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Die Welt · 1899-12-29 · 52 (29.12.1899) · p. 10

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
52 (29.12.1899)
Article
Aus Galizien
Date
1899-12-29
Page
10 (sequence 2)
Language
German
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Seite 10 „Dl® $ WeftM Nr. 52 dieser jungen, kräftigen Leute ohne polizeiliche Assistenz, lediglich durch Verschaffung von Arbeitsgelegenheit, zu entledigen. Die Cultusräthe begannen nach einer Arbeitsquelle für jene Arbeitslosen zu suchen, und ihre Bemühungen waren denn auch von Erfolg gekrönt. Im östlichen Galizien, wo sehr viel Brennholz verbraucht wird, existieren hunderte christlicher Familen, die sich vom Holzhauen redlich und auskömmlich ernähren. Vor etwa vierzig Jahren hatte der hiesige CultusVorstand den Versuch gemacht, diese Arbeit unter den Juden einzuführen, was jedoch damals aus verschiedenen Gründen scheiterte. Die gegenwärtigen Verhältnisse haben sich für das Unternehmen günstiger erwiesen, und es ist dem derzeitigen Cultusvorstande gelungen, vielen jüdischen Proleiarierfamilien lohnenden Erwerb zu vermitteln, indem er ihnen die Ausübung des Holzhauergewerbes ermöglichte. Der Vorstand hat für diesen Zweck ein besonderes Bureau errichtet und beschlossen, den armen Holzhauern noch ein Aufgeld von einer Krone per Klafter aus dem Gemeindesäckel zu geben. G. B. Die Juden in Sibirien. Die Lage der Juden in Sibirien gestaltet sich immer trostioser. Das in Kiew erscheinende Blatt „Rossija i Asia“ (Russland und Asien) publiciert einen Artikel des bekannten russischen Publicisten Toukonogow über die Lage der Juden in Sibirien, dem Folgendes zu entnehmen ist: Die auf administrativem Wege nach Sibirien verschickten Juden werden von den Behörden in den entlegensten Dörfern angesiedelt, wo sie der Möglichkeit beraubt sind, irgendwelchen Erwerb oder Verdienst zu finden. Die wiederholten Versuche der verbannten Juden, die Zustimmung der Behörde zur Gründung von Ackerbau-Colonien zu erlangen, wurden unter Hinweis auf das geltende Gesetz aus der Zeit Alexander III.. wonach den Juden verboten ist, Grund und Boden zu erwerben, zurückgewiesen. Aber auch den in Sibirien freiwillig an gesiedelten Juden ergeht es nicht besser. Die Juden dieser Kategorie werden gezwungen, den Ort, wo sie sich ursprünglich niedergelassen hatten, nicht zu verlassen, so dass auch Sibirien eine Art Ghetto besitzt, wiewohl das russische Gesetz in Bezug auf die in Sibirien geborenen und nach Sibirien zuständigen Juden keine Beschränkung des Domicils kennt Dass diese Zwangsmassnahmen die Juden dem Elende ausliefern, braucht nicht erst gesagt zu werden. Die Kaufmannschaft von Tomsk hat, wie der „Sibirskij Wjestnik“ unlängst gemeldet, einen Schritt zugunsten der sibirischen Juden unternommen, indem sie sich an das Ministerium des Innern mit der Bitte wandte, den sibirischen Juden das Recht der Freizügigkeit in Sibirien einzuräumen, allein dieser Schritt hatte vorderhand keinen praktischen Erfolg, weil das Ministerium bis zur endgiltigen Lösung der Juden frage, mit welcher die noch von Alexander III. eingesetzte Commission betraut wurde, eine Besserung der Lage der Juden nicht vornehmen will, um die Arbeiten der Commission nicht zu beeinflussen. Professor G r e n, der Herausgeber der „Rossija i Asia“, richtet an die Petersburger Regierung einen warmen Appell, worin er sie bittet, sich ihrer jüdischen Unterthanen in Sibirien, die ein sehr nützliches Element für die Cultivierung des Landes abgeben könnten, thätig anzunehmen. Eine neue Bibliothek. Zum Andenken an den vielgefeierten Wilnaer Gaon ist in Jerusalem von dessen Enkelkindern eine Bibliothek, die dessen Namen (Bet Midrasch Elijahu) trägt, ins Leben gerufen worden. Zahlreiche Gelehrte haben das Institut mit ihren Werken bereichert. Es wäre wünschenswert, dass das Beispiel nachgeahmt wird. Der Tod des Youpin. Unter diesem Titel berichten französische Blätter über einen empörenden Fall antisemitischer Barbarei in der französischen Armee. Youpin heisst in der französischen Volkssprache der Jude. Der „Youpin“, um den es sich hier handelt, war ein junger jüdischer Infanterist namens Berna-r d, der am 4. d. M. den entsetzlichen Misshandlungen erlag, welche ihm sein Vorgesetzter, ein Graf von So langes, zugefügt hatte. Auf seinem Sterbebette erzählte der Bedauernswerte dem Obersten seines Regimentes von den Martern, die er zu erdüldfen hatte: „Seit meinem Eintritt in der Compagnie“, gab Bernard über Befragen des Obersten an, „hörte der Wachtmeister Sol an ges nicht auf; mich auf jede Weise zu quälen. Er hatte mir den Tod geschworen, nannte mich Dreyfus, Schmutzfink, Schwein, Schandmal, Judenhund, schlug auf mich bei jeder Gelegenheit los u. s. w. — Eines Tages commandierte er mich zum Turnen, ich war kaum imstande, mich aufrecht zu erhalten und sagte ihm das. Darauf prügelte er mich blutig, Jiess mich entkleiden und gab einem Corpora! den Auftrag, mit flacher Klinge auf den „miserablen Judenhund“ einzuhauen. Als ich schrie, nahm er dem Corporal den Säbel aus der Hand und schlug selbst solange los, bis ich blutüberströmt und bewusstlos war.“ — Die gesammte französische Presse, mit Ausnahme der nationalistischen Journale, ist über den Vorfall entrüstet und fordert eine strenge Untersuchung. Jüdische Officiere. Nach einem englischen BJatte gibt es in der englischen Armee 130, in der französischen Armee 300, ln der italienischen Armee 20 jüdische Officiere, während die Zahl der jüdischen Officiere Oesterreichs mit circa 2000 nicht zu hoch gegriffen sein dürfte. Von Heines Gedichten sind einzelne auch ins Hebräische übertragen worden. S. L u r i ö, M. Letter! 8, W. Kaplan, S. Mandelkern, L. L e v i n, J. L. Bruchowitz und L. Schulmann waren die Uebersetzer. Von Schu 1ma nn stammt auch eine vorzügliche hebräische Lebensbeschreibung des Dichters. Auch in dem von S o k o 1 o w herausgegebenen Jahrbuche der „Hazephira“ für 5660 sind mehrere Gedichte Heines in gelungener Uebersetzung zu finden. Eine „Errungenschaft“. Das österreichische Ministerium für Cultus und Unterricht hat sich endlich entschlossen, in eine der veraltetsten und rückständigsten Einrichtungen des öster reichischen Schulwesens eine Bresche zu schlagen. Bislang waren die jüdischen Religionslehrer an den österreichischen Mittelschulen nicht in den Status der wirklichen Gymnasiallehrer eingereiht. Kürzlich wurden nun vier jüdische Religionslehrer zu wirklichen Religionslehrern ernannt. Es hat viel Mühe und langwierige Unterhandlungen gekostet, um wenigstens diesen kleinen Erfolg zu erlangen. Ein neuer Antisemit. Der in Lemberg erscheinende radicale „Monitor“ berichtet unter diesem Titel, dass der Landtagsabgeordnete Dr. Nathan L ö w e n s t e i n während einer Theatervorstellung, bei der ihm das anwesende Publicum nicht behagte, entrüstet ausrief: „Es ist ja niemand da! Lauter Judengesichter!“ Herr Dr. Löwen st ein ist ein Sohn des Rabbiners Bernhard L öwenstein und vertritt die Brodyer Handelskammer im galizischen Landtage. Rumänisches. Die Berichte, die über die Lage unserer rumänischen Brüder zu uns dringen, klingen fast unglaublich. Die rumänische Regierung gibt sich keineswegs damit zufrieden, dass es ihr bereits gelungen ist, tausende von eingeborenen „Fremden“ an den Bettelstab zu bringen, sie schreckt selbst vor den barbarischesten Mitteln nicht zurück, um den rumänischen Juden das Leben sauer zu machen. Bekanntlich sind die staatlichen Volks- und Mittelschulen Rumäniens in der Regel „überfüllt“, wenn sich jüdische Kinder um die Aufnahme bewerben. Dagegen fanden nun die rumänischen Juden ein zwar kostspieliges, aber probates Mittel: sie gründeten jüdische Privatschulen. Aber auch das ist der rumänischen Regierung nicht recht. Ihr wäre es offenbar am liebsten, die jüdischen Kinder als Analphabeten aufwachsen zu sehen. Deshalb chicaniert sie dio jüdischen Schulen durch allerlei antisemitische Massregeln. So erliess sie z. B. kürzlich einen Ukas an die

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