Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 52 (29.12.1899)
- Article
- [Ohne Titel]
- Date
- 1899-12-29
- Page
- 13 (sequence 2)
- Language
- German
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M"5A „Die Welt“ Das köiiigi. urig. Cuitusministerium hat eine Verordnung'erlassen, die die Bedingungen regelt, unter denen die Autorisation der Cultusgemeinden zur Vornahme von Besohlteidungen gegeben werden darf. Am Repertoire .des Wiener ..Urania"-Theaters steht ein „Das gelohte Land“ betitelter Projections vor trag, in welchem die Palästinareise des deutschen Kaisers geschildertwird. Die Philad elphiaer jüdische Unterrichtsanstait „tiebrew Education Society" feierte dieser Tage das fünfzigjährige Jubiläum ihrer segensreichen Wirksamkeit. Die Anstalt unterhält in mehreren Stadttheilen Philadelphias Freischulen, die namentlich von den Kindern der ein gewanderten russischen Juden frequentiert werden. In St. Petersburg findet anfangs Jänner ein jüdisches Kinderfest statt, dessen Reinerträgnis zur Unterstützung der jüdischen Colonien Palästinas und Syriens verwendet werden soll. Das Brooklyner Judenviertel, welches sich in einem sehr verwahrlosten Zustande befindet, soll mit Beginn des Frühjahres gepflastert und canalisiert werden. Die Kosten belaufen sich auf eine halbe Million Dollars. Von 6234 Ehen, die im Jahre 1898 in Budapest geschlossen wurden, waren mehr als 10 Percent Mischehen. Den vielen jüdischen Wohlthätigkeits - Anstalten Bostons hat sich seit kurzem eine neue beigesült. Es wurde dortseihst nämlich ein „Heim für verlassene jüdische Kinder" gegründet. Im Landtage des Grossherzogthums M e c k 1 e n b u r g kam es vorige Woche zu einer Schächtdebatte, die von überaus grosser Bedeutung ist. Die Regierung stand dem beantragten Verbote von vorneherein ablehnend gegenüber. Im Laufe der Debatte, in der von thierschützerischer Seite auf die „Roheiten und Grausamkeiten" beim Schächten hingewiesen wurde, nahm der frühere preussische Kriegsminister Brons a r t v. Schelle n. h o f das Wort u n <1 erklärte sich voll und ganz für die Schäehtmethode ohne jede Nebenmanipulation. In allen Militär-Conservenfabriken sei die Schäehtmethode eingeführt, weil sie für die Haltbarkeit. des Fleisches von Vorth eil sei. Wenn ausnahmsweise einmal beim Niederwerfen der Thiere Ungeschicklichkeiten vorkämen, so zeigen sich solche bei allen übrigen Schlachtarten in noch höherem Masse. Der Antrag der Thierschutzvereine wurde mit grosser Majorität abgewiesen. In Cassel wurde am 17. d. M. das neue jüdische Waisenhaus eingeweiht. Dem Acte wohnten auch Vertreter der Staats- und Stadtbehörden bei ln mehreren Zeitungen Philadelphias war das Gerücht verbreitet, dass eine dortige bedeutende Herrenkleiderfabrik keine Juden mehr beschäftigen wolle. Daraufhin veröffentlichten die Blätter ein Schreiben des betreffenden Fabrikshauses, worin dasselbe erklärt, dass das Gerücht nicht nur jeder Begründung entbehrt, sondern dass vielmehr die jüdischen Arbeiter gerade zu den besten gehören. Unter dsn 5057 öffentlichen Elementarschulciassen in Elsass-Lothringen gibt es 63, die lediglich von Juden frequentiert werden. Ausserdem existieren in Elsass- Lothringen 88 jüdische Privatelementarschulen. Die offenilichen Mittelschulen dagegen weisen eine schwächere Ziffer von jüdischen Frequentanten auf. ln Baltimore fand kürzlich ein Festessen zugunsten mehrerer jüdischer Wohlthätigkeitsinstitute statt. Das Reinerträgnis betrug mehrere tausend Dollars. Zeitschriftenrundschau. „Jewish Exponent" bespricht in ausführlicher Weise die jüdischen Ackerbaucolonien in den Vereinigten Staaten von Amerika und meint, diese Colonien hätten den Beweis erbracht, dass aus den eingewanderten russischen Juden sehr gute Farmer geworden sind, die den eingeborenen Landwirten nicht nur nicht nachstehen, sondern diese sogar in mancher Hinsicht noch übertreffen. Das Erscheinen der von A. B e n - J e li u d a in Jerusalem horausgegebenen hebräischen Blätter, des Tagblattes „Hazwi“ sammt der für die jüdischen Ackerbauei' bestimmten Beilage „Haickar haiwri" und der Wochenschrift „Haschkafa“, war bekanntlich während des letzten Jahres sistiert. Unsere Gesinnungsgenossen werden daher gewiss mit Freuden die Nachricht vernehmen, dass diese Blätter seit Anfang dieses Monates wieder zu erscheinen beginnen. Die bis jetzt erschienenen Nummern weisen einen sehr reichen und interessanten Inhalt auf, und auch die typographische Ausstattung lässt nichts zu wünschen übrig. Hoffentlich finden die Blätter des Herrn B e n - J e h u d a. der sich um die Wiedererweckung der hebräischen Sprache grosse Verdienste erworben hat. nunmehr die nöthige Unterstützung. Wie sehr der Antisemitismus auch in Amerika im gesellschaftlichen Leben fühlbar ist, geht u. a. auch aus einem Artikel über amerikanische Zustände hervor, den der bekannteNew-Yorker Schriftsteller Henry F.Urban in einer der letzten Nummern der Berliner „Zukunft" veröffentlicht. Dieser gewiss völlig einwandfreie Zeuge lässt sich über den amerikanischen Antisemitismus, nachdem er vorher die socialistischen Gruppen Amerikas besprochen hat, wie folgt vernehmen: „ . . . Die Erwähnung des Socialismus führl ganz von selbst auf eine zweite sogenannte europäische Giftpflanze, der der Amerikaner gern die Fähigkeit, in Amerika zu gedeihen, ab streitet und die dennoch hier so munter wuchert, wie nur irgendwo in Europa. Das ist d er Ant i s e m i t i s m u s. Da sich der Amerikaner einfür alleiu-al zum Paladin der Freiheit und Gleichheit und zum Schutzpatron aller Unterdrückten ernannt hat, so stände es ihm schlecht an, offenkundigRassonvorurtheile zu bekennen. Agitatoren des Antisemitismus gibt es daher nicht. Aber während der Amerikaner in der Oeffentlichkeit Philosemitisnms heuchelt, antisemitisiert er ganz im Stillen umso fröhlicher. Wie der Semit keinen Zutritt zu der allerfeinsten Gesellschaft hat, so hat er ihn kraft desselben stillschweigenden Uebereinkommens auch nicht zu den aller feinsten Privatschulen, zu den allorfeinsten Clubs und zu den all er feinsten Hotels. Die Besitzerin einer solchen hochfashionablen Schule für junge Damen hat vor einiger Zeit offen eingestanden, dass sie israelitische Schülerinnen nicht aufnehme, weil die Eltern ihrer christlichen Schülerinnen es nicht wünschten. Und das hocharistokratische »Oriental-Hotel“ am Meeresstrande bei New-York ist wiederholt der Gegenstand grober Scandale gewesen, weil es im Gegensätze zu seinem Namen nur christliche Gäste beherbergt. Der Besitzer leugnete zwar, aus Rassenvorurteil zu handeln, aber Thatsaehe bleibt es doch, dass sein Hotel nur der amerikanischen Aristokratie offen steht. Es ist nicht der laute Antisemitismus Europas, sondern ein stiller-, der aber nicht minder wirksam ist und d e n alles Ab! e u g n e n n i c h t a u s d e r W eit s c h a f f e n k a n n." Feuilleton. Gewissensbisse. Von David Rothblum. Wenn man die grosse Betstube des gegenüber dem alten Schlachthause liegenden Beth-Hamidrasch in früheren