Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 3 (18.1.1901)
- Article
- Bernard Lazare über die politische Gleichberechtigung der Juden
- Date
- 1901-01-18
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 6 „Die £ Wefü* Nr. 3 ist, seine staatsbürgerlichen Pflichten zu erfüllen und an der Vervollkommnung der Menschheit mitzuarbeiten." „Was wir wollen, das sagen wir rückhaltslos: Wir wollen die Unterdrückten, die Hungerleidenden, die geplagten Arbeiter lehren, sich selbst zu erkennen. Zu diesem Zwecke müssen wir ihr individuelles Selbstbewusstsein nach Möglichkeit heben, müssen sie zu körperlich und geistig gan zen Männern machen, zu Männern, die miteinander durch das Gefühl der Brüderlichkeit verbunden sind. Und weil wir sie zu Männern machen wollen, darum wollen wir nicht ablassen, ihre Menschenrechte nachdrücklich zu reclamieren; weil wir aber auch wollen, dass sich dasBand der Brüderlichkeit um sie schlinge, darum bekümmern wir uns nicht sonderlich um ihre politische Gleichberechtigung, die in unseren Augen ein Wahrzeichen der Assimilation ist. Hat denn die politische Gleichberechtigung den Juden wirklich viel Gutes gebracht? Allerdings sehe ich in Frankreich. Deutschland, England, Oesterreich und Italien in den gesetzgebenden Körperschaften einige Abgeordnete, die sich ihrer politischen Gleichberechtigung rühmen. Aber wir haben wahrhaftig gar keinen Anlass, darüber erfreut zu sein, dass Singer im deutschen Reichstag und Klotz in der französischen Kammer sitzt. Wir hoffen auf grössere Freuden." Bernard L a z a r e schildert nunmehr die unglückseligen Folgen, die die politische Gleichberechtigung für die Juden in Algier hatte, und meint: „Um wieviel glücklicher wären sie, wenn ihre Freunde für sie blos#die Menschenrechte gefordert hätten, die man ihnen schuldete, und sich dann bestrebt hätten, sie geistig und sittlich zu erziehen". „ . . . Und welcher Art soll diese Erziehung sein?" — fragt Lazare im weiteren Verlaufe des Artikels. Und er antwortet: ,Wir werden dem Juden begreiflich machen und ihm beweisen, dass die Bürger- und Assimilätionsrecbte, wenn er sie erlangen wird, nicht das Ende seiner Leiden, sondern im Gegentheil die Quelle neuer Leiden sein werden. . . . Die Juden müssen erkennen, dass, solang© die Völker nicht reif sein werden, sie für ebenbürtig anzusehen — und die Völker werden niemals reif hierfür sein — auch die politisch« Gleichberechtigung ganz wertlos ist. Werden die Juden dies erst begreifen, setzt Lazare zum Schlüsse seines Artikels auseinander, so werden sie den Völkern sagen : „Was wollt ihr eigentlich von uns haben? Ihr wollt, dass wir euch aus unserer Mitte Denker geben, die euch kleiden und speisen sollen, dass wir euch Geschichtsschreiber geben, die eure'Geschichte aufzeichnen sollen, dass wir euch Dichter geben, die euch eure Lieder singen und eure Sagen erzählen sollen, dass wir euch weise Männer geben, die euch zu Weisheit und Vernunft anleiten sollen? Aber seht doch : wir wr ollen füruns selbstde n k enunddichten, singen und sagen, wirken und schaffen; dann werden wir euch Blumen geben können, die siebenfach schöner sein werden als die jetzigen, denn sie werden an einem Orte aufspriessen, wo es Licht, Luft und Entfaltung gibt/ Das ist der Kern der Ausführungen Bernard L az ar es, und es bleibt abzuwarten, ob der B1 o c h'sche Mitarbeiter, der sich den an classische Barreaublüthen-Muster gemahnenden duftigen Blumenkohl über Max Nord aus Artikelserie geleistet hat, auch Bernard Lazare als jüdischen Antisemiten hinstellen und über ihn die volle Schale seiner Au-Witze ausgiessen wird, Für den Abdruck dieses Artikels im voraus bestens dankend, bin ich mit gesinnungsgenössischem Grusse Ihr hochachtungsvoll ergebener Bar-Hebraeu ß.*) Zur zionistischen Frauenbewegung. Der Wiener Zionistische Frauenverein" hielt am 12. dieses im Congress-Saal, IX., Türkenstrasse 9, unter dem Vorsitz seiner Präsidentin, Frau Dr. SidonieKahn, seinen Vereinsabend ab, welcher ein Referat des Herrn -e—-- :i -n '<( ... ..(■■'■ -; - - •,?>• *) Der Name des Einsenders ist der Redaction bekannt.! Dr. Theodor H e r z 1 über ,Die Frauen und der Zionismus" brachte. In launiger Weise besprach der Referent, dessen Erscheinen ^tü^inisch acclamiert ward, den Umstand, dass er s"elhef°eigen'eWT Persönlichkeit in zionistischen Angelegenheiten so oft begegne. Fast möchte er — um ein Wort Paul Heyse's zu gebrauchen, sich selbst aus dem Wege gehen! Vergleicht man die Bedeutung, welche der Führer der zionistischen Bewegung der Frau im Zionismus beimisst, mit dem, was wir Frauen auf diesem Gebiete bisher geleistet, so können wir uns eines Gefühls der ^Beschämung nicht erwehren. Die Worte des Abbe* Sieyes, des Vorkämpfers für den dritten Stand variierend, führt Herr Dr. Herzl aus: Was ist die Frau im Zionismus? Nicht eben Nichts; aber doch wenig. Und was soll sie sein? Nicht gerade Alles, aber doch viel. Es gelte, jene Masse jüdischer Frauen heranzuziehen und zu bilden, welche durch die Fürsorglichkeit eines zärtlichen Gatten vor jeder Berührung mit der rauhen Aussenwelt geschützt, ihre Tage beim Kaffeetisch und Poker-Jour verbringen. Es gelte, diejenigen zu gewinnen, die können, aber nicht wissen, nach dem Wort „si richesse savait et si pauvrete pouvait." Ist es möglich, diese geschützten, nicht wissenden Frauen ihrer Indolenz zu entfeissen, ohne sie vorerst die harte Schule des Lebens durchkosten zu lassen? Der Zionismus biete auch hiefür eine Handhabe: der Zionismus sei jung und schön; haben sich doch schon christliche Dichter gefunden, die sich des Stoffes bemächtigten! Der Zionismus sei ideal, er bedeute Selbstzucht und Selbsterhebung und komme dadurch der Kinder-Erziehung zugute; welche weitblickende Mutter könnte sich dieser Erwägung verschliessen! Hat doch schon die Erfahrung gelehrt, <^ss die Prüfungszeit des Zionismus* welche je® neue Bewegung durchmachen müsse, allmählich im Ablauf begriffen ist, dass viele, die gerne nach den Anderen schielen und sich auf Dreitgetretenen Pfaden tummeln, schon davon abgekommen sind, den Zionismus als eine verrückte und schädliche Bewegung zu verlachen. Und wenn erst der Zionismus dem Individuum greifbare Erfolge bieten, wenn er erst einmal eine Carriere bedeuten wird, dann werden die Vielen, welche zögerten, das schwanke Schiff unterwegs zu besteigen, plötzlich finden, dass sie im Herzen schon längst Zionisten gewesen. An der Frau mit ihrem ausgeprägten Schönheitssinn, mit ihrer Neigung zu idealistischer Auffassung, sei es, sich des zionistischen Ideals in seiner Jugendblüte au bemächtigen, das ernste Schönheitsmoment desselben zu erfassen und zu fruetificieren. Referent erinnert an den Ausspruch jener französischen Freiheitsschwärmer, welches dem Ideal der Republik, der .Marianne", schon zur Zeit des Kaiserthums dienten: „Marianne, wie war sie so schön unter dem Kaiserthum!" Und so eine Marianne unter dem Kaiserthum sei heute noch der Zionismus. Die Liebe, die sich dieser Marianne zuwendet, da sie noch keinen Vortheil bedeutet, noch keine Schätze zu vergeben hat, sei aufrichtig und ideal, und ein Hinweis auf den Zionismus nach dieser Richtung müsse in der Seele jeder feinfühlenden Frau verwandte Saiten zum Tönen bringen. So viele schöne Suppositionen sollten doch, denken wir, ehrlich vergolten, sollten doch beherzigt werden! Diesem Wunsche galt der Schlussappell der Präsidentin, Frau Dr. Kahn, an die anwesenden Frauen. Sie bat, die Frauen mögen das Moment der Schönheit, welches unser hochverehrter Führer vor Augen führte, auf sich wirken lassen, und dem Ideal des Zionismus ihre Dienste weihen; dadurch werden sie dem Referenten den schönsten Dank zollen. Der Vortrag bot eine Fülle von Anregung. „Ich weiss nicht, wann und wie wir unser Ziel erreichen werden*, sagte Herr Dr. H e r z 1 mit,jenerMiscimng idealer Auffassung r^nd j^al^^Si^ii^ ^^^wi^jt^^jq^ 'jjjp[': oft bemerken. „Aber", mahnt g% »wer^ vvollteidaran? ZAyeifelö,;