Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1901-01-18 · 3 (18.1.1901) · p. 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
3 (18.1.1901)
Article
Israel unter den Völkern
Date
1901-01-18
Page
3 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3315905-3315909-3394003--24101-3394092
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Nr. 3 „Die £ Welt" Seite 3 getaufte Jude Eduard Sirnson den Vorsitz, und es ist ausgemacht, dass es nach ihm keinen zweiten Präsidenten mehr gab, der ihm an Umsicht, Würde, ThatkrafttiahfoUiipfefrtöi*- lichkoit gleichgekommen wäre. Dieselbe Nationalversammlung, die ausgezeichnetste und grösste Rathsversammlung, die es in Deutschland je gegeben hat, wählte den Juden Gabriel Ri e s s e r zum zweiten Vorsitzenden, den Juden Sim on zum Mitglieds des Dre issiger-Auspchusses u. a. m. EduarJ S i m s o n, den B i s in a r c k einen „geborenen Präsidenten" nannte, war der Sprecher der Abordnung des Norddeutschen Reichstags, die im Jahre 1870 nach Versailles entsendet wurde, um den König Wilhelm II. zur Begründung des neuen deutschen Reichs zu beglückwünschen. Eduard Lasker hatte einen grossen Antheil an den Vorarbeiten zur Verfassung des Deutschen Reichs- Bismarck, dem er im Parlament viele Dienste erwies, lohnte ihn später mit Undank. Er starb fern von der Heimat, tiefgekränkt, verlassen und arm. Ludwig Ba'mberger war der Urheber der Münzreform in Deutschland und zwanzig Jahre hindurch einer der gewaltigsten Redner im Deutschen Reichstage. In Frankreich versah der Jude G u i z o t (1848) das Amt eines Ministers der auswärtigen Angelegenheiten zu einer Zeit, da der Stand der öffentlichen Finanzen ein sehr kritischer war, und rettete das Land vor dem drohenden Bankerott. Fould erwarb sich ebenfalls um Frankreichs Finanzen unter Napoleon III. grosse Verdienste. Jules Simon, der Sohn eines Lothringer Juden und einer bretagnischen Mutter, war einer der fünf Vertheidiger der Volksfreiheit zur Zeit des zweiten Kaiserreiches und wurde später Ministerpräsident, bis ihn Mac-Mahon mit seiner schweren Hand am denkwürdigen Tage des 16. Mai (1877) entfernte. Raynal schloss als Finanzminister den Vertrag zwischen der Regierung und der Eisenbahngesellschaft trotz der heftigen Opposition ab und konnte später darauf hinweisen, dass der Vertrag zugunsten Frankreichs ausgefallen war. Naquet gab Frankreich das Ehescheidungsgesetz und war das geistige Oberhaupt der Boulangisten. Man mag ihn wegen seiner Antheilnahine an dem boulangistischen Rummel tadeln, aber es lässt sich nicht leugnen, dass seine Rolle in dieser Bewegung eine bedeutende und folgenschwere gewesen ist. Ich möchte mich nicht in endlosen Aufzählungen ergehen und will mich nicht aufhalten bei Staatsmännern zweiten Ranges, wie z. B. Signor L u z z a 11 i, der das Handelsbündnis zwischen Frankreich und Italien schuf oder Dr. Adolf F i s c h h o f, dem Volkstribun der österreichischen Revolution vom Jahre 1848, der Oesterreich zuerst den Weg wies zu einem Völkerbunde und zur Schaffung verfassungsmässiger Zustände. Auch ist hier nicht der Ort, darzulegen, was die Juden für die demokratische Partei geleistet haben, wer die Männer waren, die diese Partei begründet und geleitet haben und wie gross noch jetzt auf diesem Gebiete die Thätigkeit der Juden in den westlichen Ländern ist. Gibt es auch unter diesen Juden einzelne, gegen die man vom Standpunkte der oder jener Partei Vorwürfe erheben kann, so lässt sich dennoch nicht leugnen, dass die Juden im allgemeinen Grosses geleistet haben und dass ihre Bemühungen, ihre Vorarbeiten und Kämpfe im Interesse ihrer Vaterländer und Mitbürger tiefe Spuren zurückgelassen haben. Immer wenn den Juden politische Rechte zutheil wurden, stürzten sie sich alsbald voll Thatenlüst auf die parlamentarischen Arbeiten und wurden rasch zu Parteiführern, manchmal selbst zu Ministem. Das öffentliche Leben eines jeden Landes, dass seine Thore den Juden öffnet, gewinnt an ihnen eine frische,' thateifrige nnd nützliche Volksciasse. 7*^^^^/;^^IJ^.i^Äf ■ A&^idei''j^uizen . von den -; Staatsmännern, die es hervorbringt und die früher oder später in einem fremden Volksthume aufgehen, ihrem Vaterland jedoch bringen sie unzählige Vortheile, denn sie sind ihm mit Leib und Seele, mit allen ihren materiellen und geistigen Gütern ergeben« Die Eigenschaften, die die Juden befähigen, sich im politischen Leben zu bethätigen — ihre Redegewandtheit, ihre Beharrlichkeit, ihr Auffassungsvermögen, ihr Geschick in der Ausgleichung von Gegensätzen — sind schon vorhin erwähnt worden. Allein von allem dem abgesehen, gibt es tiefer liegende, in der Seele des Juden schlummernde Kräfte, die seine politische Begabung begründen. Das jüdische Naturell ist eine Mischung idealistischer Schwärmerei und realistischer Klugheit und Besonnenheit — ein wunderbares Gemisch, dass bei keinem anderen Volke zu finden ist. Sie haben einen feinen, regen Sinn für die praktische Durchführung einer jeden Sache, und dieser praktische Sinn lässt sie für die schwierigsten Fragen eine Lösung finden, die sie dann auch verwirklichen. Zugleich aber haben sie eine von altersher überkommene starke Einbildungskraft, eine Neigung zu Ueberschwang, ein intensives Empfindungsvermögen, lebhaftes Verlangen nach Vervollkommnung, nach Fortschritten, nach Neuheiten und eine Art klarer innerer Erkenntnis dessen, dass es ihre Pflicht ist, sich an allen Werken zu betheiligen, die auf eine Verbesserung des Bestehenden abzielen, und dass sie sich dieser Pflicht nicht entziehen und sie nicht anderen überlassen dürfen. Indessen artet dieser innere Drang bei ihnen nicht zu Streberei und Stellenjägerei oder zu hohlem Demagogeuthum aus. Vor einer solchen Abirrung und Entartung schützt sie ihr idealer Sinn. Er entfacht in ihnen einen Geistesfunken, dessen Glut unverlöschlich ist innerhalb ihres Stammes. Selbst der Jude, der bis über die Ohren assimiliert ist und dessen Mund von Betheuerungen überströmt, dass er mit seinen einstigen Volksgenossen nichts mehr zu schaffen habe, selbst er ist gegen ^seinen Willen ein Spross des alten Stammes, und ebenso wie er seine Gesichtszüge sammt der Nase nicht umformen kann, so kann er auch seine jüdische Gemüthsait nicht ändern. Jeder, der eine feinere Empfindung und einen tieferen Blick hat, wird mit Leichtigkeit auch an diesen Leuten die Spuren des jüdischen Geistes erkennen, des idealen Streben s, gepaart mit praktischer Vernunft. Diese Geistesbeschaffenheit mag in einzelnen Fällen verzerrt oder getrübt in die Erscheinung treten, aber ganz verleugnen lässt sie sich nicht. (Schluss folgt.) Die „Neue Zeit" über den Zionismus. Von Egon Lederer. (Wien.) I. Die Stuttgarter „Neue Zeit" veröffentlicht in Nr. Ii und 12 vom 12. und 19. December 1900 eine Artikelfolge Max Zetterbaums (Lemberg), eines jüdischen Socialdemokraten, über die „Probleme der jüdischproletarischen Bewegung". Es ist das erstemal, dass die social-demokratische Partei Deutschlands in ihrem wissenschaftlichen Organe eine klare Stellung zum Zionismus nimmt, das erstemal, dass ein social-demokratischer Parteimann die sattsam bekannte Praxis seiner Genossen gegenüber der jüdisch-nationalen Bewegung theoretisch zu erklären und zu begründen versucht. Allerdings geschieht diese Begründung mit Hilfe jener erzwungenen Gedankenfolge, die Schopenhauer als unphilosophisch verdammt, weil sie einem ganz bestimmten Zwecke zustrebt und nicht intuitiv aus einer rein mechanischen Denkarbeit erwächst, die Selbstzweck ist. Zetterbaums Leitsätze in seiner Polemik gegen die' zionistische Bewegung sind, losgelöst von ihrer „wissenschaftlichen" Verbrämung, die .folgenden.-: ,. :—r T. „ D *e'T Zionismus i s t d i e R e a c t i o n des j ü d i s c h e n Bürgerthums gegen den modernen Antisemitismu s."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.