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Die Welt · 1899-12-22 · 51 (22.12.1899) · p. 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
51 (22.12.1899)
Article
Wilna
Date
1899-12-22
Page
11 (sequence 2)
Language
German
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^Nr;:-51 darauf* tu achten, dass ja kein Vertreter der semitischen Busse seine Schwelle übertrete. Das Gleiche ist auch von •.dein-hiesigen „Schachclub“, dem Rennverein u. a. zu verzeichnen. Ende August ereignete sich ein recht charakteristischer Fall, der viel von sich reden machte und sogar zu einer Gerichtsvei-handlung Veranlassung gab. Die Sache verhielt sich so: Ein Wilnaer Tageblatt hatte einem Mitarbeiter, der Christ ist. den Auftrag gegeben, einen Bericht über eine landwirtschaftliche Ausstellung zu schreiben. Als der Betreffende beim Ausstellungs-Comitd vorsprach, um Erkundigungen einzuziehen, wurde er von den Comitemitgliedern für einen Juden gehalten und dementsprechend mit Stichelrecien und antisemitischen Artigkeiten empfangen! Was die Ausstellung selbst betrifft, so verringert sich die Zahl der ausstellenden Juden von Jahr zu Jahr. Noch im vorigen Jahre waren es 30—40, heuer sind es nur noch 6—7. Auf wirtschaftlichem Gebiete sind es hauptsächlich die Polen, welche die Juden auf Tod und Lehen bekämpfen. Wahre Hetzjagden werden veranstaltet, um die Juden aus dem Handel zu verdrängen. Dieses Bestreben wird zudem durch ein Gesetz vom Jahre 1892 unterstützt, demzufolge die Juden der activen und passiven Wahlrechte für den Gemeinderath verlustig giengen. Zwar gerathen auch jetzt, noch etwa fünf Juden unter die Wahlberechtigten, doch werden sie auf administrativem Wege nominiert und gehören zu den sogenannten „Hofjuden“. Es sind dies Leute, die nichts Jüdisches kennen und den Ausfällen der hiesigen Judenfresser in der Regel „vornehmes“ Schweigen entgegenbringen. Im übrigen herrscht zwischen den Polen und den Russen im Punkte der Judenfeindschaft eine bewundernswerte Einmüthigkeit. Die russischen wie die polnischen Anstalten und Vereinigungen verwahren sich mit gleicher Strenge und Beharrlichkeit gegen den Eintritt von Juden. Die in den letzten Jahren verfügte Beschränkung der Aufnahme von Juden in die Mittelschulen hat in der heranwachsen den Schuljugend das Bewusstsein verstärkt, dass die Juden keine gleichwertigen Menschen seien. Bezeichnend ist folgender Vorfall: Unlängst starb hier der jüdische Gymnasiast S. L. Seine Mitschüler ersuchten den Rector um die Erlaubnis, dem Verstorbenen das letzte Geleite zu geben, was jedoch nur den Juden unter ihnen gewährt wurde. Erwähnenswert ist übrigens, dass trotz alledem viele wahrhaft tolerant und human denkende Bürger unter der hiesigen russischen Intelligenz zu finden sind, welche den Antisemitismus verdammen, gelegentlich sogar heftig bekämpfen, selbstverständlich mit derselben Erfolglosigkeit wie überall Allerlei Nachrichten. Die „Monatsschrift für praktisch; Medicin“ publieiert in einer ihrer jüngsten Hefte die Rede des berühmten englischen Akademikers Dr. L i s t e r, worin dieser sich rühmend über unseren bekannten Gesinnungsgenossen, den durch sein Heilserum gegen die Pest bekannten jüdischen Bakteriologen Dr. Haffkine in Bombay, sowie über die Juden im allgemeinen ausspricht. * In Tischanitz (Russland) starb unlängst ein Jude im Alter von 110 Jahren. Er war bis zum letzten Augenblicke im -Vollbesitze seiner geistigen Kräfte. * Um dem Elende der jüdischen Arbeiter in Lodz zu steuern, liess man dieser Tage Sammelbogen circulieren, die in wenigen Tagen Zeichnungen in der Höhe von 20.000 Rubel ergaben. Von Galizien aus wird vor einem neuen Schnorrer- Consortium gewarnt, das in Jezierzany bei. Czortkow sich gebildet hat und den bekannten „Firmen“in Kudrynce etc. nicht fernstehen soll. Eine neuere Verfügung der hessischen Regierung ordnet an, dass im städtischen Schulvorstande zu Mainz, dem bisher nur die katholische und evangelische Geistlichkeit angehörte, nun auch jüdische und freireligiöse Vertreter Sitz und Stimme erhalten sollen. * Der soeben in Hamburg verstorbene erste Vorsitzende der jüdischen Gemeinde. Marcus Nordheim Seite 11 hinterlicss einen grossen Tlieil seines Vermögens von über 10 .Millionen Mark verschiedenen wohlthätigen Stiftungen. Unter den in W arschau an den städtischen Schulen angestellten 512 Lehrern gibt es nur vier jüdische, u. zw. einen für classische Sprachen, zwei für Mathematik und einen für deutsche Sprache. * Bei einer jüdischen Versammlung in Leeds (England) verbreitete ein gewisser S h a k n o w i s die Nachricht, ein im Saale anwesender Mann namens Leon Dalidansky sei ein getaufter Jude. Dieser klagte wegen Ehrenbeleidigung. Der Gerichtshof fand Shaknowis schuldig und verurth eilte ihn zu 20 Pfund Schadenersatz. In der Begründung heisst es, der Vorwurf der Taufe sei eine der verletzendsten Anschuldigungen gegen einen Juden und falle hier umso schwerer ins Gewicht, als der Kläger in seiner Berufsehre als Redacteur eines jüdischen Blattes gekränkt worden sei. * Das deutsche Hospital in London, das zu einem Drittel von den armen Juden des East-End aufgesucht wird, soll demnächst eine aus freiwilligen Beiträgen errichtete Koscher- Küche erhalten. 'S' Bei den am 12. d. M. in der „Akademischen Lesehalle“ zu Berlin beendeten Wahlen der Directoren wurde dem antisemitischen „Verein deutscher Studenten“ der Vorsitz, den er länger als ein Jahrzehnt hindurch innegehabt hatte, wieder entrissen. Der zum Präses gewählte Vertreter der „Aseania“ erklärte nicht nur, dass er strenge Objectivität walten lassen werde, sondern sicherte auch Bekämpfung jeder confessionellen Engherzigkeit zu. Er verwahrte sich auch dagegen,'dass die antisemitischen Studenten sich auf die „nationale Partei“ hinausspielen, und den Mitgliedern nichtantisemitischer Verbindungen antinationale Gesinnungen imputieren. * In Berlin starb am 14. d. M. der Commercienrath Julius Isaae0 einer der angesehensten jüdischen Bürger, im Alter von nur 50 Jahren. Er war einer der Mitbegründer und Schatzmeister des Verbandes der jüdischen Literaturvereine Deutschlands. * Zahlreiche Juden in Russland, deren längst verstorbene Söhne infolge nachlässiger Führung der Civilstandsregister auf den Conscriptionslisten des Heeres figurieren, wurden bisher in jedem Falle zu einer Strafe von je 300 Rubel verurtheilt, selbst wenn sie imstande waren, nachzuweisen, dass die Schuld einzig und allein an der Registerführung lag. Nunmehr sind die Beamten angewiesen worden, die Reclamationen der Eltern genau zu prüfen und, wenn deren Angaben richtig sind, von einer Bestrafung abzusehen. * In einer Gemeinde im Gouvernement Tobolsk wollten die Juden eine Synagoge sammt Beth-Hamidrasch bauen. Die Stadtverwaltung verweigerte die Bauconcession mit der Begründung, dass die jüdische Confession in Russland „keine Rechte besitze.“ Der Senat hat diesen Beschluss annulliert und den Juden die Erlaubnis zum Baue ertheilt. * Im Mai des nächsten Jahres werden es zehn Jahre sein, seitdem mit Bewilligung der russischen Regierung das Odessaer Centralcomite zur Colonisierung Palästinas gegründet worden ist. Aus diesem Anlasse soll ein Bericht über die Thätigkeit desComitds seit seinem Bestände herausgegeben werden. * „Die H Welt“

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