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Die Welt · 1901-01-04 · 1 (4.1.1901) · p. 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
1 (4.1.1901)
Article
Philadelphia
Date
1901-01-04
Page
8 (sequence 2)
Language
German
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Seite 8 „Die # Welt" Nr. 1 heutigen Jerusalem und dessen Umgebung, Schliesslich kam der Redner auf die Colonisationsfrage der Juden in Palästina zu sprechen. Er äusserte die Meinung, dass (^e.'jlandwirthschaftliche Coionisation mit der mercantilen ünft^industriellen, deren Palästina am meisten bedarf, Hand in Hand gehen müsse. Boston. Die „Benei Zion" haben in ihrer letzten Ccnferenz beschlossen, einen Cyclus von jüdisch-wissenschaftlichen Vorträgen zu veranstalten. Die erste Vorlesung hielt Rabbiner Henry Morais aus New- York über den Einfluss des Rabbi Jochanan ben Zakkai auf das rab binische Judenthum. Jeder vierte Vortrag wird in hebräischer Sprache gehalten werden. Russische Chronik. I. Die Hungersnoth in Südrussland. Warschau. (Orig.-Corr.) Die Nachrichten aus Südrussland (Bessarabien und Gouvernement Cherson) klingen immer trauriger. Schon seit zwei Jahren ist dieser Landstrich von einer schrecklichen Hungersnoth heimgesucht. Am meisten betroffen ist die arme jüdische Bevölkerung, die ja auch in normalen Zeiten „von der Luft" lebt. Auch die Lage der neuen jüdischen Landwirtschafts-Colonien im Gouvernement Cherson ist äusserst kritisch» Im Frühjahr hatten die Colonisten gehofft, dass die Ernte heuer besser sein wird als im vorigen Jahr und haben daher eine grössere Bodenfläche bebaut. Aber bei der Ernte stellte es sich heraus, dass der Boden nicht einmal die Aussaat einbrachte. Es fehlt auch an Futter für das Vieh, und die Colonisten sind gezwungen, ihren kleinen Viehbestand, den sie sich schwer genug erworben haben, zu schlachten, die Rinder auszuschroten und von den Pferden das Fell zu verwerten. Die Hilfscomites, die sich in verschiedenen Städten Russlands gebildet haben, leisten sehr viel, doch vermögen sie dem ungeheueren Nothstand nicht beizukommen. Grosse Verdienste hat sich die Redaction des „Woschod* erworben, die circa 10.000 Rubel für die Notleidenden gesammelt und einen speciellen Delegierten — Herrn Dr. L a n d e r — nach Südrussland entsendet hat, damit er den armen Hungerleidenden Rath und Hilfe bringe. Charakteristisch ist Folgendes : In dem Rechenschaftsbericht, den das Odessaer Central-Hilfscomite für die Notleidenden kürzlich herausgegeben hat, figuriert die grösste jüdische Gemeinde — Warschau — mit der kleinsten Summe! Offenbar fühlen die „Polen mosaischer Confession" keine Verpflichtung gegenüber den „Mosaischen" in anderen Gegenden .... IL Errichtung jüdischer Armenwohnungen. Petersburg. (Orig.-Corr.) Vor einigen Wochen wurde vom Minister des Innern die Bildung einer Gesellschafc genehmigt, welche den Zweck hat, billige und hygienisch einwandfreie Wohnungen für die arme jüdische ßevölkorung zu errichten. Wer in den grossen jüdischen Centren Russlands, in Warschau. Wilna, Odessa etc. gewesen ist, der weiss, wie nothwendig solche Gesellschaften sind. Die Wohnungsnoth der jüdischen Massen lässt sich gar nicht schildern. Ein dumpfes Kellerloch, in das kaum ein Lichtstrahl einzudringen vermag, beherbergt oft 4—5 Familien, und es ist gar kein Wunder, wenn sich in einer solchen luft- und lichtleeren, schmutzigen Luke die gefährlichsten ansteckenden Krankheiten einnisten, wenn die Kinder, die dort aufwachsen, zeitlebens blutarm, schwachbrüstig und mit Augenkrankheiten behaftet dahinsiechen. Dabei müssen die armen Bewohner einer solchen Mördergrube monatlich 8—10 Rubel Miethe bezahlen! In den letzten Jahren sind in zwei grossen jüdischen Mittelpunkten, in Warschau und in Wilna, billige Armenwohnungen errichtet worden, die aber leider sehr wenig Nutzen stiften. In Warschau liess der Bankier Wawelberg diese Wohnungen, und zwar zur Hälfte für Juden, zur Hälfte für Christen, erbauen; doch sind von den 135 für Juden bestimmten Wohnungen, ungeachtet aller Bequemlichkeiten, die sie bieten, bloss vier bewohnt Für die übrigen findet sich kein jüdischer Miether, weil die Wohnungen zu weit von dem jüdischem Handelscentrum entfernt sind. Aehniich ist es in Wilna, wo der verstorbene Baron H i s c h jüdische Armenwohnungen erbauen liess. Es ist deshalb sehr zu wünschen, dass die neue Petersburger Gesellschaft die Fehler, die in Warschau und Wilna gemacht worden sind, vermeide. III. Zionistische Nachrichten. Wolkowyschki. (Gouv. Suvalk.) Die zionistische Jugend unserer Stadt veranstaltete am 23. December eine grosse Makkabäer-Feier mit sehr reichhaltigem Programme. Mit dem zionistischen^ nationalen Lied HIpDri» welches Talmud Thora-Knaben unter Musik-Accompagnement sangen, wurde das Fest eröffnet. Hierauf wurden die Lichter weihevoll entzündet und es folgte der meisterhafte Festvortrag des Herrn S. Goldberg aus Kibartj, der die Hörerschaft zu lebhaften Beifallskundgebungen hinriss. Herr H. J a w r owitz schilderte als gewesener Arbeiter in Palästina in kurzen Worten (hebräisch) die jetzige Lage der 400 beschäftigungslosen jüdischen Arbeiter in Palästina. Ferner nahm das Wort unser Londoner Delegierte Herr Caraber. Dann folgten Declainalionen des Fräuleins A 1 b a m (Wilkowyschki) und des Herrn Sandler (Wirballen). Mit bewundernswerter Gewandtheit sang ein 7jähriger Talmud- Thora-Knabe, der in die Kleider eines Arbeiters aus Palästina ausgerüstet war, das Lied : "ItDlÄ b^l Sft b$ (Trost in Thränen) und andere zionistische Lieder. Der Abend verlief, dank den Veranstaltern, Herrn A. C h m i e 1 e w s k i und Herrn H, Jawrowitz, in höchst gelungener Weise und hat als gutes Agitationsmittel für unsere ganze Umgegend gewirkt. Der Reinertrag fiel der Talmud-Thora und der neu gegründeten zionistischen Bibliothek zu. Dwinsk. Zu Ehren des Actionscomite-Mitgliedes Herrn Dr. Rosenbaum aus Minsk wurde hier am 7. Abend des Chanuka, dem 22. v. M., ein Bankett veranstaltet, das für die Propagierung der Zionsidee von ausserordentlich grossem Erfolg war. Der verehrte Gast war zu Agitationszwecken hieher gekommen und hielt Freitag abend eine kurze Ansprache in der von den Zionisten gegründeten Lesehalle. Diese Ansprache erhielt das Publikum in erwartungsvoller Spannung, da Herr Dr. Rosenbaum für den nächsten Tag einen längeren Vortrag ankündigte. In der That hielt er in der grossen Synagoge vor einem Publicum, das aus circa 4000 Zuhörern bestand, eine, dem Verständnisse des Volkes angepasste Rede, welche ganze drei Stunden dauerte. Diese Rede war so leichtfasslich und so einleuchtend, dass sie auf die Zuhörer einen unbeschreiblich überwältigenden Eindruck hervorbrachte. Nun begab man sich in den Saal, wo der Commers stattfinden sollte. Das Publikum bestand aus allen Schichten der Gesellschaft. Es war erhebend, zu sehen, wie unter der Flagge des Zionismus so verschiedenartige Elemente sich brüderlich zusammenfanden. Hier waren Vertreter der Intelligenz, die Toaste auf die Orthodoxie ausbrachten, dort wechselten Orthodoxe mit Freidenkern Händedrücke. Und vollends als Herr Dr. Rosenbaum das Wort ergriff! Männer und Frauen, Mädchen und Jünglinge 'gelobten sich unter dem machtvollen Eindrucke seiner flammenden Worte, ihre ganze Kraft für die Förderung des Zionismus einzusetzen. Die Jugend, der es zuerst gar sauer gemacht worden war, diesen Abend zustande zu bringen, war, nachdem das Fest so glänzend verlief, mit den Gegnern ausgesöhnt. Wer die Wirkung der Worte desHerrn Dr.Rosenbaum auf den Gesichtern beobachtete, konnte kaum glauben, dass es Juden gebe, die nicht Zionisten sind. Unser werter Gast redete so innig und warm, sprach sich so herzgewinnend über alles aus, was jetzt die Herzen der gesammten Judenheit bewegt, dass ich mehr als e i nen hartgef rorenen Skeptiker au ffchauen sah und in den Pausen den und jenen argen Zweifler sagen hörte: „Diese Idee trägt Leben in sich. Sie ist ausführbar." Ich bin sicher, dass dieser Same schöneFrüchte tragen wird. Auch der Nestor der hiesigen Zionisten, der Gründer aller hiesigen Vereine, Herrn Lehrer M e 1 a m u d brachte mit seinem Trinkspruch eine ungeheuere Wirkung hervor. Ihm gelang es auch, einen augenblicklichen praktischen Nutzen zu erzielen. Auf seine Aufforderung hin bewies nämlich die Versammlung nach altjüdischer Sitte ihren Wohltätigkeitssinn dadurch, dass jeder für die Arbeiter in Palästina sein Scherflein beitrug, woraus ein hübsches Sümmchen wurde. Auch aus unseren Reihen trat Frl. Dr. Lepid es auf, um in tiefgefühlten Worten die Führer unserer Mitwirkung an der zionistischen Sache zu versichern. Zum Schluss wurden jüdische Nationallieder unter Anordnung des Kantors und mit Musikbegleitung gesungen. Herr Dr. Rosenbaum nahm, stürmisch umjubelt, Abschied von den Versammelten, die einander in freudiger Begeisterung für die gute Sache zu überbieten suchten. EineZionistin.

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