Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 51 (22.12.1899)
- Article
- Professor D. A. Chwolsohn
- Date
- 1899-12-22
- Page
- 14 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 14 ,9Die:--gr'Welt“< Nr. 51 die Unhaltbarkeit . des Blutmärchens errieth, musste jedoch der öffentlichen Meinung weichen , welche die Aufklärung dieser dunklen Blutgeschichte forderte. Die Untersuchung arbeitete fleissig, sie währte fast zwei Jahre, während welcher Zeit die Juden im Kerker schmachten mussten. Da erschien Chwolsohn mit seinem Werke, in welchem er den Beweis ad oculos führte, dass die Blutbeschuldigung ebenso unsinnig wie unwahr ist. Das Buch verfehlte seine Wirkung nicht: Kaiser Nikolaus I. befahl, die eingekerkerten Juden freizulassen und die Untersuchung einzustellen. In Russland bildete dieses Werk C hwo 1 s o hn s, in welchem mit fast mathematischer Beweisführung die Grundlosigkeit der Blutbeschuldigung gezeigt wird, eine wahre Offenbarung, aus der die russische Gesellschaft die Ueberzeugung gewann, dass der sogenannte Ritualmord in das Gebiet der Phantasie verwiesen werden muss. Als deshalb im Jahre 1880 in Kutais im Kaukasus den dortigen Juden ein Ritualmord-Process gemacht wurde, so hatte die von Chwolsohn um diese Zeit verfasste populäre Schrift: „Brauchen die Juden Christenblut?“ genügt, um in der russischen Gesellschaft einen Sturm der Entrüstung gegen die „Macher von Ritualmord-Processen“ hervorzurufen. Nebst allen diesen Arbeiten hat Chwolsohn 600 syrische Inschriften, welche im Semiretschensk-Gebiete gefunden wurden, erläutert, viele jüdische Inschriften herausgegeben und die Bibel ins Russische übersetzt. Vor fünf Jahren, anlässlich der Feier der 50jährigen wissenschaftlichen Thätigkeit Chwolsohn s, schrieb der damalige russische Cultusminister Graf D e 1 j a n o w an den Jubilar: „Aus Seelen tiefe wünsche ich, dass die Vorsehung den greisen Gelehrten zum Ruhme Russlands noch lange erhalten möge.*4 Diesen Wunsch dürften unsere Glaubensgenossen auch am Tage des 3. Deeember gehegt haben. Denn Chwolsohn, welcher nur alt an Jahren, aber jung an Geist ist, hört noch jetzt nicht auf, für die Interessen der Juden und des Judenthums zu wirken. Ueberall, wo es gilt, die Interessen des Judenthums zu verthei tilgen, das Wohl der Juden zu fördern, dort ist Chwolsohn zu haben. N. G—t. Feuilleton. Die Kinder des Ghetto. Z a n g w i 1 1 s Prolog zur Londoner E r s t a u ff ü h r u n g der „Kinder des G h e 11 o“. Aus dem Englischen übersetzt von Gustav 6. Cohen in Hamburg. Bückt, strenge Richter, hier auf eine Welt, Die Bühnen lampenschein noch nie erhellt, Wo über Licht und Schatten, Tag und Nacht Uralt Gesetz noch hält die strenge Wacht. Wo noch entscheidend auf dem Erdenrunde Jerusalem, für Jahrestag und Stunde — Noch somit in Gottes Liebe sich ihr Sohn. Doch tragisch der von Gott geheischte Lohn: Ein Dasein, das dem Tode nicht verfallen, Doch mit sich seihst im Kampf, im Kampf mit allen — Ein Dasein, das mit Staaten, längst verschwunden. Mit Babylon, Aegypten eng verbunden, Zu Haus’ in Ostens altem Wunderreich, Zu Haus* in London und New-York zugleich, Voll Leben noch, da Rom und Hellas Staub, Und Spaniens Ketten längst dem Rost zum Raub. — Verblich auch, Israel, die Herrlichkeit Aus der Prophetenaus der Königszeit — In neuem Licht’ kann wieder sie entflammen, Mag es vom Osten, mag’s vom Westen stammen. — Dies Drama bringt ein Bild aus uns’rer Zeit: Mit altem Ritus — junge Lieb' im Streit, Ein grau Gesetz darf hier zwei Herzen zwingen, Und mit dem Geist seht Ihr den Buch stab ringen. Und edel doch, dies Küssen einer Ruthe — Das „Gott gehorsam“, wie das Herz auch blute — Treu auch noch heut’, wo Scharen untren werden Dem Glauben, der ihr einzig’ Heil auf Erden. Doch wähnet nicht, nur Trübsal herrsche hier, Tönt doch auch Spott und Lachen durchs Revier — Und es durchwebt die Tragik uns’res Dramas Die Komik auch des Menschen-Panoramas. Hier prahlt der Dichter, kriecht der Heuchler Schar - Es eint des Schadchens Kunst ein schüchtern Paar - Um den Hausierer scharet sich die Menge, Den Sünder streift der Heil’ge im Gedränge, Viel Kinder hier — dort Schnorrern Geld beschieden Und dann am Sabbath. über allem — „Frieden“! So malen wir Euch eine Welt in petto, Im Sieden noch: „Die Kinder aus dem Ghetto.“ Lieder eines Bekehrten. i. Umkehr. Fern vom parteiischen Getriebe, Von Rassenkampf und Völkerstreit, Träumt’ ich von hoher Menschenliebe Und geistesfreier Einigkeit; Von lichtumwob’nen künftigen Tagen Der Gleichheit und Verb r ii d ovun g Und fühlte meine Pulse schlagen In flammender Begeisterung — Ich sah versöhnend sich erheben Die ganze Menschheit im Verein Zu friedlichem Zusammstreben ... Und war d’rauf stolz, ein Mensch z n sein! Da drang in meinen Träumereien Ein jäher Weckruf an mein Ohr- Ich horf ein Volk um Hilfe schreien — Und bebend rafft’ ich mich empor . . . Es waren meine eig’nen Brüder, Verfolgt, beschimpft, gequält, bedroht; Der Hass der Feinde schlug sie nieder Und grässlich sah ich ihre Nofch . . . Es war der Aufschrei eines Wildes, Das grausam man zu Tode hetzt — Und von dem Anblick dieses Bildes War ich erschüttert und entsetzt. Und ans den lauten Klagetönen Klang es zugleich, wie ein Gebet, Wie schluchzendes und tiefes Sehnen, Von banger Hoffnung leis’ durchweht, Wie Heimweh nach dem wunderbaren, Dem längst verlor’nen Heimatland, Aus dem seit endlos langen Jahren Ins harte Golus sie verbannt. — So sehnt ein Kind, das einst vertrieben In weite Ferne durchs Geschick, Nach seiner Heimat, seiner lieben, Zu seiner Mutter sich zurück. . . .Es trennten meine Ideale Noch Weiten von der Wirklichkeit! ... Mich starrte an das finst’re, fahle, Das alte, hitt’re, jüdische Leid. Und plötzlich tief in meinem Innern Hat sich ein Funke Licht entfacht. Ein längst vergessenes Erinnern Ist aufgestiegen und erwacht — Mir schien es jäh, als war* verbunden Mit diesem Volk mein Herz und Sinn, Ich blutete an seinen Wunden. Und fühlte, dass ich Jude hin! Und voll unsäglich tiefer Wehmuth Und Trauer um Dein hartes Los, Kehr’ ich, verlor’ner Sohn, in Denrath Zurück, mein Volk, in Deinen Schoss; Will für Dich kämpfen, streiten, wagen Begeist’rungsvoll durch Wort und That, Bis ernst nach leidensschweren Tagen Die Stunde der Erlösung naht — Bis Du die Freiheit kühn erschwungen Bis der Verbannung Nacht entschwand Bis Du Dein herrlich Ziel errungen; Ein freies Volk im freien Land! Paris, im Deeember 1890. Heinrich G r ii n a u