Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 2 (11.1.1901)
- Article
- Londoner Brief
- Date
- 1901-01-11
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 6 „Die j*s WeltJ» und immer neue tüchtige Kämpfer für die heilige Sache in unser Lager kommen. Am vorigen Sonntag z. B. wurden zwei neue zionistische Organisationen geschaffen. Aus der Commercial Road Talmud Thora in der Cannon Street- Road, deren Leitung bisher unter Aufsicht des antizionistischen Dr. Adler stand, wurden die „Commercial Road Z i o n i s t Talmud Thora Classes." Es lässt sich gar nicht schildern, mit welcher Freude und Rührung die Besucher der „Talmud Thora" jüngst den jungen Sängern lauschten, die „Die Hoffnung" und „Dort, wo die Ceder . .." zum Vortrage brachten und von Juda, dem Makkabäer, zumindest so gut zu erzählen wussten wie von Wilhelm, dem Eroberer, In demselben Gebäude, wo jetzt die Kinder Jüdisches und Zionistisches gelehrt bekommen, sassen in einem anderen Saale junge Mädchen, die Mitglieder der „Benoth Zion", um Hebräisch zu lernen. Jeden Freitag, Samstag und Sonntag Abend versammeln sich diese Mädchen, denen es mehr Vergnügen macht, in der Geschichte und Sprache unseres Volkes zu forschen, als dem Tanz und dem Vergnügen nachzugehen. Von Commercial Road gieng ich nach der Regent Street des Ghetto, Brick Lane. Dort steht die grosse Synagoge der orthodoxen Machsike Hadass, an deren Spitze unser treuer Gesinnungsgenosse Rabbiner A. Werner steht, und die Jüdische Talmud Thora, wo alltäglich 11.000 Kinder jüdischen Unterricht erhalten. In einem grossen Saale dieser Schule wurde eine zionistische Versammlung abgehalten. Es war die erste Versammlung der „Dorshei und Tikwath Zion*. Unter den Sprechern des Abends befand sich ein zehnjähriges Mädchen, das nach den Männern das Wort nahm. Kein Auge blieb thränenleer, als die kleine Rebekka Zinkstein den alten, grauen Männern von dem Elend und derNoth des Ghettos erzählte und in schlichten Woiten bat, wenn die Alten schon für sich selbst nichts mehr thun wollten, so mögen sie wenigstens an ihre Kinder denken. Das waren nicht die einzigen Versammlungen dieses Abends. Die „Knight ofZion Associaton" und die „M ile End Zionist Society" propagierten zu gleicher Zeit den zionistischen Gedanken. Im fernen Westen fand eine grosse öffentliche Versammlung der „W est-London- Zionist -Association" statt. Sir Francis Montef i o r e sprach in Sunderlan'd, wo er die Synagoge eröffnete. Die „English Zionist Federation" hat für das Jahr 1901, das in England als das Eröffnungsjahr des neuen Jahrhunderts gilt, die Parole ausgegeben: „Vorwärts!" Diese Parole wird erfüllt werden. Schon jetzt zählt die Federation über fünfzig Vereine mit rund 10.000 Mitgliedern. Man muss bedenken, was das heissen will! Kaum vier Jahre sind seit jenem Ta^e verflossen, als die „Bnei Zion Association", damals der einzige zionistische Verein, dem Dr. Herzl im „Jewish Working Mens Club" ihr Boruch Habo entbot. Aus diesem einen Vereine sind nun fünfzig geworden. Es ist wahr, dass wir in England leichteres Spiel haben als die Zionisten anderwärts — denn wir haben die Freiheit des Wortes und der Presse — aber wir hatten doch noch das Vorurtheil gegen die „Chowewe Zion Association" zu überwinden. Und auch das Zusammengehörigkeitsgefühl musste geweckt und jener Egoismus gebrochen werden, der sich nach dem englischen Worte richtet: „Jeder für sich selbst, und der Teufel hole den Letzten!" Jetzt aber ist alles anders, und es gibt keine anständige Gemeinde, sie sei noch so klein, die nicht ihren zionistischen Verein, zumindest aber ihren Share-Ciub hat. Noch ein ausserordentlich bemerkenswerter Fortschritt ist zu verzeichnen: Tu früheren Jahren war es fast unmöglich, eine Synagoge zu bekommen, wo wir eine zionistische Versammlung hätten abhralte'h' können. Jetzt sind von den 32 Synagogen, die zur Federation Sir Samuel Montagus, des „biblischen" Zionisten, gehören, 18 streng zionistisch, und die anderen kommen allmählich nach. Kein Wunder auch, wenn man beispielsweise dem Rev. Maccoby, dem Predige*! flat*'*' Svnagogen-Federation, untersagt hat, gegen den Ziöflismäsff2u predigen, wie er es früher gerne that. Der Zionismus triumphiert im Norden und Süden, im Osten und Westen über die „Englishmen of the Jewish persuasion". Die grosse Masse der englischen Juden denkt heute schon zionistisch. Wir aber bleiben unserer Parole treu : „Vorwärts!" Neuen Erfolgen entgegen! Isaak L. Bril vom „Jewish World"« Wahlbilder aus Oesterreich. L Die social demokratische Partei vor und nach den Reichsraths-Wahlen. Da die Wahlen in der V. Curie nun glücklicherweise vorüber sind und wir nicht mehr Gefahr laufen, dem Vorwurfe zu begegnen, uns durch eine Kritik der Wiener Socialdemokraten an dem „Fortschritt" und. der „Freiheitlichkeit" zu versündigen, so möchten wir das Vorgehen dieser „freiheitlichen* Partei den Juden gegenüber ein wenig beleuchten. Bekanntlich standen sich in der V. Curie Socialdemokraten und Christlich-Sociale im heftigsten Kampf gegenüber. Im I. Wahlkreis d. i. I,, II. und XX. Bezirk lag die Entscheidung ausschliesslich in den Händen der jüdischen Wähler. Ä Wenngleich nurrdie Soeialdemokratie der jüdischen Stimmen von vornherein sicher war, so sahen sich doch die jüdischen Redacteure der „Arbeiter-Zeitung* genöthigt, v or der Wahl von ihrem üblichen Antisemitein Umgang zu nehmen, um sich den jüdischen Wählern gegenüber als „fortschrittlich und freiheitlich" zu präsentiren. Offenbar aus „taktischen- Gründen wurden auch zwei Jüdische" Candidaten aufgestellt. Allerdings jene jüdischen Wähler, welche diese „Juden" näher kennen zu lernen Gelegenheit hatten, empfanden wirklich die Qual der Wahl. Der eine, Herr Dr. Victor Adler, ist bereits zweimal getauft und momentan Protestant, der zweite, Herr Dr. Wilhelm Ellenbogen, äusserte sich vor zwei Jahren in einer öffentlichen Versammlung: Das jüdische Volk sei prädestiniert, zugrunde zu gehen. Er fühle sich durch und durch als Deutscher. Aber wie gesagt, da es schliesslich gegen die Christlich-Socialen gieng, so wählte man das kleinere Uebel. Thatsächlich gelang es mit Hilfe der jüdischen Stimmen, Herrn Dr. Ellenbogen zum Siege zu verhelfen. Der Dank hiefür sollte den Juden auch nicht vorenthalten werden. Als die Wahlen in zwei Wiener Wahlkreisen zu Gunsten der Socialdemokraten entschieden waren, zogen die — trotz des Sieges —langnasigen Herren der „Arbeiter- Zeitung" von den Wahllocaien mit dem festen Entschlüsse ab, nunmehr nach der Wahl die sie compromittierenden jüdischen Wähler zu verleugnen und abzuschütteln. Gleich am ersten Tage nach der Wahl berichtete die „Arbeiter- Zeitung41 u. a. wie folgt: „Die jüdischen Wähler kamen wiederholt, um sich nach dem Wahlstand zu erkundigen, ins Agitationslocal. Sie jammerten oft: Wir haben zum Wählen keine Zeit." Um die „Judenreinheit" der Soeialdemokratie vollends darzuthun, tischt sie ihren Lesern an einer anderen Stelle derselben Nummer folgende Mär auf: Ein bezeichnender Vorfall: Ein alter Jude, der aufgefordert wurde, socialdemokratisch zu wählen, war über diese Zumuthung ganz erstaunt: Warum soll ich gegen die Christlich-Socialen stimmen? meinte er, „ich mach* doch äs ganzejahr mit de Christen Geschäft e". Nach der „Arbeiter-Zeitung" wären also die Juden, welche vor der Wahl als „freiheitliche Elemente* von den „Genossen" um Spenden für den Wahlfond angeschnorrt wurden, am Ende Gesinnungsgenossen der Christlich- Socialen. In der „Arbeiter-Zeitung" vom 5. Jänner lesen wir weiter folgendes: „ ... Während des Scrutiniums plauderten die versammelten Wähler, die das Resultat der Section erwarteten, in ruhiger Weise. Herr Lichtblau (der Comissionsvorsitzende) der schon sehr erbittert war, weil er etwas ahnte, rief mit einer Arroganz, die ihm — trotzdem er bereits getauft sein soll — geblieben ist, zu den Wählern" etc. Was wohl die „Arbeiter-Zeitung" mit diesen antisemitelnden Notizen erreichen will? Die Antisemiten über-