Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 52 (29.12.1899)
- Article
- [Ohne Titel] / Rosenberger, Erwin
- Date
- 1899-12-29
- Page
- 4 (sequence 2)
- Language
- German
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' Seite I „Die & Weit*4 " Nr: öS ■ ' Zehn Gebote sind es, nach denen sieh die Juden 'hauptsäcMich zu richten haben? — Es gibt aber ausserdem ein Gebot, das den Lebenswandel, die Ethik der Juden unendlich starker beeinflusst, als jene zehn Gebote. Dieser folgenreichste kategorische Imperativ, der den Jude allüberall entgegentönt, lautet: „Hinaus!u * * Wenn man die Geschichte der Juden in noch so erschöpfender und ausführlicher Weise erzählt, so hat man sie dennoch bloss — auszugsweise erzählt. * ~ * „ Ihr seid die Parasiten der Länder, die Maden des Erdballs,0 sagteeinst ein Nichtjude einem englischen Juden. „Wir sind nicht Maden,“ sagte kopfschüttelnd der Jude, — „wir sind No-maden des Erdballs,“ wiederholte er sinnend. Reisen bildet, Reisen macht intelligent. Wenn irgend ein Vater einen etwas dummen Sohn hat, so schickt er ihn, wenn es ihm seine Mittel erlauben, auf Reisen. Die Verkehrsmittel gelten als Erziehungsmittel, das Sopha in einem Coupe erster Classe ist eigentlich nur eine bewegliche und weichere Schulbank. — Fanatische Anhänger der Anpassungs- und Vererbungstheorie werden viel eicht die ofterwähnte „Intelligenz“ des jüdischen Volkes auf dessen jahrhundertelanges Wanderleben zurückführen. * Eine Eigenschaft zum mindesten haben die Juden mit der „Intelligenz“, speciell mit der Professorenkaste, thatsächlich gemein. Sie sind — man betrachte die Landkarte! — „zerstreut.“ * Da wir nun schon einmal bei Darwin halten, so sei des folgenden merkwürdigen Umstandes Erwähnung gethan: Der Professor der Anatomie pflegt dem jungen Mediciner zu erzählen, dass Leute, welche eine stehende Lebensweise führen — etwa hinter dem Ladenpulte, oder hinter dem Schanktische — mit der Zeit Plattfüsse bekommen. Das Gewicht des Körpers drückt auf das Knochengerüst des Kusses, die Sohlenwölbung senkt sich, die Sohle plattet sich ab. — Wieso kommt es nun, müssen wir uns ernstlich fragen, dass die Juden, die ewigen Wanderer, die doch lange Generationen hindurch einer keineswegs stehenden Lebensweise gehuldigt haben, mit derartig hervorragenden „Plattfüssen“, wie sie im Volskmnnde leben, ausgestattet sind? — Liegt hier ein wunderbar paradoxes Naturspiel vor? * * * Hm, die Frage ist schwer zu entscheiden. Vielleicht auf dem Wege der vergleichenden Anatomie. Man müsste auch anderseits den Volksmund, beziehungsweise die Menschen, denen er angehört, auf den Knochenbau hin untersuchen. Inwieweit verändern die Lebensbedingungen den Körper? Ist bei den Besitzern des Volksmundes, die doch zu sesshaften Völkern gehören — und man sitzt doch durchaus nicht auf den Füssen — ist bei diesen Besitzern des Volksmundes-na, lassen wir das — die Frage würde uns zu weit führen . . Erwin Rosenberger. Oie Juden in Ostschlesien. - Von Or. Karl Kohn (Teschen). :: Wie die Anfänge geschichtlicher Ereignisse sehr häufig in tiefes Dunkel gehüllt sind, so besitzen wir auch keine historisch beglaubigten Daten über die Einwanderung der Juden nach dem österreichischen Theile Schlesiens. Unter mehreren Vermuthungen dürfte die zutreffendste Wohl jene sein, nach welcher die Juden, in östlicher Bewegung begriffen, in diese Provinz aus Deutschland herüberkamen, Schritt für Schritt den Boden erkämpfend, der ihren späten Enkelkindern die spärlichen Früchte mühevollen Ringens, unentwegter Arbeit zeitigen sollte. Ein Bild ihrer damaligen Lage zu geben, wäre völlig überflüssig; es ist in denselben dunklen Schattierungen gehalten, wie überall anderwärts, wohin das Schicksal Judas zerstreute Reste geführt hatte. Man braucht sich ja nur vor Augen zu halten, dass die unzertrennlichste Begleiterin auf allen ihren Irrfahrten, die sich niemals abschütteln lassen wollte, die unversöhnliche Abneigung der christlichen Bevölkerung gewesen, die auch heute noch, in etwas modernisierterern Gewände, die Erinnerung an mittelalterliche Zustände wachruft. Von solch famoser Humanität und edlem Billigkeitsgefühle zeugt ein Beschluss der böhmischen Landtagsversammlung vom Jahre 1501 : Die Juden seyen zu ewigen Zeiten bei den Ländern der Cron Böheimb geduldet und wenn der eine oder der andere aus den Juden wider die Landesgesetze sich vergehen sollte, nur allein der Thäter bestraft, desselben Verbrechens aber keineswegs von der sämmtlichen Judenschaft vergolten werden soll.- Wohl ist es richtig, dass mit der Zeit Ausdauer. Fleiss und Intelligenz die Lage der ostschlesischen Judenschaft wesentlich* besser gestalteten. Die 119 Familianten Schlesiens, von denen 88 auf den Teschener Kreis fielen, waren nicht in enge Ghettomauern gezwängt, sie sassen nicht in einer geschlossenen Gemeinde beisammen, sondern wohnten im ganzen Kreise zerstreut. Im grossen und ganzen war ihnen kein bestimmter Aufenthaltsort zugewiesen, sie konnten ihn wechseln und sich dorthin begeben, wohin sie Handel, Gewerbe oder sonstige Lebensinteressen hinzogen. Es bedurfte einer Jahrhunderte währenden Entwicklung, bis sich der menschliche Geist herausgearbeitet hatte ans den Fesseln, in welche ihn mittelalterliche Gebundenheit geschlagen. Der Ruf, der einmal nach Freiheit und Selbstbestimmung in jeglichem Belange erhoben wurde, konnte nicht mehr zum Schweigen gebracht werden, und was Wunder, wenn der Fortschritt seinen kühnen Flug auch über die starren Mauern des Ghettos nahm, mögen diese nun aus Stein und Mörtel festgefügt oder unsichtbar, doch nicht minder hoch errichtet worden sein. Die Ideen, die in der Luft lagen, jedem merklich, von keinem ganz erfasst, verstand erst ein edler Sprosse der habsburgischen Dynastie in feste Form zu giessen und damit den ersten Stein zu einem neuzeitlichen Staatsgebilde zu setzen, in welchem nicht allein Abstammung oder Glaubensbekenntnis den Ausschlag geben sollte. Die Tendenz Josefs II. war darauf gerichtet, „dass alle Unfcerthanen. ohne Unterschied der Nation und Religion, an dem öffentlichen Wohlstände, dessen Beförderung sie sich angelegen sein Hessen, gemeinschaftlichen Antheil nehmen, eine gesetzmässige Freiheit gemessen und auf jedem ehrbaren Wege zur Erwerbung ihres Unterhaltes und Vergrösserung der allgemeinen Emsigkeit kein Hindernis finden sollten.“ In diesem Geiste verordn et e das Toleranzpatent, welches die Juden in ihren Erwerbsverhältnissen und in dem Genüsse der bürgerlichen Rechte den anderen fremden Religionsgenossen näherrückte, noch besonders für das Kronland Schlesien, dass angesehene Juden von öffentlichen Belustigungsorten nicht ausgeschlossen seien und alle ver-> ächtliche und demüthigende Behandlung undUnterecheidungs-