Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 2 (11.1.1901)
- Article
- Eine neue türkische Verordnung
- Date
- 1901-01-11
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 „Die & Welt" Nr. 2 wichtigen Berechtigungen, welche die Pforte den Juden in Palästina durch dieses Irade ertheilt, höchstens in entfernten Beziehungen zu jenen öffentlich-rechtlichen Sicherungen stehen, die der politische Zionismus anstrebt. < \ ' Was aber aus der neuen Verordnung unzweideutig hervorgeht, das ist, dass nicht nur die von der „Polit. Corresp." signalisierte Missstimmung der Pforte gegen die Juden und den Zionismus nicht besteht, sondern dass gerade das Gegentheil wahr ist. Die Pforte steht den Juden sehr freundlich gegenüber. Was angesichts dieser, durch die letzte Verordnung klar. documentiertenThatsache, die „Politische Correspondenz" zu ihrem Gonstantinopeler Stimmungsbild veranlassen konnte, bleibt unerfindlich. Wir sind nun begierig, ob die antizionistischen Blätter, für die die Meldung des „Polit. Corresp." nach dem Wiener Worte ein „gefundenes Fressen" war, loyal genug sein werden, die Meldung und ihre daran geknüpften Commentare auf Grund der neuen türkischen Nachrichten entsprechend zu cprrigieren. „Jewish Chronicle", der die Mittheilung über die neuen Verordnungen sowohl aus Jerusalem, als auch aus Constantinopel („Wichtige Privilegien der Pforte") erhalten hat, ist bereits mit gutem Beispiele vorangegangen. Freilich ist „Jewish Chronicle* von vornherein auf die Meldung der „Polit. Corresp." nicht hereingefallen. Es wird sehr interessant sein, die anderen antizionistischen Blätter auf ihre Loyalität und die Ehrlichkeit ihrer Gegnerschaft zu prüfen. Die Judennacht. Von Eli Samgar. (Berlin.) Donnerstag, den 27. December 1900, traten im Hause der Bne-Brith-Logen an die sechzig Mann zusammen, um über den Vorschlag Professor Philipps o n s — über den deutschen Judentag — zu berathen. Und als sie nach fünfstündiger Berathung nachhause giengen, da sah :iman, dass der deutschländischen Judenheit der Tag noch nicht angebrochen, dass noch die tiefe, schwarze Nacht der — „Aufklärung" unserer leitenden Männer Sinne umdüstert. Unsere leitenden Männer! Es war rührend für den kühlen Beobachter, dem Juden aber, der mit brennender Sehnsucht nach dem Frühling auslugt, ein würgender Schmerz, die Führer Israels an der Arbeit zu sehen. Die voller Hoffnung, voll jüdischen Stolzgefühles den Judentag hatten schaffen wollen, sie zogen gesenkten Hauptes heim. Das hatten sie nicht erwartet, nicht erwarten können. Sie sahen doch so viel junges, aufspriessendes Leben in Israel, sie sahen die Studentenverbindungen, die Zionsvereine, die Literatur-Verbände, die Turnbewegung, aber die „Führer" in Israel sahen sie nicht Auf Widerstand mussten sie gefasst sein. Aber auf einen anderen! Sie dachten an jene, die es für das leichteste hielten, überhaupt nichts zu thun, damit die Juden auch den Christen ungefährlicher erscheinen mögen — da sie nicht zu existieren schienen. Manche dieser Braven sagten sich wohl auch, wirklich Bedeutendes, positiv Erlösendes würde doch nicht geschaffen werden können. Wozu also die Aufregung? Wieder andere — man könnte sie optimistische Pessimisten nennen, wenn sie Fatalisten aus Faulheit wären — sie schreiben und schreien: Es ist erschreckend, das ganze Elend um uns, die gesellschaftliche Ignorierung, die staatliche Rücksichtslosigkeit, und erschreckend das ganze Elend. des Abfalles in den eigenen Reihen — aber dagegen können wir eben nichts thun, wir können uns *nur trösten,4 denn in unserer Religion, die uns so lange erhalten hatr sind ungekannte, unzerstörbare Kräfte, die das JüdMÖiiim-nife5r aller Zeiten Leid hinaustragen werden. Ueber ^derlei Einwände hätten sich die Schöpfer des Judentages sicher leicht hinweggesetzt. Und sie verzagten auch nicht; denn sie fühlten die Kraft in sich, in die Trägen Schwung, in die Messiassüchtigen Schaffensfreudigkeit und Gegenwartssinn hineinzutragen. Aber auch für die stattliche Schar der Vernünftigen, der Realen, der Praktischen, die immer und überall fragen: „Was nützt mich das?" hatten sie ein Beruhigungsmittel/ Der Judentag sollte eine Zusammenfassung aller bestehenden jüdischen Organisationen schaffen; der Literaturvereine, des Gemeindebundes, der Deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens u. s. w. Sie waren sich darüber klar, dass sie damit aussprachen — was wir Zionisten schon immer sagten — dass alle bisher bestehenden Institutionen zur Hebung, ja nur zur Erhaltung des Judenthums in Deutschland sich als lendenlahm erwiesen hätten. Insbesondere musste es als ein Zugeständnis der Ohnmacht aufgefasst werden, dass gerade Professor P h i 1 i p p s o n zum Judenlage aufrief— Philippson, der Vorsitzende des Deulsch-israelitischen Gemeindebundes, dieser bedeutendsten jüdischen, organisatorischen Schöpfung. Allein selbst mit jenen Furchtsamen, die ihre Schwäche nicht verrathen wollten, und mit jenen Hämischen, die sich über die offen gezeigte. Schwäche moquieren würden, hofften die Arrangeure fertig zu werden. Sie wussten, wen sie wirklich zu fürchten hatten. Als ich in Nr. 41 der „Welt" (19U0) die Anregung Philippsons als Zionist und deutschländischer Jude zu beleuchten versuchte, schrieb ich: „Wir dürfen nicht vergessen, dass jeder Fortschritt, den wir als Judenmachen,inDeutschland von de rUeber windung des politischen Liberalismus abhängt." Ein Judentag wäre ein Fortschritt, selbst wenn er nichts Positives zeitigte, wenn er nur ein Forum schüfe, von dem herab wir der Regierung und unseren christlich-deutschen Mitbürgern unser Leid klagten. Aber dieser Fortschritt, wie niillimetrisch er auch wäre, ist gehemmt worden durch die Macht, die der politische Liberalismus noch über die Sinnesrichtung der Führer Deutsch-Lraels hat. Die ganze Vorconferenz glich einer liberalen Bezirksversammlung, die im .Geheimen tagt. Jene Herren, die sich nach einem weichen Parlamentssessel sehnen, kann man noch verstehen. Auch Dr. Max Hirsch darf uns nicht aufregen; er gesteht offen, dass er zwar vom Judenthum nichts weiss, dass er aber gegen den Judentag ist, weil er gerne alle Beschwerden im I andtage vertreten würde. Ihm seien aber Klagen aus der Reihe der Juden noch niemals zu Gesichte gekommen (in Form von Petitionen). Was aber erschreckte, ja erschütterte — das war, dass von den 60 Vertretern mein*: als 40 ihre Hoffnung setzten aufHerrnRickert und „unsere christlichen Freunde". Von Gott wurde nicht gesprochen — dazu war en zu v i e 1 e Protestrabbin;er da! Der Gott Israel s ist jetzt Rick er t. Er ist unsere Hoffnung, er ist unser Panier, unser Schirm und Schutz im Sturmgebraus. Unser Sing und Sang ist R i c k e r t! Und R i c k e r t ist gegen den Judentag. Also auch wir. Rickert sagt, den Juden gehts gut in Deutschland. Also geht es uns gut. R i c k e r t sagt, es gibt keinen Unterschied zwischen Deutschen und Juden. Also muss es auch so sein.« Und schliesslich,' wo soll> deti®-1. kda% 'MMutoen^ wenn die Juden anfangen,'- selbstische Gelüste ^u-habeiii wozu gibts denn eine Freisinnige : Vereinigung' ifri