Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 52 (29.12.1899)
- Article
- Petersburger Brief
- Date
- 1899-12-29
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Nr. 52 „Die $ Welt?* bereits lebenden Juden gesperrt. Um aber die Massenausweisungen der Juden aus diesen Städten, welche infolge der Einverleibung bevorstanden, einigermassen zu verringern, wurde unter dem Vorsitze des Geheimratlies Kossagowskij eine Commission eingesetzt, welche den Auftrag erhielt, die sogenannten Wohnrechte der Juden in den bezeichneten Städten zu prüfen. Diese Commission sprach sich dafür aus, dass die Ausweisung nur über solche Juden verhängt werden soll, welche in den vier Städten weder Immobilien besitzen, noch dorthin zuständig sind. Aber in ihrem Bestreben, die Zahl der Juden, welche infolge der Einverleibung ausgewiesen werden sollten, zu verringern, begierig die Commission des Geheimrathes Kossagowskij einen folgenschweren Irrthum : sie nahm die Zahl der in den einverleibten vier Städten lebenden Juden mit 8563 an, so dass nach Abzug von 4000 Juden, deren Wohnrechte von der Commission anerkannt wurden, der Ausweisung nur 4563 Juden unterzogen werden sollten; in Wirklichkeit betrug schon damals die Zahl der in den vier Städten lebenden Juden mehr als zwanzigtausend, und zwar in Rostow 10.365, in Taganrog 2900, in Nachitschewanj und Asow 7600, so dass die Zahl der Juden, welche ausgewiesen werden sollten, nicht 4000, sondern mehr als 16.000 betrug. Der damalige Hetman der Donkosaken und Chef des Dongebietes, Fürst Swjatopolk-Mirskij, war bestrebt, die Annullierung der von der Commission gefassten Beschlüsse zu erwirken. Er richtete deshalb an die Petersburger Regierung eine Eingabe, in welcher er, gestützt auf statistische Daten, die Nützlichkeit der Juden für den Handel und für die Industrie des Gebietes hervorhob und für die Ausdehnung des Wohnrechtes auf alle in den einverleibten vier Städten lebenden Juden warm eintrat. Fürst Swjatopolk-Mirskij verlangte auch, dass man die Lösung der von der Commission Kossagowskij aufgerollten localen Judenfrage ihm anvertrauen solle, da er, wie er ganz richtig bemerkte, in Sachen, welche das ihm unterstehende Gebiet berühren, viel competenter sei als die Commissions-Mitglieder, welche die wahren Interessen der Bevölkerung des Gebietes weder kennen, noch zu kennen imstande sind. Der Anschauung des Fürsten Swjatopolk-Mirskij schloss sich sogar der damalige Minister des Innern Durno wo an, welcher in der Ausweisung der Juden aus den vier einverleibten Städten eine Schädigung des Handels, der Industrie und sogar der* Landwirtschaft des Gebietes erblickte. Durnowo schlug deshalb vor, das Wohnrecht allen dort lebenden Juden einzuräumen, dagegen aber die Neuansiedelung von Juden zu verbieten. Man sollte glauben, dass die Ansichten Durnowos und Swjatopolk-Mirskijs das über 16.000 Juden schwebende Damoklesschwert abgewendet hätten, allein dem war nicht so. Im Ministerium des Inneren selbst war damals eine mächtige Partei vorhanden, welche für die rücksichtslose Anwendung des Paragraphen 17 der Passvorschriften, wonach den Juden der Aufenthalt im Dongebiete nicht gestattet ist, eifrig eintrat. Und so trat der seltene Fall ein, dass der Minister des Innern eine Massregel in Anwendung brachte, die er selbst als „schädigend“ bezeichnet hatte. Am 1. Jänner 1888, am Tage der Publication des Gesetzes über die Einverleibung der Städte Rostow, Taganrog, Nachitschewanj und Asow in das Dongebiet, wurde die Ausweisung der Juden aus diesen Städten angeordnet. Hier ereignete sich jedoch etwas, was die Judenfeinde in grosse Verlegenheit brachte und die Sistierung der Judenausweisungen herbeiführte: Der. Bürgermeister von Taganrog, Geheimrath Alferaki, richtete im Namen der Stadt und der Bezirksgemeinden an den Kriegsminister die dringendste Bitte, die Judenausweisungen einzu stellen, da sie den Ruin der Landwirtschaft Und des Handels im Gebiete nach sich ziehen würden. Alferaki wies an der Hand von statistischen Daten nach, welchen Nutzen die Juden der Entwicklung des Handels und der Industrie im Gebiete gebracht hatten und welche schweren Folgen die Ausweisung derselben auf ökonomischem Gebiete nach sich ziehen würde. Das muthigeWort dieses beherzten Mannes hatte Erfolg: Die Ausweisungsordre wurde zwar nicht zurückgezogen, aber bis auf weiteres sistiert. Mehr als zehn Jahre sind seit dieser Zeit verstrichen, und erst jetzt ist die endgiltige Entscheidung über das unbehinderte Wohnrecht der Juden in den nun dem Dongebiete angehörenden Städten dem Petersburger Senate übergeben worden. Die Aufrollung dieser Frage im gegenwärtigen Augenblick ist auf den Plan der Regierung zurückzuführen, aus den Städten Rostow und Taganrog selbstständige Stadthauptmannschaften zu bilden. Die Verwaltung des Dongebietes hat diesen Plan schon jetzt dazu benützt, die Gesuche der im Gebiete lebenden Juden um die Einräumung des Freizügigkeitsrechtes zu verwerfen, weil sie angeblich das Wohnrecht im Dongebiete überhaupt nicht besitzen. Nunmehr soll der Petersburger Senat darüber entscheiden, ob die von der Verwaltung des Dongebietes vorgenommene Interpretation des Gesetzes über das Aufenthaltsrecht der Juden im Gebiete auch dem Wortlaute des Gesetzes entspricht. Bei der Unparteilichkeit, mit welcher der Senat in letzter Zeit verschiedene Fragen behandelte, welche die Juden berühren, dürfte auch die bevorstehende Entscheidung in der Frage des Wohnrechtes der Juden im Dongebiete im Sinne der Gerechtigkeit und Billigkeit lauten. Die anständigen Blätter Russlands treten schon jetzt zugunsten der Juden warm ein; die „Petersburgskija Wjedomosti“, welche die Zurückweisung der Gesuche der Juden als ungesetzlich bezeichnen, appellieren an den Senat, den Juden ihr Recht zu geben, denn, sagt das conservative russische Blatt, „Russland wolle die Thränen der Armen nicht.“ Vielleicht bringt schon das russische Neujahr unseren Glaubensbrüdern im Dongebiete die von ihnen ersehnte freudige Botschaft. Eine Agitattonsnummer der „Weit“. Auf Anregung des Delegiertentages zu Hannover der deutschen Zionisten gehen wir eine reichhaltige Agitationsnummer heraus. Dieselbe wird eine Anzahl der besten Artikel, die von den Führern der zionistischen Bewegung und von den hervorragendsten Mitarbeitern der „Welt" verfasst wurden, enthalten. Einzelne Exemplare dieser Agitationsnummer kosten 15 Kreuzer, Vereine und Ortsgruppen erhalten bei Abnahme von mindestens zwanzig Exemplaren 33*/37o Rabatt. Somit kosten 20 Exemplare zwei Gulden, wozu noch das Porto hinzukommt. Die Administration der „Welt". Londoner Brief. In meinen früheren Belichten über den Stand des Zionismus in England wies ich darauf hin, dass die Bewegung hierzulande sehr gute Aussichten für eine nahe Zukunft habe. Ich kann dies auch heute mit gutem Grunde behaupten, indem gerade in der letzteren Zeit verschiedene Anzeichen zutage getreten sind, die darauf schliessen lassen, dass zwischen den Zionisten und den Juden, die es erst werden sollen, sich noch mancherlei Berührungspunkte ergeben dürften. Es ist zweifellos, dass die „English Zionist Federation" durch ihfe Thätigkeit viel dazu beigetragen hat, dass der zionistische Gedanke sich allmählich überallhin