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Die Welt · 1899-12-22 · 51 (22.12.1899) · p. 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
51 (22.12.1899)
Article
Der Talmudbauer
Date
1899-12-22
Page
15 (sequence 1)
Language
German
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Nr. 51 „Die Hl Welt“ Seite .15 Der Talmudbairer. (A us dem Leben der Juden in P a 1 äs t i n a.) Von H. York-Steiner. (Schluss.) Mirjams Lächeln leuchtete durch die dichten Schleier. „Was wohl Vater und Mutter sagen werden zu ihrer künftigen Tochter?“ flüsterte sie. „Sie werden sie segnen,“ das war alles, was er zn erwidern wusste. Dann nahm er ihre Hand und hielt sie fest, bis die LocomOlive die Berge hinaufgekeucht war nach der Zionsstadt. Am Bahnhofe wartete Dr. Rapp. Er wollte der erste sein in Jerusalem, der sie beglückwünschte. Sie freuten sich, ihn, den Begründer ihres Glückes zu sehen und dankten ihm diesen Zartsinn. Chajim frng nach dem Befinden der Eltern, die er mit den Augen suchte. Die Mutter sei fieberfrei, aber sehr beschäftigt, um den Vater beschäftigt, der- „Mein Vater ist krank!“ rief Chajim. Dr. Rapp mahnte zur Rühe. „Er ist nicht eigentlich krank, nur die Augen sind ein wenig entzündet.“ „Die Augenkrankheit!“ Chajim blieb stehen und fasste nach des Doctors Arm. „Es ist nicht die rasche, gefährliche Art, von der es kein Genesen gibt; ich hoffe, bald, alles in Ordnung zu bringen.“ Chajim war erschüttert. Er hatte nur an sich gedacht, an sein junges Glück, an seine Zukunft und des Vaters und der Mutter vergessen. Der Vater augenkrank! Was musste er leiden in den langen finsteren Tagen, ohne Bücher, ohne die Erquickung am Worte Gottes! Dr. Rapp beruhigte ihn. „Rabbi Jo ine sei ruhig, in sich gekehrt, milde und geduldig.“ So fand er ihn auch wirklich. In Rabbi Joine war während der wenigen Monate der Einsamkeit eine grosse Wandlung vorgegangen. Die Stimme war fest, das Wort ruhig, das Haupt noch mehr geneigt als früher, das Gesicht vergeistigt nnd vertieft. Dadurch, dass die Augen ein grüner Schirm verdeckte, fehlte alles äussere Leben, und jedes Wort schien wie von höherer Eingebung hervorgebracht. Chajim beugte sich nieder und küsste seine Hand. Der Vater fasste seine Rechte, die er lange streichelte. Dann fuhr er ihm übers Gesicht. „O Vater, mein lieber Vater!“ rief Chajim zärtlich. „Die Stimme ist die Stimme Jakobs, doch die Hände sind die Hände Esaus,“ so versuchte Rabbi Joine zu scherzen, als er die von der Arbeit rauh gewordene Hand seines Kindes streichelte. Dieser Bibelvers des erblindeten Patriarchen führte Chajim znrück zu seinem jungen Glück. „Und hier Rachel, Deine künftige Tochter,“ fügte er lächelnd hinzu. Er fasste Mirjam bei der Hand und führte sie in seine Nähe. Der alte Mann stand auf und richtete sein Haupt steif in den Nacken. Er suchte mit den Händen. „Du bist klein und zart,“ sagte er sodann, als er ihre Gestalt erfasst hatte. „So klein und zart Du bist, so gross und stark sei Dein Glück.“ Er legte seine Hände auf ihr Haupt. „Sei gesegnet wie Sarah, Rebekka, Rachel und Leah, die Stammmütter eines grossen Geschlechtes.“ Frau Malke wischte sich die stillen Glücksthränen. Kattowitz näherte sich dem greisen Gelehrten, die Frauen zogen sich bald zurück, um die Körbe zu leeren. Sie wurden nach Frauenart bekannt miteinander und Frau Malke, die sich immer nach einer Tochter gesehnt hatte, hätschelte Mirjam bald wie ein kleines Mädchen. Inzwischen hatte Kattowitz jede Gelegenheit benützt, um Rabbi Joine in einen talmudischen Disput zu verflechten. Er war immer glücklich, „sein Messer wetzen zu können“, wie er es nannte. Der alte Gelehrte wich aus. Wenn er eine Meinung abgeben musste, so war sie nie rein talinudiseh, sondern mit tiefen Sentenzen besonderer Art durchflochten. „Das ist ja ein Philosoph, Dein Vater,“ äusserte sich Kattowitz zu Chajim. Rabbi Joine sprach wenig, doch sagte er zu seinem Sohne, als sie abends allein waren: „Dein Schwäher ist ein tüchtiger Talmudist. Ein Colonist, der nur Colonist ist, das wäre hart gewesen für — Dich. Ich bin daher ruhig und überzeugt, dass Du in diesem Hause ein Jude bleiben wirst.“ Chajim erzählte nun von Mirjams Wissen, von ihrer eigentümlichen Gläubigkeit, von ihrem Wunsche, alles mit dem Verstände zu erfassen. „Sie liest fremde Bücher und ist doch fromm und gut geblieben. Was Dich so sehr beschäftigt, ist auch ihr ein Gebiet voll Interesse, sie liest über — —über — den Jeschuah von Nazareth.“ „Mirjam, Mirjam!“ rief der Greis. Das Mädchen kam und schmiegte sich an ihn. „Mirjam, meine Tochter, haben wir es gethan? Wir. wir Juden — haben wir ihn gekreuzigt?“ Sie verstand sofort seine Frage. „Nein, Vater, wir haben es nicht gethan, aber der finstere Eifer der Zeloten hetzte die Römer gegen ihn.“ „Und wir haben es nicht gethan — wir nicht! Die Zeloten, o die Zeloten! — War ich je ein Zelot? Chajim, mein Sohn: war ich je ein Zelot? Habe ich nicht geholfen abwehreil. jene, die da steinigen wollten, steinigen an den heiligen Grabesstätten? Ich hätte es nicht geduldet, nie, nie! — Kommt, meine Kinder, kommt!“ Er* wendete sich zur Thüre, ta tele nach der Klinke und öffnete sie. Die laue Abendiufc strömte herein. Er blieb stehen, athmeie tief auf, fasste jedes der Kinder mit einer Hand und gieng, ohne zu sagen wohin. Mit seinem festen Willen leitete er, der nicht sah, die Sehenden. Hinaus über den Hof, rechts um die Ecke, dann links und dann hinunter zur Klage mau er. Mit einer raschen Wendung entfernte er den Schirm von den Äugen und blickte in die Höhe. „Ein Schimmer der kleinen Himmelslichter dringt in meine kranken Augen,“ flüsterte er in hebräischer Sprache, „und noch einmal kann ich Deine Wunderwerke erblicken, o Herr Zebaoth! Dann will ich sie gerne in tiefe Nacht hüllen, meine allzu begierigen Augen, die oben auf Gulgoleth erschauen wollten, was Du litis gnädig verhüllst. Du hast meine Augen mit Blindheit geschlagen, auf dass meiner Seele ein reines Licht sich entzünde.“ „Mirjam, meine Tochter,“ rief er zärtlich, „es steht in Deinen Büchern, dass wir es nicht waren. Alle die Christen und Heiden können es lesen und hören. Ach, und es hat uns nichts genützt. Nichts. Die Zeloten, die Zeloten, die Zeloten! ,Und wenn alle Welt Dich einen Esel nennt, dann lasse Dir einen Halfter umlegen4, heisst es im Talmud. Vorder Welt sind wir die Schuldigen. Das ist kein Weg! Das ist keine Erlösung! Mirjam blickte gerührt hinauf zu der hohen Gestalt des Greises, der mit emporgehobenen Armen gen Himmel schaute. Sie schmiegte sich an ihn. Er griff nach ihrer Hand und legte sie in die seines Sohnes. „Ich habe gesucht, meine Kinder. Meine Zeit ist um. Vielleicht werdet Ihr den rechten Weg finden. Und wenn Ihr nicht, so Eure Kinder, aber hier müssen sie sein, hier iin Heiligen Lande, denn hier“ — seine Stimme sank zu einem Flüstern herab — „hier wird der dritte Tempel Salomonis entstehen. Der Tempel der Liebe — am Tage — am Tage, da die letzten Zeloten ausgestorben sein weiden, am Tage der grossen ewigen Menschenliebe, Aber ich, ich war kein Zelot, nicht wahr, mein Chajim? Sonst wärest Du, mein Sohn, kein jüdischer Bauer geworden.“ Er schwieg eine Weile, dann fuhr er fort: „Die Zeit naht ihrem Ende. Der Gelehrte wird ein Bauer und der Bauer ein Lehrer seines Volkes — seines Volkes. Die Zeit beginnt, die grosse Zeit.“ Eine Weile blieben die drei stille im glücklichen Verein, Plötzlich schob Rabbi Joine die jungen Leute von sich. „Chajim, Chajim, mein Sohn,“ presste er sch merze;'füllt heraus, „glaubst Du, dass ich vergeblich gelebt und gelitten habe,“ •Er legte die Hände vor die müden Augen und flüsterte leise: „Vergebens.“ Mirjam näherte sich ihm, zog sanft die Hände vom Gesichte und küsste ihn auf die Wange. „Nein, mein Vater, Ihr Lehen war reich, Sie haben Ihrem Sohne jene grosse Kraft überliefert, der die Zukunft gehört.“ „Die Zukunft,“ murmelte der Greis gerührt, „die Zukunft.“ Briefkasten. 8. F., Fiume. Besten Dank. Leider unverwendbar. L. Litw. Besten Dank. Ihre Anregung ist dem Actionscomit6 übergeben worden.

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