Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 3 (18.1.1901)
- Article
- Bilder aus Toynbee-Hall
- Date
- 1901-01-18
- Page
- 8 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 8 „Die # Welt4* Nr. 8 wieder auf die Tribüne. Die junge Dam« heisst Meanja Svtfdrofsky. Man wird in der Toynbee-Halle und auch ausserhalb mehr von ihr hören. Auch einen Sänger von Qualität haben wir uns gewonnen. Noch ist der junge Tenorist ein Dilettant und wir hoffen, Herr Hochstein wird trotz seiner prächtigen Stimme und seines musikalischen Gefühles — seinem bürgerlichen Berufe nie untreu werden. * * * An einem unserer gelungensten Abende — Herr Dr. S. Rubin hatte einen Vortrag über Kant gehalten und diesen spröden Stoff in gründlicher und geradezu meisterhaft volkstümlicher Weise dem Verständnisse unseres Publicums erschlossen — da trat ein kleiner Herr mit glattrasiertem Gesicht zum Vorsitzenden. Er trug eine Violine und auf dieser wollte er etwas vorspielen. Er hatte aber keine Noten. Wie soll man ihn begleiten? Er erklärt den Damen die Tonart, die Figuren der Begleitung, aber niemand wagt das Abenteuer. Da stellt er sich hin und spielt ohne Begleitung eine jüdische Melodie — eine von jenen alten, uralten Weisen — die uns Juden aus den alten Kehilloth hoch aufhorchen lassen, wenn wir sie hören, die uns an süsse Jugendtage erinnern, an geheimnisvolle Kolnidre-Abende. Melodien, die schluchzen und beben, die getränkt sind von tausendjährigem Leid. Tief seufzte die G-Saite, und ihre Nachbarin schluchzte. Es trillerte der Chasan in wehmüthigem Flageolet. Leise, leise hauchte er in zarten, hohen, kaum hörbaren Tönen das Leid leiner beklommenen Seele aus. Dann schlägt die Stimmung um, ein gottvertrauendes Adagio erklingt zweistimmig — der Meschorer mit seiner traditionellen Begleitung stützt die Melodie. Und nun ein fröhlicher Schluss. „Anim Semiros" — Die Weiblein nicken heiter in die Männerschul, und man geht nachhause, wo die Schabbesspeisen warten, die herrlich duftenden Schalettöpfe dampfen. Schade, dass die Leute applaudieren. Ich träumte so •chön den Heimweg, entlang von Schul zum väterlichen Hause. Vater hob den Becher hoch, den schönen, silbernen Kelch, und singend lobte er Gott, den Herrn, der die Frucht des Weinstockes erschaffen hat. Vater, Deine Lippen sind geschlossen, Dein froher Mund verstummt seit langen, langen Jahren. Vater, dass Du leben, uns hier sehen und beifällig nicken könntest zu dem Werke, das wir im Namen Gottes ins Leben rufen. Kurz ist der Sabbathtraum. Herr Lehmann, der Geiger, geht in ein ödes Unterhaltungslocal, wo er sich sein Brot erfiedelt — und wir, wir gehen hinaus in die Welt der Israeliten, die uns Juden verlacht. Aber wer kann uns die Glückseligkeit jener Stunden rauben, die wir mit unseren Brüdern lachten und weinten. Nicht wahr, mein Herr Chasan mit der Geige? . . Doctor Bloch. IL Nach unserem ersten Artikel gegen Doctor Bloch ist uns eine ganze Reihe von Zuschriften zugekommen, die sich fast durchgehends mit der Person des Doctor Bloch befassen. Wir bedauern, auf das persönliche Moment nicht eingehen zu können. Wir haben bereits ausgeführt, dass wir uns nicht mit Doctor Bloch, sondern mit der ,Oesterreichischen Wochenschrift44 zu beschäftigen haben, und auch mit dieser vor allem nur aus dem Grunde, weil sie von bedeutenden Wiener Corporationen zum Organ erwählt worden ist. Zum Verständnisse der neuesten antizionistischen Hetzcampagne der „Wochenschrift" diene Folgendes: Diese Campagne nimmt, wie wir bereits erwähnten, ihren Anfang von den Wiener Cultuswählen. Der grosse Erfolg, den die Zionisten damals errungen haben, hat ihre Gegner in diesem Wahlkampf ganz aus der Fassung gebracht. Sie hatten die Kraft des Zionismus bedeutend unterschätzt, und standen nun dem Resultate gegenüber, dass beinahe die Hälfte derjenigen, die sich an der Wahl .betheiligten, sich für die Zionisten erklärte. Daran liess sich nun nichts mehr ändern; Aber nach der Wahl sollte gut gemacht werden, was sich gutmachen Hess. Der Zionismus und die Zionisten sollten in den Augen der Wiener Juden, die, wie das Wahlergebnis zeigte,, eben, auf dem Wege sind, den Zionismus zu ver-, stehen und sich ihm anzuschliessen, discreditiert werden — koste es, was es wolle. In Dr. Bloch fand jene Clique den Mann, der sich mit seinem „Namen" für sie in die Bresche stellte, in der „Wochenschrift" das Centraiorgan für die Gesammtinteressen des Antizionismus. Es wäre thöricht, wollte man die jüdischen Corporationen, die gegen die Zionisten im Wahlkampfe gestanden sind, in ihrer Gesammtheit für die Blochsche Schmutzcampagne verantworlich machen. Dazu kennen wir die Hintermänner der „ Wochenschrift" zu gut. Aber ein Vorwurf kann den Corporationen nicht erspart werden. Die Herren, die in den Wiener Gemeinde-Wählkampf jenen hässlichen Ton hineingetragen haben, die den traurigen Muth aufbrachten, dem Zionismus gegenüber das Wort vom Jüdischen Antisemitismus'4 und der „utopistischen Verwendung des Steuerguldens'4 zu gebrauchen, waren die Lehrmeister und das ermuthigende Beispiel — wir sehen da von jeder anderen Beeinflussung ab — für Dr. Bloch, der heute allerdings mit dem ihm angeborenen Talent jene Kampfesweise soweit ausgebildet hat, dass selbst hitzigen Antizionisten, die sich noch etwas jüdisches Gefühl bewahrt haben, die Schamröthe ins Gesicht steigt, wenn sie das Resultat der Arbeit ihres Freundes zu Gesicht bekommen. Diejenigen Ehrenmänner aber, die hinter Dr. Bloch stehen, jene vornehme Herren, die incognito sein duftiges Handwerk unterstützen und die ebenso incognito sich für die privaten und persönlichen Beziehungen vieler Wiener Zionisten in einer eigenthümlichen Form zu interessieren beginnen, die mögen es sich in aller Kürze gesagt sein lassen : Die Wiener Zionisten sind aus hartem Holze geschnitzt. Das sind nicht Zionisten, nicht Juden von gestern und heute. Die hinter Bloch treiben ein frevles Spiel. Sie wissen, dass sie auf die Langmuth und Geduld der Wiener Zionisten rechnen dürfen, weil sich eben die Zionisten in allen ihren EntSchliessungen zunächst von Rücksichten leiten lassen, die die jüdische Volksgemeinschaft auferlegt. Aber schon ist der Bogen bedenklich straff gespannt und die Langmuth und Geduld könnte ein unerwartetes, Ende nehmen. Prüft man das, was die „Wochenschrift" in ihren letzten sechs Nummern gegen den Zionismus vorzubringen wusste, auf Materie und Sachlichkeit, so ist nichts da, obwohl sie fast alles zusammengescharrt hat, wie und wo sie es auch gefunden hat. (Wir vermissen aber doch eine ganze Reihe seinerzeit von der „Wochenschrift" in tönenden Artikeln mitgetheilter antizionistischer Sensationsnachrichten, wie z. B. von der Verhaftung russischer Zionisten, vom Tallesweberstrike in Kolomea, vom Dechanten von Steyr u. s. w. Sollte sich die „Wochenschrift" von dem kleinen Bedenken haben leiten lassen, dass es sich da um Mittheilungen handelte, die sich als erfunden und erlogen herausgestellt haben?) Prüft man aber die antizionistischen Artikel auf ihre Gesinnung, auf ihre Art und Form, so muss man sagen, dass es bisher unerhört war, dass ein jüdisches Blatt solchen Schmutz der Oeffentlichkeit vorzusetzen gewagt hätte, ein solches Gemenge von lügenhaften Nachrichten, demagogischen Schlagworten und tendenziösen Entstellungen. Wir würden der jüdischen Journalistik, wie wir sie meinen, einen Schlag versetzen, wollten wir mit Dr. Bloch, der nicht uns, sondern sich selbst beschmutzt, die Klinge kreuzen und uns in eine ernste Polemik mit ihm einlassen. Damit soll die „Wochenschrift" nicht prahlen dürfen, dass wir sie auch nur einen Augenblick als ehrliche, anständige Gegnerin betrachtet haben. Wir begnügen uns, einige der crassesten Lügen hier festzunageln. Da ist vor allem die Nr. 50 („Max Nordau gegen die Juden von Rumänien"), wo die hirnverbrannteste und lumpenhafteste aller Anschuldigungen, die je gegen den Zionismus im Vertrauen auf die Gedankenlosigkeit des durchschnittlichen Zeitungslesers in Umlauf gesetzt wurden, zum xtenmale wiederholt wird. Die zielbewusste zionistische Propaganda, die auf eine Ansiedlung in Palästina unter rechtlichen Sicherheiten berechnet ist, soll das canadische ,Auswanderungsfieber" unter den rumänischen Juden hervorgerufen haben. Man mag wählen, ob man das gemein oder dumm nennen soll. Zum zweiten der kunstvoll-lügenhafte Bericht über Dr. H e r z Ts Auftreten in der vorjährigen Generalversammlung der „Israelitischen Allianz". Bekanntlich hat Dr. H e r z 1 damals zu dem kindischen Bio c h'schen Antrage, man möge die indischen Finanzkreise auffordern, der rumänischen Regierung das angestrebte Darlehen nicht zu