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Die Welt · 1899-12-22 · 51 (22.12.1899) · p. 13

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
51 (22.12.1899)
Article
[Kommentar]
Date
1899-12-22
Page
13 (sequence 1)
Language
German
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Nr. 51 „Die A Welt“ Seite 13 hervorragendsten Juden der Union die Frage aufgeworfen: „Gibt es eine Judenfrage?“ -- Die ersten Antworten, die auf das Circular einliefen, waren von unseren bekannten Gesinnungsgenossen Rabbiner Dr. Gustav Gottheil in New-York und Rabbiner Dr. Felsenthal - in Chicago. Die Antworten sind im „Chicago Weekly“ ab gedruckt, und wir geben sie hier in ihren Grundzügen wieder. Dr. Felsen t-hal schreibt: „Ob es eine Juden trage gibt? — Ganz gewiss. Noch mehr: Es gibt etliche JudenfVagen. -Zunächst Fragen des Judenthum s, der jüdischen Religion. Sodann Fragen der Juden heit, des jüdischen Volkes. Es scheint mir, die Fragesteller haben hauptsächlich die letzteren Fragen im Auge gehabt, die etwa folget »dermassen zu formulieren wären: Leiden die Juden weil sie Juden sind? Und .wenn ja: Was kann man thun, um ihnen abzuhelfen? Einige werden nun sagen: Was kümmert das uns? Mögen die russischen Juden für sich selbst sorgen; wir amerikanischen Juden haben hier unser Zion und Jerusalem. Die Juden in anderen Ländern mögen sich selbst helfen. Andere wieder werden sagen: Die Juden sollen aufhören als ein besonderes Volk unter den Völkern zu existieren; sie sollen im grossen Meere der Menschheit verschwinden. Icli persönlich kann an beiden Antworten keinen Gefällen finden. Wir können und dürfen nicht gleichgültig bleiben gegenüber dem schrecklichen Elend unserer Brüder in den verschiedenen Ländern. Auch ist es schlechterdings unmöglich, dass die Juden heit Selbstmord begehe und als Nation verschwinde. Denn während viele Juden bereit sein mögen, im grossen Meere der Menschheit unterzugehen, ist die grosse Mehrheit des jüdischen Volkes davon noch sehr weit entfernt. Sollen diese aber ewig leiden? Was kann für sie geschehen?“ Dr. Gustav Gpttheil sagt: „Ich weiss von keiner anderen Judenfrage als derjenigen, welche von den drei Zionistencongressen in die Welt hinausgerufen worden ist.“ Er schildert das Elend der jüdischen Massen, berührt die Herzlosigkeit der amerikanischen Juden, die Augen und Ohren verschliessen, um nicht sehen und hören zu müssen, und schliesst: „Es sollen die „aufgeklärten“ Juden einen anderen Weg für die Rettung des jüdischen Volkes Vorschlägen, ehe sie über den Zionismus vornehm die Achsel zucken.“ „Daily Picayune“ in New-Orleans druckte den Wortlaut einer Rede des dortigen Rabbiners Max Heller, eines bedeutenden Gelehrten, über den Zionismus ab. Darin wird es dem Zionismus hoch angerechnet, dass er die Einigkeit unter den Juden hergestellt und den Indiffei entismus. der bis vor kurzem in allen Kreisen des Judenthums geherrscht, beseitigt habe. Das Deeemberheft des „Century Magazin“ enthält einen Artikel von Professor G ottheil über den Zionismus. Die seit kurzem in London erscheinende zionistische Jargonzeitschrift „Das Volk“ (The People) polemisiert gegen einen im „Jewish Express“ erschienenen Artikel, der einen Angriff auf die „English Zionist Federation“ enthält. Dem Aufsatz im „Volk“ ist ein Brief von Dr. M. Ga st er an die Redaction beigedruckt, in dem sich dieser unser ausgezeichneter Gesinnungsgenosse sehr scharf gegen diejenigen wendet, die, vielleicht in guter Absicht, jedenfalls aber in Unkenntnis der thatsächlichen Verhältnisse, ganz ungerechtfertigte Anklagen gegen eine so verdienstvolle Körperschaft wie die „Federation“ erheben. Auch die Nr. 7 der unter Leitung unseres ausgezeichneten Gesinnungsgenossen W. Schur stehenden Chicagoer hebräischen Wochenschrift „Hafchiach“ („Regeneration“) weist einen äussersfc interessanten und lesenswerten Inhalt auf. In erster Reihe wäre der vom Herausgeber des Blattes herrührende, „Das Befreiungsfest“ überschriebene actueile Aufsatz zu erwähnen, in welchem die Gesinnungsgenossen in begeisterten Worten zum Ausharren bei der zionistischen Arbeit aufgefordert werden. Dieser Aufsatz verdient, von jedem Zionisten gelesen und beherzigt zu werden. Auch sonst enthält das Blatt eine Fülle von Aufsätzen und Nachrichten, die jeder Zionist gewiss mit besonderem Interesse lesen wir d. Es wäre zu wünschen, dass das Blatt des Herrn Schur, dem wegen seiner gut zionistischen Haltung mancherlei Hindernisse in den Weg gelegt werden, im Kreise unserer Gesinnungsgenossen jene Unterstützung finde, die es verdient. Die uns vorliegende December-Nummer der englischen Monatschrift „Israel" weist einen sehr reichen Inhalt auf. Besonders hervorzuheben sind eine Schilderung der jüdischen Freischuie in London mit ihrem neu eingerichteten Laboratorium und technischen Abtheilungen. Hier wie auch in dem Artikel über das „unterirdische Palästina“, d. h. die durch die Gesellschaft „Palästina Exploration Fund-- vorgenörnmenen Ausgrabungen, sind dem Texte prächtige Illustrationen beigegeben?Neben Aufsätzen über Tagesfragen und einer für die Jugend bestimmten Beilage finden wir eine alte, wahrscheinlich der maurischen Epoche entstammende Melodie des Synagogenliedes „Lecho-daudi“. Von dem in Buenos-Ayres erscheinenden Jargonblatt ,EI Sionista * liegt uns Nr. 2 vor. Das Blatt wird herausgegeben von der „Liga Theodor Herzlu und enthält Mittheilungen aus den argentinischen Colonien und über die zionistische Bewegung in Argentinien. Bücherwelt. Professor D. A. Chwolsohn. (Anlässlich seines 80. G e b u r t s t a g e s.) Die Petersburger Universität und mit ihr auch zahlreiche Gelehrten-Corporatiouen Westeuropas haben am 3. d. M. den 80. Geburtstag des Professors der semitischen Sprachen an der Universität und an der theologischen Akademie zu Petersburg, Staatsrathes Daniel Abramowitsch Chwolsohn, feierlich begangen. Dieser berühmte Orientalist, welcher die Geschichte und Literatur der Juden mit wertvollen und epochemachenden Werken bereicherte, hat dem Judenthum und den Juden auch auf anderem Gebiete wertvolle Dienste erwiesen, so dass der Lebenslauf dieses Gelehrten allgemeines Interesse beanspruchen dürfte. C h wolsoh n wurde als Sohn eines armen Juden im Gouvernement Wilna am 3. December 1819 geboren. Wie es damals beiden Juden in Litthauen üblich war, wurde der junge C h w o 1 s o n ausschliesslich dem Studium des Talmud gewidmet. Im Alter von IS Jahren galt er berereis als Autorität auf dem Gebiete des Talmuds und der rabbinischen Literatur. Der Einfluss Moses Mendelssohns, weicher für den Anschluss der russischen Juden an die deutsche Cultur und Gesittung von grosser Bedeutung war, liess. jedoch auch den jungen C h w o 1 s o h n nicht unberührt. In einem Zeiträume von drei Jahren erlernte Chwolsohn ohne Lehrer deutsch, französisch und russisch, um sich hierauf zu Fuss nach Breslau zu begeben und sich dort dem Studium der classischen Sprachen und Literatur zu widmen. Anfangs 1844 bezog Chwolsohn die Breslauer Universität, verblieb an derselben bis 1848, um zwei Jahre später seine erste Arbeit „Die Sabäer und der Sabäismus“ der Leipziger Universität zu überreichen. In diesem Werke wies Chwolsohn mitbesonderer Klarheit die gegenseitigen Einwirkungen der griechischen, iranischen, syrischen und jüdischen Cultur nach und beleuchtete die Literatur des Orients in gemeinverständlicher Weise. Der damalige berühmte Orientalist Fleischer wurde durch dieses Werk auf den jungen Chwolsohn aufmerksam; er empfahl der Petersburger Akademie der Wissenschaften, die Arbeit Ch wolsoh ns auf ihre Kosten in Druck zu legen, da sie einen Schatz der Weltliteratur bilde. Chwolsohn, der für seine Arbeit von der Leipziger Universität das Doctordiplom erhielt, wurde denn auch im Jahre 1851 nach Petersburg berufen, wo er im asiatischen Museum der Akademie der Wissenschaften 5 Jahre arbeitete, um 1850 das erwähnte Werk' in völliger Umarbeitung erscheinen zu lassen. Die damalige Petersburger Regierung erkannte alsbald den wissenschaftlichen Wert ChwoisohDB und ernannte ihn Ende 1850 zum Professor der orientalischen Sprachen an der Petersburger Universität und 1858 auch zum Professor der biblischen Archäologie an der theologischen Akademie. Im Jahre 1859 erschien Ch wolsoh ns bekanntes W erk „lieber die Ueberreste der altbabylonischen Literatur in arabischen Uebersetzungen“. Unermüdlich in seinem Forschungsdrange, liess Chwolsohn im Jahre 1868 zwei epochemachende Werke erscheinen: *,Die Chosaren“ und „Charakteristik der semitischen Völker“. Von ebensolchem Werthe ist das im Jahre 1875 erschienene Werk Chvvolsohns: „Der Einfluss der geographischen Lage Palästinas auf das Geschick des jüdischen Volkes“. Für das praktische Leben der Juden in Russland aber war das im Jahre 1861 erschienene Werk Chwolsohns: _Ueber einige mittelalterliche Beschuldigungen gegen die Juden“ (O nekotorych srednewekowych obwinepijach prolivv jewrejew) von umwälzender Bedeutung. In Saratow wurden gegen Ende der Fünfziger-Jahre dreissig Juden eingekerkert, welche unter der unsinnigen Beschuldigung standen, Christenblut zu religiösen Zwecken gebraucht zu haben. Die russische Gesellschaft stand dieser Beschuldigung machtlos gegenüber, weil die damalige russische Literatur-keine Werke aufznweisen hatte, welche die ganze Unsinnigkeit dieser Beschuldigung aufdecken konnten. Kaiser Nikolaus L, welcher mit seinem Scharfblicke

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