Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 1 (4.1.1901)
- Article
- Mähr. Weisskirchen
- Date
- 1901-01-04
- Page
- 10 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3315905-3315907-3393600--23866-3393714- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 10 „Die & Welt" Ni. 1 Nordmährens." Der quittierte diese Liebesgabe damit, dass er in seinem Kalender für 1901 die jüdischen Festtage, die doch auch der christliche Bauer und Händler kennen muss, strich. ■ li,üriR. Lemberg. Am 26. v. M. fand im „Hotel Bellevue^ unter Vorsitz unseres Gesinnungsgenossen des Herrn Dr. Allerhand und des Herrn Dr. Adolf Lilien eine Versammlung statt, die gegen den hiesigen Cultusvorstand aus Anlass der letzten Agitation bei den Reichsrathswahlen Stellung nahm und dem Cultusvorstand Misstrauen aussprach. — Hier hat sich bereits ein Comite der akademischen Zionisten für die bevorstehenden Cultuswahlen gebildet. Bukarest. (Die Lage der rumänischen Juden) wird immer verzweifelter; die Gaben aus dem Auslande sind relativ gering: ihre Summe hat bisher diejenigen noch nicht erreicht, die von den hiesigen besser situierten Juden gespendet wurden und, trotz der hier immer empfindlicher sich geltend machenden totalen Geschäft^! osigkeit, gespendet werden. Freilich, sehen wir hier das grenzenlose Elend, das jeder Beschreibung spottet, während das Ausland es nur vom Hörensagen kennt, und man müsste ein Herz von Stein besitzen, um diesen Jammer unthätig mit ansehen zu können. Man muss es sehen, wie die nothdürftig bekleideten Kinder barfuss in die Schule gehen und mittags in die Volksküche kommen, die nackten Beine und Füsse von Frostbeulen bedeckt, aus denen das Blut herabfliesst; man muss es sehen, welch .grosse Zahl von Kranken auf harten Brettern iegen und verschmachten; man muss die kahlen Räume sehen, in denen Tausende von Armen vor Kälte zittern und vor Hunger weinen! Aus der übergrossen Zahl von Beobachtungen über den Jammer der verschämten Armen seien nur einige angeführt, die theils meine Frau bei ihren täglichen Besuchen, theils ich selbst in den allerletzten Tagen gemacht habe, die also authentisch sind. In einem Keller, nicht in einer sogenannten Kellerwohnung, auf einem Brettergestelle -- denn alles Verkäufliche war längst zu Geld gemacht worden — liegt eine am Krebs leidende Witwe, die mit kaum hörbarer Stimme um einige Tropfen Milch, um den brennenden Mund zu kühlen, und um ein Messer bittet, mit dem sie durch Selbstmord ihrem qualvollen Zustande ein Ende machen möchte. Auf die Frage meiner Frau, warum man der Kranken nicht für fünf Centimes Milch kaufe, erfolgte die Antwort der Angehörigen, dass die Kranke diese Bitte schon seit dem vorigen Tage wiederhole, dass aber die fünf Centimes nicht vorhanden seien! Von einem Manne, der noch vor einem Jahre ein ziemlich gutgehendes Ladengeschäft besass, hörte ich die Klage, dass er nicht zehn Centimes besitze, um seiner im Sterben liegenden Tochter die von ihr gewünschte Limonade zu bereiten. Das Mädchen war am nächsten Tage eine Leiche. Meine Frau fand gestern einen Gelähmten, der seit eineinhalb Jahren zu Bette liegt, über und über von Ungeziefer bedeckt; er und seine Gattin klagten hierüber mehr, als über die Lähmung und den Hunger, aber die Armen hatten weder so viel Geld, um Seife und Wasser zu kaufen, noch weniger Heizmaterial, noch viel weniger aber ein zweites Hemd für den Mann. In einem von Wässer triefenden Kellerraum sah ich Mann, Frau und sechs Kinder, das älteste vierzehn Jahre alt, Leute, die früher in .relativ glänzenden Verhältnissen gelebt und Andere unterstützt hatten: die Gesichter und das Benehmen der halbnackten, hungernden Kinder machten mich sprachlos, nicht minder das Aussehen und die Sprache der Eltern: alle waren durch die Nässe krank geworden. Es gelang mir, mit Hilfe einiger Wohlthäter ihnen ein trockenes Wohnzimmer und 15 Frcs. zu verschaffen, für welche Summe der MaBn:: Waren kaufte und damit einen Hausierhandel begann, dfer ihm einen Tagesverdienst von 60—80 Centimes bringt. Dazu bekommen sie einmal täglich warmes Essen aus der Volksküche; nur Heizmaterial, Strümpfe und Schuhe fehlen noch. Diese Beispiele könnten ins Unendliche vermehrt werden; aber die mitgetheilten werden genügen, um das gaben willige Erbarmen anzuregen und vor Allem die ausländischen Hilf s-0 rganisationen zu bestimmen, mehr als dies bisher, wenigsters hier, der Fall ist, dieser unmittelbaren Unterstützungs-Action ihre Aufmerksamkeit zuzuwenden. („Jüd. Pr.") Makkabäer-Feste*). Wien. (Literarischer Geselligkeit s-V e r e i n jüdischer Mädchen „Mori a".) Sonntag den 23. December fand statt eines literarischen Nachmittags im Vereine eine Makkabäerfeier statt. Herr carid. phil. & theol. Margulies entzündete die Menorah. In seiner Rede, die er zur Weihe des Festes hielt, erinnerte er daran, dass es der Verein „Moria" war, der die Chanuka-Lichtlein in den Vereinen und in vielen Familien wieder zur Geltung brachte, dass der Verein „Moria" vor Jahren das erste Lichtlein entzündete, trotz dem Spott und Hohngelächter so vieler jüdischer Mädchen und Frauen! Das erste Lichtlein, es hat hell geleuchtet, und all die anderen Lichtlein, die dann Jahr um Jahr von sämmtliehen seither entstandenen Mädchen- und Frauenvereinen gezündet wurden, sie haben ihre Helle entnommen jenem Einen, in aller Bescheidenheit und Stille vor einem ganz kleinen Publicum entzündete Kerzlein.-- Herr Margulies sprach in so beredten, so herzlichen Worten, dass die Begeisterung und der ungetheilte Beifall kein Ende nehmen wollte und stürmischer Applaus seine Ausführungen lohnte. Hierauf hielt die Präsidentin des Vereines, Fräulein Natalie P o 11 a k, eine kurze Ansprache, in welcher sie betonte, dass es wichtig sei, die Erklärung des Chanukafestes jedem unwissenden Juden in wenigen, aber klaren Worten geben zu können, um nicht Legenden als eigentliche Bedeutung hinstellen zu müssen. — Sämmtliche Gäste und Mitglieder blieben bis zum Erlöschen des letzten Lichtleins beisammen. N. P. Drohobycz. Der Verein „Zionu veranstaltete Sonntag am 23. December 1900 eine Makkabäerfeier, die einen sehr würdigen Verlauf nahm. Nachdem Herr A. H. Z u p n i k die Versammelten aufs herzlichste begrüsste, ergriff Herr S. Auerbach, k. k. Oberpostcontrolor aus Przemys], das Wort zu einer trefflichen Festrede, die mit stürmischem Beifall aufgenommen wurde. Hierauf foigte eine Declamation des Herrn Schulmann, Lehrers an der Baron Hirschschen Stiftung aus Skole, und eine formvollendete I^ede einer christlichen Zionsfreundin, des Fräuleins Marie Krasinska aus Warschau. Bezeichnend ist der Vorwurf, den die Rednerin den jüdischen Frauen machte, dass sie Alles gutheissen und nachahmen, wenn es nur keinen jüdischen Namen besitzt. Zum Schlüsse wurde „Bar-Kochba" aufgeführt. Es zeichneten sich vor allen Anderen aus : Herr Turnschein und Herr Mühl. Nach der Feier fand ein Festcommers statt. Krakau. Am 22. December veranstaltete der Verein jüdischer Arbeiter und Handelsangestellter „Achdus* unter Betheiligung einer überaus grossen Zahl von Gästen ein Chanuka-Fest. Den Abend eröffnete Herr Horowitz mit einem Festprolog. Nachdem die vorzügliche Festrede des Obmannes Herrn Ries er beendet war, folgte ein abwechslungsreiches Programm, das sowohl den Liebhaber musikalischer, wie recitatorischer Kunst vollauf befriedigte. Darauf schilderte Herr Bloch die Bedeutung des Chanuka- Festes vom historischen Standpunkte aus. Ein animiertes Tanzkränzchen schloss dieses gelungene Fest. M. ß. Suczawa. Der hiesige Verein „Zion" veranstaltete Samstag, den 22. December 1900 im festlich decorierten' Turnsaale unter zahlreicher Betheiligung eine Makkabäer- Feier, deren Verlauf sehr würdig und erhebend war. Die Feier wurde eingeleitet durch das Lied „Dort, wo die Ceder". Nach der Begrüssung der Erschienenen durch den Vereinsobmann Dr. Kuno Rachmuth, hielt Oberrabbiner Dr. Abraham Löwy die Festrede, die lebhaften Beifall erntete. Daran schlössen sich die Tendenzreden des cand. jur. M. Kinsbrunner, Präses der „Zephirair, und des Vertreters der „Zephirah" stud. phil. Emil Zapp l er, deren enthusiastische Worte tief in die Herzen der Anwesenden drangen. „Der Wanderervon Schubert, *) Ein Theil der Mittheilungen über stattgehabte Makkabäer-Feste musste wegen Raummangels zurückbleiben.