Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 2 (11.1.1901)
- Article
- Die Judennacht
- Date
- 1901-01-11
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 2 „Die & Welt" Seite 3 Reichstage? Sie ist eingesetzt, Israels Sqhmerzen zu lindern und sie zu vertheidigen gegen dhi'r-ruffirädichte Liebermanns v. Sonnenburg. Die Juden, r dürfen nicht anfangen, ihre Sache selbst zu fahren; denn dann würden ja der Freisinnigen Vereinigung die ganzen Gelder entzogen, um Wahlen zu machen. Und das wäre schnöder Undank! Wozu haben sich die um R i c k e r t und die um Eugen Richter getrennt? Richter weiss, dass der Liberalismus noch tödter wird, wenn er zu enge mit der Sache der Juden verbunden wird. Und Rickert weiss, dass die Juden nicht mehr zu haben sind, wenn weiter so energisch gegen die Regierung vorgegangen wird. Das war früher einmal. Heute muss man „national" sein! Heute muss man für Marine und Heer schwärmen! Eigentlich ist dss ja gegen den Liberalismus. Und wir sind ja auch dagegen. Aber die Regierung will's. Thun wir ihr den Gefallen. Sonst gelten wir nicht für patriotisch. . . Darüber ist sich keiner mehr im Unklaren, dass die veränderte Haltung der leitenden, d. h. geldgebenden Juden den militärischen Forderungen der Regierung gegenüber die Spaltung der freisinnigen Partei geschaffen hat. Und diese neue Haltung ist nicht das" Product eines Ueberzeugungswandels, sondern der Furcht vor dem Vorwurf der Vaterlandslosigkeit, Wir sind heute unfreier, als wir es je waren! Das wäre zu ertragen. Wir sind daran gewöhnt. In unseren Wiegenliedern lernten wir schon das Klirren der Kette. Aber was schlimmer geworden ist in unserer ganzen Stellung in Deutschland! Einst waren wir Schutzjuden. Aber die uns ihren theuren, drückenden Schutz angedeihen Hessen, das waren Kaiser und Fürsten mit drohenden Worten und markigen Fäusten und Bischöfe, die über Hölle und Himmel geboten. Und heute? Heute sind wir die Schutzjuden einer strebenden, politisch überwundenen Partei geworden. Einer Partei? Nein, einiger — nun sagen wir schön : wohlwollender Christen. Die Antisemiten schimpfen die Liberalen fort und fort: Judenschutztruppe. Wenn sie es nur wären! — Es ist aber nur eine Juden schutzpuppe, auf die wir unsere Hoffnung, unsere Zukunft setzen. — Und diese Erkenntnis, von der alles Heil für die deutsche Judenheit abhängt, tagt leider nur in wenigen hellsehenden Köpfen. Zu meiner Freude kann ich sagen, dass die Führer des Statsbürgervereines zu ihnen gehören. Dieser Verein ist eben eine zionistische Institution mit einem umschriebenen Arbeitsgebiet. Was von den Vorstandsmitgliedern des Staatsbürgervereines gesagt wurde, über die Schmach der Judentaufe, über die Erziehung zum jüdischen Stolz, über die Nothwendigkeit zusammenzustehen, über selbständiges Handein und Lossagen von dem „messianischen" Liberalismus, das kann jeder Zionist unterschreiben. Geradezu ein Moment von gewaltiger Tragik war es, als sich einem in der eisigen, nüchternen Behandlung civilrechtlicher Fragen hart gewordenen Justitzrath das Wort entrang als Antwort für einen Aengstlichen : „Es gibt keine politische Noth, gegen die der Fatalismus ein Mittel ist. Wir sind zum Kampf auf die Erde gesetzt und dürfen nicht warten, bis der Liberalismus uns befreit. Lieber falsche Arbeit, als keine Arbeit! Die Emancipatiou der Juden ist eine gesetzgel> esi $.che L üge. V or z e-hn Ja hr en konnten wir noch verderben. Heute können wir Juden thun, was wir wollen —- uns kann heute nichts mehr schaden/ Das war ein Debacle. Das war die Bankerotterklärung hundertjähriger Hoffnungen deutscher Juden. Wir Jungen, die wir auf dem Gymnasialhofe dreizehn Jahre lang allein giengen, die wir den Judenhass als eine Selbstverständlichkeit lebten und litten, griffen den Stolzgedanken jüdischer Selbsthilfe freudig-unbedenklich auf. Er schuf uns eine geistige Heimat, da man die Vaterländer uns entriss. Von den Alten aber, die ein langes Leben gehofft hatten, waren es nur die Sensitivsten, die Ehrlichen, die Nichtvereisten, die Nichtverrohten, die thränenden Auges auf das Grab ihrer Hoffnungen wiesen. Auf der Vorconferenz waren ihrer nur wenige. Die anderen aber, die treifenen Vertreter derjüdischenReligion, die heute noch schreien, dass man das Wort Judentag nicht aussprechen darf, dass man nur von „Gesammtvertretung" spreche, die Anbeter Rickerts, die Aengstlichen, deren Hoffnung der Judenmissionär Professor Strack ist — manche waren harmlose Commerzienräthe, die es nicht besser verstehen. Die meisten waren Heuchler. Unser Vertreter Dr. Friedemann hat sie so genannt. Mehr sagen durfte er nicht, da ihm nur eine Redezeit von einer Minute gewährt wurde. Aber es genügte! Das sind die berechtigten Vertreter der deutschen Judenheit, die sich hinstellen und sagen : „In Süddeutschland geht es uns gut, wir brauchen keinen Judentag." Oder wenn die traurigste Blüte der deutschen Protestrabbiner — Rabbiner sollte man sie nicht nennen, sondern wie Paul Lagarde es sagte: „Rabbiate" — salbungsvoll räth: Keinen Judentag! Da lernen die Stumpfen die ganze Tragödie ihres Leidens kennen und fallen ab! Und ebenso die „Ueberreifen". Das sind die Vertreter, die wettern und fluchen, wenn sie vom Zionismus hören, ohne zu wissen, was er will. Aber dass in jeder ihrer Reden auf der Vorconferenz der Zionismus gemordet wurde, kommt daher, dass selbst die Dümmsten spürten, dass der Judentag — eine zionistische That wäre. Denn das steht fest: Ohne Z i o n i aim u s gäbe es keinen Judentag — ohne Zionismus wird es keinen Judentag geben. Aus den Verhandlungen aber haben wir gesehen, dass die Schaffung der Zionisten-Congresse geradezu eine gewaltige That war: gross in der Idee, gigantisch im Ausbau, erlösend in ihren Zielen! Und wir haben auch gesehen, dass unsere russischen Zionsbrüder, mit den Vertretern der deutschen Judenheit gemessen, geradezu musterhaft parlamentarisch geschult sind. Unter den Hauptwüthern gegen den Judentag ist einer, der auf seltsame Weise zu seinen Millionen gekommen sein soll. Er hat in Sau Fraucisco die Leiber gestorbener Chinesen aus der Fremde in ihre Heimat geschafft. Dass er jetzt ein Führer wurde-in Israel, kommt daher, dass er für jüdische Zwecke alljährlich so viel opfert, wie für Henry Clays und echte ß o c k s. Er hätte die Summe ja auch für Kunstzwecke oder wofür sonst diese Art jüdischer Millionäre sieht* b a r 1 i c h ein paar hundert Mark hergibt, opfern können. Dass er sich aber aufs Judenthum warf, ist verdächtig. Er muss Leichengeruch gewittert haben . . . Mag er mit seinem Leichenjudenthum glücklich werden! Wir aber, die der goldige Traum jüdischen Lebens geküsst hat, wir hoffen, dass auch jene Alten, die ihre lEmancipationshoffhungen, ,nunendgiltig begraben haben, in unsere Reihen treten als Führer und Berather im Kampfe für lebendiges Judenthum.