinnen. Genf. Dr. D. P. Deutsche Chronik. Zum Judentage. Berlin. (Örig.-Corr.) Es entspricht nur dem Bilde, das die heutige Judenheit Deutschlands darbietet, dass es kein Verein, keine Institution für nöthig befand, den in jedem Falle doch bemerkenswerten Vorschlag von Professor Philippson — einen Judentag zu veranstalten — zu öffentlicher Discussion zu stellen. Indem es unsere Berliner zionistische Organisation that, bewies sie von neuem, dass sie allein in Berlin alle Regungen jüdischen Lebens nicht nur verfolgt, sondern auch auszuweiten sucht. In diesem Sinne wurde von uns vor der breitesten Oeffentlichkeit ein« Debatte über das neue jüdische Forum angeregt. In einem eingehenden, lebendig und schneidig gehaltenen Vorschlag suchte Dr. Adolf Friedemann die heutige Situation der deutsehländischen Judenheit zu zeichnen und historisch zu erklären. Besonders eingehend stellte er unser Verhältnis zu den politischen Parteien dar und suchte nachzuweisen, dass wir durch keine die Förderung und die thatsächliche Unterstützung, die wir allein brauchen, finden. Die Aufnahme des Judenschutzes in die Parteiprincipien nütze uns gar nichts. Das lehre uns die Haltung des politischen Liberalismus, vor allem der Liberalen. Wir dürfen unsere Zukunft nicht mehr auf Fremde, und seien sie uns — theoretisch -— auch noch so wohlwollend, setzen. Wir müssen uns auf eigene Füsse stellen und die Verteidigung unserer Ehre, die Erkämpfung einer geachteten Stellung selbst in die Hand nehmen. In der ausserordentlich lebhaften Discussion, die sich im Wesentlichen um die Bedeutung des Liberalismus in Vergangenheit und Zukunft für uns Juden drehte, nahmen u. a. auch der Potsdamer Rabbiner Dr. Rieger und Dr. H i 1 d e s h e i m e r theil. •Der letzte suchte die bisher geleistete Abwehrthätigkeit in Schutz zu nehmen und bat, dass die Zionisten — wenn sie das Zustandekommen eines Judentages wünschen — sich nicht gar zu sehr in das Vordertreffen rücken — weil sie damit die Sache in den Augen vieler discreditieren. Doctor Rieger, der seinerzeit auch den Professor Schapira in — protestrabiater Weise anfiel, entwickelte wieder Anschauungen über nationales Judenthum — „das Judenthum war immer, auch in den biblischen Zeiten, morsch und verrottet, wenn es als Nation auftrat" — die die letzten Ziele der Vertreter der deutsch-jüdischen Hochkirche auch dem Blödesten erschreckend klar machte. Er fand in den scharf pointierten Antworten Friedemanns, der Entgegnung des Redacteurs Wohlberg, der kräftigen und begeisterten Rede eines jungen Rabbiners Dr. A. Biram, den bedächtig-akademischen Erörterungen B u b e r s und einer wuchtigen Replik Dr. H i 1 d e s h e i m e r s eine gediegene Abfuhr.. Was aber für Herrn Dr. R i e g e r, den Protestrabbiner, Achtung fordert, das ist — dass er der einzige Rabbiner ist, der in offener Volksversammlung und nicht unter dem Schutze der Gesetze über Störung dei Gottesdienstes seine Ansichten zu äussern wagt! Zum Schlüsse wurde gegen 7 Stimmen folgende Resolution angenommen: j,Die heute im grossen Saale des Handwerkervereines tagende, von mehr als fünfhundert Juden besuchte Versammlung erklärt die Berufung eines allgemeinen deutschen Judentages für eine Notwendigkeit. In der Erwartung, dass derselbe zur Wahrung unserer bedrohten staatsbürgerlichen Rechte, zur Neubelebung des Zusammengehörigkeitsgefühls und zurHebung des, berechtigten S e 1 b s t b e w:u s s t s e i n s beit ragen:'wird, verlangt öie,1 dass die Delegierten durch allgemeine,gleiche und direct«