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Die Welt · 1899-12-29 · 52 (29.12.1899) · p. 5

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
52 (29.12.1899)
Article
Die Juden in Ostschlesien
Date
1899-12-29
Page
5 (sequence 2)
Language
German
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Kr. 52 „Die A Welt“ Seite 5 Zeichen der jüdischen Nation aufhören sollen. Die mannigff physiologische Existenzminimum angewiesen, dazu in seiner fachen Judenordnungen wurden dadurch zwar bedeutend gemildert, aber nur zu bald zeigte es sich, dass die weitere Entwicklung den Josefinischen Bestrebungen nicht nachzukommen vermochte; was durch Jahrhunderte zu Recht und Gesetz bestand, konnte mit einem Federstriche nicht aus der Welt geschafft werden. Noch stand das Ghetto, durch Jahrzehnte unerschüttert, bis es der Freiheitssturm, der ganz Europa durchbrauste, mit anderen veralteten Einrichtungen .hinwegfegte. Als die allgemeinen Rechte der Staatsbürger schliesslich doch zu Papier gebracht worden waren, fand die neue Situation eine ihr nicht gewachsene Judenschaft. Ohne gemeinsamen einigenden Mittelpunkt, ohne berufene Vertreter und rechtzeitige Warner, fanden jene Bestrebungen, welche schon seit langer Zeit eine Gefahr bildeten, die Juden ihrer eigenen Volksgemeinschaft zu entfremden, freie Bahn. In unserem polyglotten Staate, in dem das impulsive slavische Element keine Gelegenheit zum Vorstoss gegen deutsche Passivität vorübergehen liess, waren die Juden eine, wenn auch nicht gern gesehene, so doch nothwendige Hilfstruppe der Deutschen. Und gar in Schlesien, wo von Westen die Söhne Libussas, von Osten die Enkel der Piasten sich den Rang streitig zu machen suchten, fand die eonsequcnte Germanisierungspolitik der Habsburger recht drastischen Ausdruck. In den älteren Verordnungen schon sind einzelne Vorschriften über den den jüdischen Kindern zu erth eilen den Unterricht enthalten, indem die Rabbiner die Weisung erhielten, jüdische Lehrer zu halten, und die kleineren Judengemeinden verpflichtet wurden, einen Schulmeister zur Unterweisung der Kinder in den Elementar fächern, besonders in dem Gesetze Mosis, zu halten. Es hat den Anschein, als ob diese Polizeiverordnung doch mehr den religiösen als den weltlichen Unterricht berühren würde, und dies wäre auch gar nicht wunderlich, da der letztere auch hei der christlichen Bevölkerung kaum über die ersten Anfänge herausgediehen war. Unter Kaiser Josef TI. wurden die Juden zum Besuche der deutschen Schulen verhalten, sollten sie jüdischdeutsche Lehrstätten errichten. In anderer Beziehung wurde normiert, dass die Judengerichte nur mit solchen Personen besetzt werden sollten, welche deutsch reden und auch ein wenig schreiben können, weil bei den Judengerichten in deutscher Sprache manipuliert werden sollte und nur deutsche Schriften in amtlichen Handlungen gebraucht werden sollten, Die Betonung des deutschen Elementes gieng sogar soweit, dass in den Sudetenländern kein Jude rechtmässig getraut werden sollte, der nicht in einer öffentlichen Schule oder zuhause Unterricht in der deutschen Sprache genossen hatte. So wenig zwar ein Volk durch derlei Massregeln seiner Eigenart abschütteln kann, so selbstverständlich muss es erscheinen, dass die deutsche Cultur an den Juden , nicht hatte spurlos vorübergehen können. Zudem war der ostschlesische Boden kein besonders fruchtbares Feld für den nationalen und confessionellen Gegensatz, der allenthalben auf den Gleichberechtigungstaumel gefolgt war. Die ferne Provinz folgte nur langsam und schwerfällig der antijüdischen Bewegung, die von der Metropole des Reiches aus ihre Strahlen nach allen Richtungen aus warf, denn die Wogen der Intoleranz waren flach geworden, bis sie das entlegene ostschlesische Gestade erreicht hatten. Mit einem Worte, der Jude hatte Zeit, ein „Deutscher" zu werden, ein „Deutscher^ mit allen jenen eigenartigen Tugenden, die jeder solchen Assimüationspflanze eigen sind. Sein scharfes Auge liess ihn bald den Unterschied herausspüren, der zwischen ihm und seinem weniger glücklichen Stammesgenossen aus Galizien bestand. In einer unvergleichlich schlechteren ökonomischen Lage, oft auf das Menschenwürde durch den rückschrittlichen Adel und die . intolerante Kirche verletzt, suchte er auf schlesischem Boden, -Ruhe und nothwendiges Auskommen. In. grosser Masse sind die polnischen Juden in den letzten Jahren besonders in die Städte eingewandert, ihre orthodoxen Einrichtungen überallhin mit sich bringend, die sich hier unter dem Hauche der neuen Zeit allmählich abgeschliffen haben. Mit einer Zähigkeit sondergleichen setzten sie sich fest, von Haus zu Haus, von Gässchen zu Gasse, die Vorstadt dürfte bald zu einer Art Judenstadt werden. Ihr kümmerliches Brot gewährt ihnen das Hausiergewerbe, das ehedem den Mann genährt haben mag, —- heute bei der grossen Concurrenz muss einer dem anderen den Bissen vor dem Munde wegschnappen, und oft mag er in seinem Erwerbe gezwungen seih, schärf auf der Schneide des Zulässigen zu balancieren. Das also war der Störenfried mit dem herausfordernden Langrock, mit den provocierenden Stirnlocken und dem aufdringlichen Sammtkäppchen, den jeder ehrliche deutsche Jude ins Pfefferland verwünschte, und der höchstens, wenn es galt, einen deutschliberalen Reichsrathseandidaten zu retten, gewürdigt wurde, mit dem Inneren einer jüdischen Agitationskalesche Bekanntschaft zu machen. In dem Durchbringen deutschliberaler Reichsrathscandidaten besteht so ziemlich die ganze politische Thätigkeil der liberalen schlesischen Judenschaft. Stark genug, um das Zünglein an der Wage des Wahlkampfes zu bilden, lassen sie sich diese kostbare Waffe um ein paar hohle und unwahre Phrasen von der deutschen Gemeinbürgschaft ohne Unterschied der Confession aus der Hand ringen, Ehedem konnte man mit Stillschweigen darüber hinweggehen, solange noch niemand die Juden aus ihrem Traume, der sie nach Walhall versetzte, erweckt hatte, doch heute, wo sie aus aller Munde hören, dass an ihrer Wiege nicht das deutsche Lied gesungen worden, ist es zumindest beschämend, sogar verächtlich. Ob es so immer, oder noch lange bleiben wird? Mit nichten. Eine neue, ewig alte Idee zieht durch alle Gaue, soweit Juden wohnen. Ein Lichtstrahl ist ausgegangen, entzündet nicht durch das Talent einzelner Erdensöhne, die wie Propheten eine neue Lehre hinstellen, nein, erzeugt durch die Anschauungen eines ganzen Volkes, das sich auf sich selbst besonnen, durch die reinsten Bedürfnisse des Lebens. Diese Idee ist diesmal ein nationales Moment, welches die Juden erfasst und sie in ihre eigenen Seelen zu blicken zwingt und sie dort finden lässt, was sie durch Jahrhunderte gesucht und nicht gefunden, sich selbst. Die nationale Idee hat auch auf schlesischem Boden Wurzeln geschlagen, sie keimt und blüht: — Zarte Keime, geschlossene Blüten, die der Zukunft harren. Petersburger Brief. Eine Frage, welche die vitalen Interessen von sechzehntausend Juden in Russsland berührt, dürfte demnächst ihrer endlichen Lösung zugeführt werden, wobei alle Anzeichen dafür sprechen, dass diese Lösung zugunsten der Juden ansfallen wird. Die in den Städten Rostow am Don, Taganrog, Naehitschewanj und Asow lebenden Juden waren in ihrer Existenz arg bedroht. Diese vier Städte, welche früher einen Theil des Gouvernements Jekaterinoslaw bildeten, wurden auf Befehl Alexanders III. dem Gebiete der Don' sehen Kosaken ein verleibt. Während also früher die vier Städte dem sogenannten Niederlassungsrayon gehörten, wo die Juden sich frei ansiedeln durften, wurden sie durch die Einverleibung d#m jüdischen Niederlassungsgebiete entzogen und somit auch für den Aufenthalt der dort

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