Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 52 (29.12.1899)
- Article
- Londoner Brief
- Date
- 1899-12-29
- Page
- 7 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 52 Seite 7 „Die # Welt*« Bahn bricht. Zahlreiche Versammlungen in London und in der Provinz haben das Verständnis für die Bewegung in weitere Kreise getragen. Mit Hilfe des „Messenger of Zion" der Jargonzeitschrift „yDas Volk", ferner durch das Auftreten von Jargonrednern werden wir voraussichtlich auf alle Volkse!assen einen grossen Einfluss erlangen und unserer Organisation mindestens einen Verein monatlich anzugliedern in der Lage sein. Es wird Ihre Leser auch interessieren, zu erfahren, was in unseren Gemeindekreisen vorgeht. Zunächst muss ich auf die Versammlung der „Anglo Jewish Association" hinweisen. (Beiläufig bemerkt, besitzt diese Gesellschaft eine bedeutende Anzahl Shares der „Jüdischen Colonialbank".) Die Association wurde vor 27 Jahren mit einer gewissen zionistischen Tendenz gegründet, in Wirklichkeit ist sie eine Vereinigung ähnlich der Pariser „Alliance israelite universelle". Mit dem Auftauchen der Judenfrage in Russland und dem Entstehen des russischen Hilfscomites kam ein grosses Stück ihrer Arbeit in Wegfall. Die Bildung einer Gesellschaft mit ähnlicher Tendenz nahm ihr einen weiteren Theil ihres Thätigkeitsgebietes. Schon zu Lebzeiten des Sir Julian Goldsmid war der Wirkungskreis der „A. J. A." ein rein cultureller. Einige der älteren Mitglieder wurden zwar nicht müde, gegen diese Einengung des ursprünglichen Programms Einwände zu erheben, und es war ihnen sehr sympathisch, als Dr. Ga st er die Mitglieder vor zwei Jahren aufforderte, sich dem Zionismus zuzuwendm. Aber die Zeit dazu war denn doch noch nicht gekommen, und ist es auch jetzt noch nicht. Immerhin aber kann man behaupten, dass die alte Garde der Association dem Zionismus Sympathien entgegenbringe. Vielleicht trug eben dieser Umstand dazu bei, dass in einer der letzten Sitzungen der mit der „Anglo Jewish Association" verbundenen „Jüdischen Historischen Gesellschaft“ der Zionismus ganz unvermuthet aufe Tapet kam und eine überaus interessante Discussion hervorrief. Mr. Claude G. Mon tefiore. der Präsident der Association, hatte nämlich der „Historischen Gesellschaft“ einen Essay eingeschickt, der vom Freunde des Autors, Mr. Israel Abraham s, verlesen wurde. In dieser Abhandlung führt Mr. Mon tefiore aus, Staatsbürgerthum und jüdischer Nationalismus seien unvereinbare Gegensätze, und die Juden müssen sich für eines von beiden entscheiden. Er fühle, sagt er, dass der Nationalismus scheitern müsse an deuiFelsen des universellen Judenthums, dieses hinwiederum zerstört würde durch die Wiedererweckung einer jüdischen Nation, deren Existenz nicht unmöglich wäre, wie er aus der Geschichte bewies. Natürlich ist Mr. M o nt e fi o r e für ein „universelles Judenthum“, aber er stellte eine Alternative auf und verlangte von seinen Freunden und Zuhörern, über das Problem — wie er es nannte — nachzudenken und zu entscheiden. Ein Zufall wollte es, dass diese Vorlesung in der „Jüdischen Historischen Gesellschaft“ in Gegenwart beider Oberrabiner Londons, Doctor Adlers und Doctor Gasters, gehalten wurde, und dass beide aufgefordert wurden, ihre Meinung darüber zu äussern. Der Vorsitzende erklärte, erst als letzter Redner seine Ansicht aussprechen zu wollen. Dr. Adle r erinnerte an seine in den Siebzigerjahren veröffentlichten Artikel über „Die Juden als Staatsbürger“. Pie Juden seien eine religiöse Bruderschaft, keine Nation, und er sei ein Engländer mit jüdischer Ueberzeugung. — Dann erhob sich, von seinen Freunden enthusiastisch begrüsst, Dr. Gast er, und erklärte sich für das absolute Gegeiitheil. Er gab ein Capitel über „hysterischen Patriotismus“ zum Besten, das seinen Eindruck nicht verfehlte. Er meinte in launiger Weise, die Hälfte dessen, was Mr. M o n t e f i o r e sage, könne er acceptieren und unterstützen. So wurde denn die Frage des Zionismus in dieser illustren Gesellschaft ausführlich besprochen. Und das ist ein erfreuliches Zeichen der Zeit. J. de H. Der Delegiertentag von Hannover. Das nachstehende Protokoll wurde von dem Ausschüsse der zionistischen Vereinigung in Köln dem Actionseomite zur Publication in den „Mittheilungen des Actionscomites" übersendet. Nun gestattet der diesen Mittheilungen zugewiesene Raum nicht, das Protokoll in seinem ganzen Umfange zu bringen. Wir halten es aber für richtig, unseren Lesern den Wortlaut dieses Protokolls nicht vorzuenthalten. Es wäre früher erschienen, wenn es von der „Zionistischen Vereinigung für Deutschland" früher ein geschickt worden wäre. Protokoll des Delegiertentages der Zionistischen V e reinigung für Deutschland zu Köln. Hannover, den 22. November 1899. Anwesend sind Delegierte aus Altona, Berlin, Bonn. Köln, Dresden, Freiburg i. Br., Hannover, Heidelberg, Kattowitz, Hamburg und Leipzig. Die in Berlin und Frankfurt a. M. gewählten Herren sind am Erscheinen verhindert. Dr. Bodenheimer begrüsst den Delegierten tag und spricht den Wunsch aus, dass, entsprechend dem dritten Baseler Congresse, dieser Delegiertentag dem inneren Ausbau unserer Organisation, den Fragen der Propaganda u. s. w. in erster Linie sich widmen möge, nachdem die vorangegangenen Tagungen die programmatische Seite hinlänglich berücksichtigt haben. Stiftsrabbiner Meyer- Hannover heisst die Delegierten im Namen der Ortsgruppe Hannover herzlich willkommen. Dem Actionscomite und seinem Vorsitzenden Herrn Dr. Herzl in Wien wird ein Begrüssungstelegramm übersandt. Herr van Cleef-Köln erstattet in Vertretung des Schatzmeisters Gust. Wolff-Köln den Lassend erlebt. Herr Wolffsohn- Köln ertheilt auf einige Anfragen, die sich auf besonders grosse Ausgabeposten (z. B. Kalender etc.) beziehen, allseitig befriedigende Auskunft. „Es sind in den ersten Jahren für gewisses Agitationsmaterial vielleicht grössere Summen verwandt worden, als später die hiermit erzielten Erfolge gerechtfertigt haben; wir waren eben Anfänger und haben aus etwaigen Fehlern gelernt.“ Auch die unfertige Organisation habe manche Mehraufwendungen veranlasst. Redner bittet, dass die Ortsgruppen stärker als bisher die Centrale unterstützen und von ihren Mitgliedern satzungsgemäss verlangen mögen, dass sie auch Mitglieder der „Zionistischen Vereinigung für Deutschland" würden, die den Minimalbeitrag bekanntlich auf 1 M. p. a. herabgesetzt habe. Die Lassen Verhältnisse seien zur Zeit günstig, aber hauptsächlich, weil einige grössere freiwillige Beiträge (Spenden) eingegangen seien, bei strafferer Centralisation würde dergleichen unnöthig werden. Herr Dr. K i e e-Bonn berichtet über die TJiätigkeit des Bureaus. Seit dem letzten Delegiertentage sind neu begründet die Gruppen Freiburg i. Br., Freiberg in Sachsen, Mittweida, Bonn. Anregungen sind gegeben worden, bezw. Comites geschaffen in Göttin gen und Loblenz. In Karlsruhe ist auf einer süddeutschen Conferenz ein Propaganda-Comite für Baden und Rheinpfälz mit dem Sitze in Freiburg i. Br. gewählt worden, das dank der äusserst treuen Arbeit der Freiburger Herren schon einige Erfolge aufzuweisen hat und nach einer geplanten grösseren Agitation hoffentlich weitere Fortschritte erzielen wird. Anregungen sind ferner gegeben worden nach Cottbus, Lüneburg, Münster in Westfalen und nach verschiedenen Städten der Provinz Posen. Die Gründung der Bezirksorganisationen wurde den Gruppen in der Provinz Schlesien und im Königreich Sachsen empfohlen. Wie verlautet, sollen noch in diesem Winter Schlitte zur Durchführung dieser Organisationen vorgenommen werden. Eine Rednerliste, deren Zusammenstellung schwieriger wurde, als ursprüglich angenommen war, wurde den Vertrauensmännern zugesandt ferner wurden zwei neue Flugblätter, das sog. Hamburger (auf gelbem Papier) und das Freiburger, von der Centrale für die Agitation übernommen. In vielen hunderten von Exemplaren wurden nach den verschiedenen Richtungen Flugblätter und Kalender, Broschüren und Congressreden versandt. Den Vertrauensmännern gieng ferner eine Organisations- und Agitationsanweisung zu, weiter eine Aufforderung, die Propagierung der „Welt", namentlich das Auflegen derselben in Restaurants und Cafes bez. auf den Bahnhöfen betreffend. Vorträge wurden vermittelt in Köln, Coblenz, Dresden, Antwerpen und Hannover. Intensive Thätigkeit nach dieser Richtung wird der Winter, an dessen Anfang wir ja erst stehen, bringen. Herr W olffsohn bespricht die Agitation. Er will den Nachdruck mehr auf die Schekel Sammlung gerichtet wissen. Herr Dr. Friede mannbittet, dass die Vertrauensmänner möglichst selten wechseln mögen. Herr Cohen- Hamburg schlägt vor, das Institut der Discussionsabende eifriger zu pflegen. Herr L e v j. nso h n - Hamburg bittet, der Woiffsohuschen Anregung nicht zu folgen. Nur von wirklich überzeugten Zionisten solle man den Schekel, der das active und passive Wahlrecht gibt, nehmen, andere mögen als Spender Beiträge zahlen. Redner empfiehlt die Schaffung von Lese-