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Die Welt · 1899-12-22 · 51 (22.12.1899) · p. 9

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
51 (22.12.1899)
Article
Eine Entscheidung des Petersburger Senates
Date
1899-12-22
Page
9 (sequence 2)
Language
German
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Seite 9 Nr. ßi „Dife & Wfelt" von Smolensk um keine Aufnahme in den Adel dieses Gouvernements angesucht. Die Adelsversammlung wies dieses Ansuchen des jüdischen Arztes zurück und verweigerte ihm die Aufnahme in den Adel. Die antisemitischen Blätter Russlands, mit der „Nowoje Wrewja“, an der Spitze griffen diesen Fall auf, um den „Bürgermuth“ des Adels von Smolensk zu preisen und giftige Artikel gegen die Juden zu schleudern. Da aber nach den Bestimmungen des russischen Gesetzes akademisch gebildete Juden das Recht auf die Einreihung in den Adelsstand erhalten, so hat Dr. Griinneur gegen den Beschluss der Smolensker Adelsversammlung Beschwerde heim Petersburger Senate erhoben. Der Senat hat nun den Beschluss der Adelsversammlung annulliert und die Aufnahme des Dr. Griinneur in den Adel des erwähnten Gouvernements angeordnet. In seiner Entscheidung erklärt der Petersburger Senat, dass die Adelsversammlungen überhaupt kein Recht besitzen, die Aufnahme von adelsberechtigten Juden in den Adel zu verweigern. Die Prüfung der Adelsberechtigung der akademisch gebildeten Juden, welche schon mit der Verleihung des Wladimirordens allein eintritt, bleibt dem Senat Vorbehalten, die Adelsversammlungen dagegen müssten jeden Juden aufnehmen, der diese Adelsberechtigung nachzuweisen imstande ist. Somit hat der Petersburger Senat den akademisch gebildeten Juden die Rechte und die Privilegien des russischen Adels eingeräumt. Vom Interesse ist es auch, dass die vornehmste russische Monatsschrift „Europäischer 'Bote“ den Fall G r ü n n e u r zum Anlass nahm, um den russischen Adel vor den schädlichen Folgen des Antisemitismus zu warnen. Ein geistig führender Stand, sagt diese Revue, welcher antisemitischen Tendenzen zugänglich ist. verwirke das Recht, eine führende Rolle zu spielen. Die andere Taktik. Einem Wiener antisemitischen Blatte vom lö.December entnehmen wir Folgendes: Endlich scheinen die czechischen Antisemiten zur Erkenntnis zu kommen, dass man mit Fenstereinschiagen die Judenfrage nicht löst, sondern der guten Sache eher schadet. . . . Die Bauern des Bezirkes Chotzen haben vorgestern eine Versammlung veranstaltet, in der die Abhaltung eigener G e tr e i d emarkte und Errichtung landwirtschaftlicher Lagerhäuser und Verkaufshallen beschlossen wurde. An dieser Versammlung nahmen auch zahlreiche Handwerker theil, und so haben denn auch die Tischler beschlossen, sich ein eigenes gemeinschaftliches Verkaufsmagazin zu errichten, das sie der Nothwendigkeit enthebt, für den Juden zu liefern. Ebensolche Beschlüsse werden demnächst in Pardubitz und bald auch in Pilsen gefasst und ausgeführt werden, undDoctor Kisch wird sich rühmen dürfen, diese im Entstehen begriffenen antisemitische n U n teriiehmiingen n u v g e f ö r d e r t zu haben. Man darf neugierig sein, was wohl dann gegen diesen Antisemitismus ins Feld geführt worden wird. Zum Polnaer Mädchenmord. Wie die „Politik“ meldet, hat die Staatsanwaltschaft gegen den Landtagsabgeordneten Dr. Baxa, den Vertreter der Mutter der ermordeten Agnes Hruza im Hülsner-Processe, wegen Vergehens nach Artikel 8 des Gesetzes vom 17. December 1862. begangen durch die Veröffentlichung einer Antwort auf Professor Masaryks Broschüre über die Nothwendigkeit einer Revision des erwähnten Processes. die Strafgerichtliche Untersuchung angestrengt. Dr. Baxa erhielt in dieser Sache bereits drei Vorladungen, und wird ihm, falls er vor dem Untersuchungsrichter nicht ferscheint, mit Vorführung durch die Polizei gedroht. Der Abgeordnete motiviert seine Nichtfolgeleistung mit dem Gefühle absoluter „Unschuld" da er seiner Ansicht nach durch die Verteidigung eines Österreichischen Geschwornenverdictes und der Integrität eines österreichischen Gerichtshofes ein strafrechtlich zu ahnendes Debet angeblich nicht, begangen habe. Eine Bastonnade von 700 Schlägen. Ein Jude namens Moses Suessia in Mazagan (Marokko) war ausgegangen, unr seine Waren in einem nahen Dorfe zu verkaufen. Nachdem er einem Araber ein Paar Pantoffel übergehen hatte, forderte er von ihm den vereinbarten Preis. Der Araber weigerte sich zu zahlen und wurde mm von dem jüdischen Hausierer bei der Loealbehörde an geklagt die nichts Besseres zu thun fand, als dem Juden 700 Stockschläge gehen zu lassen. Der Zustand, in welchem dieser nach Mazagan gebracht wurde, war jammervoll. Der Unglückliche musste mehr als einen Monat im Bette liegen. Die Juden von Mazagan waren natürlich über eine derartige Behandlung aufgebracht. Nachdem sie officiell von Beamten den Gesundheitszustand des Opfers hatten feststellen lassen, thntön sie Schritte beim Gouverneur von Mazagan. Dieser zeigte sich über einen solchen Act aufgebracht, forderte den Urheber der Sache, zu sich, entliess ihn aber wieder unbestraft. Ein Weinrausch hatte dies Wunder vollzogen. Suessia wandte sich nun an die Junta von Tanger, die wie immer sich beeilte. Schritte heim Sidi Mohammed Torres zu thun. Dieser sandte demGouveneur von Mazagan einen Brief, in weichem er sehr streng seine Haltung vernrtheilte: er erinnerte ihn daran, dass der Sultan formell die Bastonnade verboten baffe; der unglückliche Jude solle die gestohlenen Gegenstände, zurüekbekommen. Der Gouverneur von Mazagan hat aber Sidi Mohammed Torres bisher nicht antworten zu müssen geglaubt. Wird er jemals antworten? Eine Heilanstalt für jüdische Tubercu'öse wurde zu Beginn dieses Monates in Denver, der Hauptstadt des nordamerikanischen Staates Colorado, eröffnet. Die Kosten der Erbauung dieser Heilanstalt, welche sich auf circa 100.000 Dollars belaufen, wurden von mehreren jüdischen Wohlthäfern aufgebracht. Für die Bestreitung der Erhaltungskosten der Anstalt ist durch eine jüdische Stiftung vorgesorgt, deren Zinsen zu diesem Zwecke verwendet werden sollen. Der Wochenbericht des Matrikelamt.es der Wiener israelitischen Cultusgerneinde vom 10. bis 16. December meldet 52 Geburten, 46 Sterbefälle und 16 Trauungen. Personalnachricht. Dienstag, den 26.1. M. findet im Tempel der Teschener C ul insgemein de die Trauung des Frl. Adele Poborski mit Herrn Sigmund Rosen ha um. Gutsbesitzer aus S e b a r d i t z in Mähren, statt. Correspondenzen. Oesterreich-Ungarn. Wien. Samstag den 23. c. hält UerrEleazar Brod ira Locale des Vereines „Zion\ II.. Gredlergasse 9 (vis-ä-vis der Fruchtbörse) einen Vortrag über „Die jüdischen Colon ien in Palästin a“. Anfang präeiso 8 Uhr abends. Gäste (auch Damen) herzlich willkommen! Wien. Am 24 et. findet im Vereine „Moria" kein lit. Nachmittag statt, sondern erst am Hl. et., an welchem Tage Herr Architekt Marmorek über ..exotische Juden4' sprechen wird. Karlsbad. (25 4 a hro (’ull ns g e mein d e - V o r - -stehe r.) Am24, December d. J. worden es 25 Jahre, dass Herr Ludwig Moser an der Spitze der Judenschaff desWeltcurortes Karlsbad steht. Es ist kein gewöhnliches, alltägliches Jubiläum, das Herr Moser feiert. Diese Vierfceljahrhuiidertfeier ist vielmehr für die Juden Böhmens von historischer Bedeutung. Der Ort Karlsbad gehört nämlich zu jenen Städten,

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