Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 52 (29.12.1899)
- Article
- Symptome
- Date
- 1899-12-29
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 52' „Die Welt“ Seite 3 armer jüdischer Kutscher keinen echten Arier fahren darf«, das ist: schon eine alte Sache. Neu. ist die Theorie des.'antisemitischen Kutschers, dass ein echter Arier auch keinen Juden führen soll. Der Wiener Einspänner hat vor dem Strafrichter mit seiner Theorie kein Glück gehabt; symptomatisch bleibt sein Vorgehen darum doch. Vielleicht wird der Bezirksausschuss von Fünfhaus in seiner nächsten Sitzung den Beschluss fassen, dass man nicht wie bisher den Kutschern, sondern den Passagieren Fahrlegitimationen ertheilen solle, welche mit einer eigenen Rubrik für das Religionsbekenntnis versehen sein soll. Von dem Bezirksausschuss Fünfhaus würde eine solche ingeniöse That niemanden überraschen, der dieser Tage die aus drei Zeilen bestehende Nachrieht gelesen, dass die auserlesenen Mitglieder dieser Körperschaft kürzlich den Beschluss fassten, es sei dahin zu wirken, dass die Heimatsscheine mit der Religionsbekenntnisrubrik ausgestattet sein sollen. Das ist wieder ein so kleiner, aber unsäglich bezeichnender Zug. Der Bezirksausschuss Fünfhaus wird von der harten Sorge bedrückt, es seien noch immer nicht genügende Massnahmen getroffen, um den Staatsbürger jüdischer Confession kenntlich zu machen, was doch nöthig sei, wenn man ihm seine vom Gesetze gewährleisteten Rechte mit Erfolg schmälern will Der Bezirksausschuss Fünfhaus hat sich übrigens nur an classischen Beispielen gebildet, denn trotz aller Interpellationen und Beschwerden werden bald hier, bald dort, selbst in den Amtsblättern, von den Petenten um eine Stelle, die nach dem Staatsgrundgesetze jedem ohne Unterschied der Confession offen steht, der Vorweis des Taufscheines gefordert. Der Bezirksausschuss Fünfhaus will eine Ordnung in die Sache bringen. Was hilft da Heimatschein, wenn man nicht gleich unzweideutig daraus die Confession seines Besitzers erkennt. Wie leicht kann einem eine unheilvolle Verwechslung passieren. Hat da z. B. ein armer Teufel von einem Juden einen nicht specifisch jüdisch klingenden Namen, und es stellt sich, nachdem man ihm eine Unterstützung gewährt hat, heraus, dass er doch ein Jude ist! Man sieht, die Consequenzen können fürchterliche sein. Da gibt es nur eine Hilfe: die Rubrik mit dem Religionsbekenntnisse. Da ist dem schöpferischen antisemitischen Geiste noch immer ein prächtiger weiter Spielraum eingeräumt. Es gibt ja noch eine ganze Reihe von Docutnenten, bei denen bisher die Rubrik für das Glaubensbekenntnis schmerzlich vermisst wurde. Da ist zum Beispiel das Impfzeugnis —* doch wozu sollen wir die eingeimpften Antisemiten auf einem Wege, den sie auch im Finstern finden, mit unseren Rathschlägen begleiten? Nur noch einige Worte zum Schlüsse von einem dritten verrätherischen Zuge der Zeit. Der katholische Zipser Bischof Szmrecsäny hat in einem Hirtenbriefe an die Geistlichen seiner Diöcese eine unzweideutige, scharfe Verurtheilung des Ritualmord-Märchens ausgesprochen. Der Bischof machte in seinem Hirtenbriefe auch auf die Gefahren aufmerksam, welche die Agitation mit dieser fluchwürdigen Lüge so wohl für die Juden, als auch das bethörte christliche Volk zur Folge haben könne. Man sollte denken, dass, wenn auch schon nicht die christlich-sociale, so doch die dermale Presse in Oesterreich nicht mit gleichgiltigem Schweigen an einer so bedeutsamen Erklärung vorübergehen werde, die ein katholischer Kirchenfürst über eine Frage von höchstem actuellen Interesse veröffentlicht. Aber die dermale Presse versteht ihre Aufgabe ganz anders. Sie registriert mit Behagen die albernsten, verlogensten Gerüchte, die geeignet sind, den Glauben an den Ritualmord zu erwecken oder zu stärken, mögen sie von welcher Seite immer ausgestreut werden. Die dermale Presse in Oesterreich — mit vereinzelten Ausnahmen — hüllt sich aber in eisiges Schweigen, wenn ein katholischer Bischof, also eine sicherlich in hohem Masse berufene Persönlichkeit, Stellung gegen die Blutbeschuldigung nimmt. Auch dieses Schweigen erscheint symptomatisch. Die Shares der Colonialbank. Wien, 27. Deeember. Die Shares der Jüdischen Colonialbank liegen endlich fertig vor und werden von Mitte Jänner ab ausgegeben werden. Wir bringen in unserer nächsten Nummer eine Abbildung des Shares. Die Herstellung war eine ungemein mühevolle, weil ein besonderes Papier und besonderer Tondruck nöthig waren, die Unterbringung des vielsprachigen Textes war geradezu ein typographisches Problem. Jetzt liegt endlich eine sehr schmucke Arbeit vor, die allen Genossen Wohlgefallen dürfte. Am 11. Jänner versammeln sich die Directoren der Jüdischen Colonialbank in London, und bei dieser Gelegenheit werden sie die Actien unterschreiben. Auch die Signierung wird immerhin noch einige Wochen bis zur gänzlichen Vollendung brauchen. Mehr als fünftausend Unterschriften kann einer im Tage nicht machen. Auch das ist schon eine äusserst anstrengende Leistung. Natürlich wird mit der Versendung nicht gewartet werden, bis sämmtliche Shares unterzeichnet sind, sondern es werden die täglich fertiggestellten Shares täglich abgeschickt werden. Selbstverständlich erhalten nur diejenigen die Originalshares, welche die Vollzahlung schon geleistet haben. Wer nur einzelne Raten gezahlt hat, dem dient bis zur Vollzahlung sein Allotmentbrief als Bescheinigung. Die Woche. Wien, 27. Deeember. Aus Rumänien wird wieder eine reichliche Judenauswanderung gemeldet. Die Juden sagen dem Hungertuch, an dem sie hinlänglich eifrig genagt haben, Valet und ziehen hinaus in die weite Welt. Nach Amerika, ins Londoner Ghetto, in die Türkei — irgendwohin. Nun ja, die Juden sind eben immer noch das „auserwählte Volk", Gott scheint ihnen besonders günstig gesinnt zu sein. Heisst es nicht im Liede: „Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt." . . .? * * Wir wissen, dass diesen jüdischen Auswanderern regelmässig ein beklagenswertes Versehen passiert. Sie packen mit ihren ärmlichen Habseligkeiten in das Reisebündelchen ein Stück Gewebe ein, dem sie just entrinnen wollten — das fatale Hungertuch. Und die Unglückskinder merken oft gar nicht, dass sie den verfluchten Lappen mit sich schleppen. Sie sitzen ahnungslos im Zwischendeck des Auswandererschiffes auf ihrem Bündelchen und träumen von einer holderen Zukunft. Erst wenn sie irgendwo an fernen Küsten landen und das Bündel aufschnüren, merken sie mit starrem Entsetzen, dass sie nur ihr angestammtes Hungertuch von einem Erdtheil in den anderen getragen haben. — Darum die lange Reise übers Meer?! Lustig flattert dann der missfarbene Lappen auf dem hohen Giebel der Zinskaserne im New-Yorker Judenviertel. Das Hungertuch ist das Nationalbanner dieser Juden.