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Die Welt · 1901-01-04 · 1 (4.1.1901) · p. 3

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
1 (4.1.1901)
Article
Der "Ritualmord" als Dissertationsthema
Date
1901-01-04
Page
3 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 1 „Die £ Weit" Seite 3 liehe Verfahren an Exactheit gewinnt Und die juridische „Erforschung der Wahrheit* sich durch wissenschaftliche Stützpunkte zu sichern sucht, hat die gerichtliche Medicin an Bedeutung gewonnen und spielt insbesondere in deriRitualmord-Processen eine wichtige Bolle. Als Beweis mag der bedeutende Einfluss gelten, den die Aussagen der Gerichtsmediciner in den Processen von Xanten (1892) und Polna (1899—1900) ausübten. Während des ersten Polnaer Processes sah man mit Erstaunen Mediciner an die Barre herantreten, welche im Namen der „Wissenschaft" bestätigten, dass man in der Umgebung der Leiche der Agnes Hruza nicht das Quantum Blut aufgefunden hätte, das man sonst auffinden müsste. Es war leicht daraus eine Schlussfolgerung zu ziehen, und der Advocat der Privatbetheiligten, der famose Baxa, that es auch, indem er sagte, dass das Blut, welches man nicht aufgefunden habe, von den Juden verwendet worden sei. Das Gutachten der Aerzte habe sich nur auf negative Momente und auf Prämissen gestützt, die von der Wissenschaft längst über Bord geworfen worden sind. Scheint es nun angesichts des rücksichtslosen Hasses, der uns überall verfolgt, nicht geradezu nothwendig, — wenn wider uns die Anklage wegen eines „rituellen Mordes" erhoben wird, wenn sich ferner im civilisierten Europa Leute finden, die daran glauben und Gelehrte, die diesen Giauben mit aller Macht ihrer antisemitischen Competenz unterstützen — scheint es da nicht nothwendig und einem gesellschaftlichen Bedürfnis zu entsprechen, die Frage des Ritualmordes vom wissenschaftlichen Standpunkte aufzunehmen, um die gewaltigen Irrthümer aufzudecken, welche durch die Experten begangen werden köanen un d Verhalten gsm assregem wiss enschaftlich festzustellen, welche im Wiederholungsfalle ein E xperte zu beobachten habe, um die Wahrheit herauszufinden? . . . Nachdem der junge Doctor die Dissertation geschlossen hatte, wurde er vom Professoren-Collegium „wegen seines nützlichen und zeitgemässen Beitrages zur gerichtlichen Medicin" herzlichst beglückwünscht. Die Auszeichnung „sehr gut" (tres bien) beweist, wie die Facultäts-Commission die grosse Sorgfalt, mit der unser Gesinnungsgenosse seine These niederschrieb, sein kritisches Verständnis und die Richtigkeit seiner Schlüsse zu würdigen verstanden hat. Es ist nur gerecht, wenn wir unseren Freund zu seinem Muthe beglückwünschen, den er dadurch bewies, dass er in unserer Zeit, bei dieser judenfeindlichen Strömung, gerade ein Thema, dessen Inhalt die Juden tief berührt, zur Dissertation wählte. Obgleich die Dissertation von Marcus eine rein wissenschaftliche ist, rathen wir doch allen unseren Freunden, sie zu lesen. Sie enthält einen kurzen historischen Ueberbiiek und eine Menge interessanter Einzelheiten, die auf den Ritualmord Bezug haben." Israel unter den Völkern. Von Max Nordau.*) I. Jeder, der einen klaren Blick hat, sieht deutlich, dass es am Ende des neunzehnten Jahrhunderts kein gesittetes Staatswesen gibt, das nicht seine „Judenfrage" hätte. Die Frage äussert sich in mancherlei Gestalt. Ihr bekanntester und stärkster Ausdruck ist der Antisemitismus. Es ist eine blosse Floskel, wenn man sagt, dass der Antisemitismus „die Schmach des Jahrhunderts" sei. So hat ihn der edle Fried* rieh III. genannt. Allein wer es liebt, den Erscheinungen auf den Grund zu gehen, der wird kein Genügen an dieser schönen Redensart finden, und er wird die Ursache des Antisemitismus, dessen verborgene Wurzeln zu ergründen suchen. Die Judenfeinde führen die Erklärung im Munde: Die Juden seien wegen ihrer Schlechtigkeiten verhasst. Diese Behauptung kann jedoch der Kritik nicht standhalten. Die Leute betrügen sich selbst: zuerst lehnen sie sich gegen ihr Empfinden auf, dann aber suchen sie nach Vor wänden, um dieses ihr Empfinden zti rechtfertigen und ihr Gewissen zu beschwichtigen. Es ist eine alte Geschichte. Oft thut einer etwas Böses, *) Aus dem von N.Sokolow herausgegebenen hebräischen Jahrbuch (Sefer Haschanah). Uebersetzt von M o r i z Zobel. ohne viel nachzudenken, bloss von einem unvernünftigen Trie^geleitet. Nachträglich ersinnt er sich allerlei Rechtfertigungsgründe, um nicht vor sich selbst als Bösewicht dazustehen. Der Volksmund hat diese menschliche Gewohnheit schon längst durch das Sprichwort charakterisiert: „Wenn man den Hund ersäufen will, sagt man, er sei tollwüthig." Die Juden sind nicht wegen ihrer Schlechtigkeiten verhasst, vielmehr ist man bestrebt, ihnen Schlechtigkeiten anzudichten, weil sie verhasst sind. Die statistischen Daten, die in allen Ländern, und zwar nicht von Juden, sondern häufig von deren Widersachern, gesammelt werden, zeugen zugunsten der Juden. Selbst dort, sagen uns die statistischen Ziffern, wo die Juden beschränkenden Ausnahmsgesetzen unterworfen sind, also leicht die Ausflucht gebrauchen können, dass die Leiden ihre Widerstandskraft lähmen, Noth und Elend sie auf die Stufe der alten Heloten hinabdrücken — selbst dort ist die Zahl der Verbrecher unter ihnen nicht so gross, wie die Zahl der übrigen Verbrecher. Und wenn diejenigen Leute nicht unter die Verbrecher eingereiht würden, die in ihrer Beruf sthätiirkeit sich Uebertretungen des Gesetzes zuschulden kommen lassen, wie die Cridatare und die Verüber sonstiger geschäftlicher Unredlichkeiten, deren Zahl unter den Juden nwendig grösser ist als anderswo, — wenn diese nicht mi ngereiht würden, so würde das Contingent, welches die Juden zum Verbrecherthum stellen, verschwindend klein sein. Dieärgsten und verabscheuungswürdigsten Verbrechen, als da sind Mord, Unzucht und Raub, kommen unter den Juden äusserst selten vor* Alle Merkmale, die die Statistiker einem Voike beilegen, das auf einer hohen Stufe der Sittlichkeit steht, finden sich bei ihnen. Die Zahl der Frühmortualitäten ist gering, die Zahl der Eheschliessungen ausserordentlich gross unter den Juden. In den Hoch- und Mittelschulen ist ihre Zahl sehr hoch, trotzdem ihrer Aufnahme Hindernisse in den Weg gelegt werden. Wo also findet die Behauptung einen Stützpunkt, dass diese Ciasse von Bürgern moralisch verderbt ist, während wir doch sehen, dass sie den Gesetzen des Landes, der Gesellschaft und der Sittlichkeit, gehorcht und nach Wissen und Bildung in weit höherem Grade strebt, als irgend eine andere? Oder ist die Schuld der Juden etwa die, dass die Reichen unter ihnen mit ihrem Reichthum protzen? Gesetzt, wenn auch nicht zugegeben, dass der jüdische Emporkömmling protzenhafter ist als andere Parvenüs, was folgt daraus? Doch nur, dass sein Geschmack wenig geläutert ist, sein Benehmen keinen weltläufigen Schliff' hat, und dass es recht ist, ihm die adeligen Geselligkeitsclubs zu verschliessen, wenn er Lust haben sollte, sich in sie einzudrängen. Was hat das aber mit der Entziehung der Menschen- und Bürgerrechte, mit den Bedrückungen und Verfolgungen aller Art zu thun, denen die Juden ausgesetzt sind? Ein anderes Wort, welches die Feinde der Juden stets im Munde führen, ist, dass der Antisemitismus so alt sei wie das jüdische Volk; also müssen die Juden doch von jeher und auch gegenwärtig die Schuld tragen an dem Hassgefühlj das sich gegen sie allerorten regt. Nun ist es allerdings wahr, dass der Hass der böse Genius ist, der die Juden auf allen ihren Wanderungen begleitet, aber dieser Unistand spricht keineswegs gegen sie, da wir ja sehen, dass jedes Volk in jedem Zeitalter einen anderen Vorwand und eine andere Form für seinen Hass findet. Die alten Römer beschuldigten die Juden, einen eselsköpfigen Götzen anzubeten; sie wurden dazumal als Umstürzler, als Feinde der staatlichen Ordnung angesehen. Die Syrer und Hellenisten hassten die Juden, weil diese sich weigerten, den olympischen Göttern zu huldigen, vielleicht auch, weil sie in dem alexan irinischen Zeitalter das Griechische fremdartig uud mit einer dem griechischen Ohre unschön klingenden Tönung aussprachen. In der ersten Zeit des

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