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Die Welt · 1901-01-04 · 1 (4.1.1901) · p. 2

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
1 (4.1.1901)
Article
Das Jahr 1900
Date
1901-01-04
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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Seite J. „Die & Welt" Nr. i wegungen der Gruppen beobachte», das sind erst die Vorgefechte, die kleinen Scharmützel, die den Hauptschlag vorbereiten sollen. r Wann und wie die Entscheidungen ialf^^eVclen, das ist noch nicht abzusehen. Aber eine Wahrnehmung kann man schon heute in den ersten Stadien dieser Kämpfe machen, die für die Juden von ungeheurer Bedeutung ist. Während die Kämpfenden einander immer näher rücken, werden von beiden Seiten, von den Stärkeren und von den Schwächeren, Dritte in den Kampf gezerrt: die Schwächsten. Die Starken thun das .theils aus Kriegslist, theils zur Erprobung der eigenen Kraft, von den Schwächeren aber werden die Schwächsten vorgeschoben, damit dem gegnerischen Vorstoss der Weg verlegt oder die Wucht seines Angriffes wenigstens theilweise auf andere übertragen werde. Die Schwächsten aber sind übe! all die Juden. Die Juden sind die ersten Opfer im Kampfe. Bald wirft sie der Staat der unzufriedenen Gesellschaft hin, bald entschädigt sich di<; Gesellschaft an den Juden, wenn sie mit den Regierungen nicht zufrieden ist. Einmal sind es die Proletarier, die die Juden die Sünden des Grosscapitals entgelten lassen, ein andermal sind es die Ausbeuter, die den grimmigen Hass der Ausgebeuteten geschickt auf die Juden ablenken. Bald sind es die nationalen Chauvinisten, die die Juden prügeln lassen müs en. um die in nationalen Fragen mattherzigen Volksgenossen aufzurütteln, bald die Gemässigt- Nationalen,diedie Vorsicht gebrauchen, die Leidenschaften der Radicalen sich ein wenig an den Juden abkühlen zu lassen. Heute sind es die Ciericalen, die, um ihre eigenen Actionen zu verdecken, die Juden der Bosheit ihrer Herde preisgeben, morgen müssen die Juden herhalten, um den Ansturm der frommen Menge, der eigentlich der feindlichen Aufklärung gilt, über sich ergehen zu lassen. Was im Grössen geschieht, als die erste furchtbare Folge der gewaltigen Bewegungen, das vollzieht sich naturgemäss täglich, stündlich, im Kleinen in ungezählten Einzelfällen. Auch dort, wo — um bei dem Bilde zu bleiben — Einzelgefechte und Kämpfe von Mann zu Mann stattfinden, ist die Situation der Juden nicht wenig bedroht Und auch hier fallen ungezählte Opfer. Die Katastrophen, mit denen das Jahr 1900 die Juden heimsuchte, beweisen deutlich, was wir eben ausgeführt haben. Der i\othstand und die Emigration der rumänischen Juden, das schrecklichste Ereignis des vergangenen Jahres, sind ein Beispiel dafür, wie Staat und Regierung die Juden benutzen, um die Unzufriedenen und Wirtschaft ich Schwachen \on der Ergründung und Aufhebung der eigentlichen Missstände fernzuhalten und alle bösen Triebe, die aus der Unzufriedenheit und Noth erwachsen, auf die Schwächsten abzulenken. Das Experiment ist, wie man weiss, nur zu sehr geglückt. Die Rechtsbeschränkungen gegen die Juden wurden grausam durchgeführt, und doch gelang es zu gleicher Zeit, den Antisemitismus der Massen zu hellem Brande zu entfachen. Auch heute noch hat die entsetzliche rumänische Judennoth, umsomehr als sich weder die Taktik der Regierung wesentlich verändert hat, noch das politische Verständnis der Massen gestiegen ist, kein Ende gefunden. Die Ritualmordhetzen in Böhmen und Preussen sind die Folgeerscheinungen der nationalen und religiösen Bewegungen, die sich wenigstens im Judenpunkte zu finden wissen. So ist beispielsweise Polna erstens die Antwort der czechischen Antisemiten und Ciericalen auf die nationale Lauheit und den Freisinn eines Theiles des czechischen Volkes, zum zweiten ist es die Abschlagszahlung, die die Gzechen eigentlich an die Deutschen wegen der Aufhebung der Sprachenverordnung zu entrichten gehabt hätten. Rumänien, Polna. und Könitz, das sind die katastrophalen Thatsachen des Jahres. Viel Trauriges gesellte sich noch dazu. Die Arbeitslosigkeit und Hungersnoth unter den Boryslawer Arbeitern zeigt deutlieh die Wucht des wirtschaftlichen Antisemitismus. Die Fälle von Mädchenraub, die in Galizien immer häufiger auftreten, werfen ein grelles Streiflicht auf die Gefahren, die den Juden durch das Anwachsen der religiösen Bewegung drohen, zugleich aber zeigen sie mit grausamer Deutlichkeit die Macht- und Rechtlosigkeit der ihrer Kinder beraubten jüdischen Eltern. Die Affaii e Dreyfus in Frankreich ist noch nicht begraben, und schon hat man eine Affaire Coblentz hervorgeholt. Der Jude wird immer wieder ausgespielt, um die wahren Absichten der Nationalisten zu verschleiern. Judenfeindliche Gesetze, Erlässe, politische Verfügungen antisemitischer Art, sind für dieses Jahr in^vielen Ländern zu verzeichnen. Antisemitische Ausschreitungen, Excesse gegen Juden, sind gleichfalls zu beklagen. Der Ausschluss der Juden von staatlichen und öffentlichen Aemtern wird in manchen Staaten zum System ausgestaltet. Viel gefährlicher und schadenbringender noch ist die Buycottierung der Juden in Gesellschaft, Kunst, Handel und Gewerbe, die, von Russland und Rumänien ganz abgesehen, in Deutschland, vor allem aber in Oesterreich, in erschreckendem Masse angewachsen ist. Ausser diesen Nothständen, die die directe Folge des aus den nationalen, wirtschaftlichen und religiösen Kämpfen entspringenden Antisemitismus sind, erzeugt der iustinetive Judenhass, der sich weder von Gründen noch von Zwecken leiten lässt,#andere Nothstände, die bald den einzelnen, bald viele Juden heimsuchen und oft nicht geringeren Schaden bringen als die Katastrophen, die der Chronist festhält. Die Bilanz von 1900: ist eine recht böse. Die Juden, auch in den civilisierten Ländern, sind von den grossen Bewegungen unserer Zeit rauh erfassto und mitgerissen worden. Und das ist es, was uns so wenig hoffnungsfreudig für unsere künftigen Geschicke stimmen kann. Diese Bewegungen sind gerade im Anwachsen begriffen. Und je mehr sie anwachsen, umsomehr ist für die Juden zu fürchten, die man so gerne zwischen Hammer und Amboss presst. Wir können auch nicht zuversichtlicher werden, wenn wir sehen, dass die aufwachsende Generation mit Judenhass geradezu gesättigt ist. Hält man endlich dazu, dass die Juden, die vom Antisemitismus bedroht sind, durchaus nicht über eine entsprechende wirtschaftliche und physische Widerstandskraft verfügen, ja in den meisten Fällen dem Antisemitismus wehrlos gegenüberstehen, und überdies unter der Zerstreuung und Zerfahrenheit leiden, so muss man noch pessimistischer gestimmt werden. Und man erkennt, dass wir in einer der schwersten Zeiten des Golus leben, und dass der Gedanke der nationalen Einigung und des Zionismus gerade zur rechten Zeit gekommen ist. (Schluss folgt.) Der „ Ritualmord * als Dissertationsthema vor der medicinischen Facultät in Paris. Am 6. December hatte einer unserer Gesinnungsgenossen, Doctor M a r c u s, anlässlich seiner Promotion Gelegenheit, eine , merkwürdige Doktordissertation vor der Pariser Universitäts-Commission tinter Vorsitz des Prof. Brouardel zu halten. Er wählte nämlich als Dissertationsthema den „Ritualmord", mit dem er sich in einer „niedicinisch-juridischen. Studie44 beschäftigte. „L'Echo Sioniste" begleitet diese Mittheilung mit folgenden Ausführungen: „In dem Masse, als das gericht-

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