Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 51 (22.12.1899)
- Article
- Gründung einer jüdischen Lesehalle und Volksbibliothek
- Date
- 1899-12-22
- Page
- 8 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 8 „Die 5§s Weit* Nr. 51 Der Bücher- und Zeftungstisch soll möglichst reichhaltig au ssre stattet. die Cultur-Errungensohaften aller Völker erreichbar gemacht werden; alle'bedeutsamen Erscheinungen auf dem Gebiete der Künste und Wissenschaften, der Literatur und Politik sollen hier ihren Platz finden, und die Wanderbibliothek soll wie ein befruchtender Strom jedem Hause, das darnach verlangt, seine Wohltbafen spenden und sich mit der Zeit auch über das ganze Land ergiessen. Eine Reibe von Vorträgen ist in Aussicht genommen, welche, verschiedenen Gebieten angehörig und . plan massig angeordnet, für unsere hcranwachsende Jugend und vornehmlich für jene bestimmt sind, die. frühzeitig zum Erwerbe des Lebensunterhaltes genöthigt. die Zeit und die Mittel zu ihrer geistigen Fortbildung nicht hinreichend aufbringen konnten. Auch Fach- und Sprachcurse dürften sich nach Bedarf hier anschliessen. Dies sind, in grossen Zügen entworfen, die Ziele unseres Vereines. Wir betrachten die Errichtung der „ J ü d i s c h e n Lesehalle undVolkshibliothe k“ als eine ebenso humane wie socialpolitisch erstrebenswerte. Th at. Wir, die Unterzeichneten, wollen keine Mühe scheuen, damit unsere Anstalt in dem edlen Wettstreite um die Verbreitung der Volksbildung in unserer S*adt in erster Reihe genannt, werde. Ob dies Streben uns gelingt, hängt von der Theilnnhme und Unterstützung ab, die wir bei der Brünner Judenschafc finden. Brünn, im December 1899. Alois Brecher, Prof. Mor. Breche r, JtJDr. Mich F e i t h. cand. jur. Berth. F e i w e 1, phil. Dr. Max G r ü n f e 1 d. Max H i c k e 1, pliil. und med. Dr. E. L ö w e n s t e i n, Dr. Emil P o 11 a c k, Wilhelm Sonderling, Lud wig Strasse r, med. Dr. Sig. St rach, med. Dr. D. Weis s, Alois YVitrofsky, JUDr. Emil Wolf. JUDr. Sigmund Wolf. Der jüdisch-nationale Verein „Tvria“ in Lemberg ersucht uns um Veröffentlichung folgender Zeilen : Auf dem TU. Baseler Congresse wurde vom Referenten des Agitations - Ausschusses Herrn Buhe r als ein ausgezeichnete* Mittel für die zionistische Agitation die Veranstaltung dramatischer Vorstellungen bezeichnet und demgemäss auch beantragt, solche Vorstellungen zu unterstützen. (Stenographisches Protokoll des Ul. Baseler Congresses, Seite 192.) Nunmehr hat der jüdisch-nationale Handelsgohilfen- Verein -Ivri“ in seinen Vereinslocalitäten eine Bühne für solche Vorstellungen eingerichtet, auf der bereits vier Vorstellungen gegeben wurden, die sich des grössten Erfolges erfreuten. Leider aber mangelt es der Bühne an geeigneten Stücken, welche im zionistischen Sinne wirksam wären. Wir wenden uns daher an alle Gesinnungsgenossen mit der Bitte, uns solche Stücke bekanntzugeben. An die Herren Studierenden! Der gefertigte Ausschuss der Musikervereinlgung ,.Harfe“ wendet sich diesesmal an die Herren Studenten zionistischer Gesinnung, nach lern er trotz Anzeige in vier Blättern jüdischer Interessen auch nicht eine Antwort von Seiten des jüdischen Puhlicums erhalten hat. Es handelt sich nämlich um den Beitritt eines Mitgliedes, durch das die Cellistenstelle in der ..Harfe" besetzt wird, und es weist der gefertigte Ausschuss darauf hin, dass durch die Vacänz die-er Stelle die Thätigkeit eines Vereine*, der sich die Pflege der jüdischen Musik zur Aufgabe gemacht hat, geradezu gelähmt ist. Wir glauben, dass wir in unserem Falle es mit jener bekannten bedauernswerten Lethargie des Judenthums auf dem Gebiete, einer jiuli*ch-nationalen Bethätigung zu thun haben, sind aber auch überzeugt, dass uns, wenn wir eine deutsch-liberale Vereinigung wären, der ganze Assimilationshaufen in Oesterreich gestützt und gehoben hätte. Wir wenden uns daher an die nationale Studentenschaft, die nicht minder in ihrem wie in unserem Interesse handelt, wenn sie an unserem Werke mithilfe. Der Ausschuss der Musikervereinigung „Harfe“. Für denselben der . Vicepräses stud. med. Hugo Alt. I.. Lazzenhof 1, Wir machen alle Vertrauensmänner» Vereine, Korporationen darauf aufmerksam, dass alle für die „Mittheilungen des bestimmten Einsqnriungen (Verein snachrichtenetc.) ausdrücklich an das „Secretariat des Zionisten-Congresses“, Wien, IX., Törkens r. 9, zu adressieren sind. Spenden für zionistische Zwecke. Elktine und Moses Leit ner anläslich der Verlobung des Herrn Jac. Leitner mit Fräulein Martha Fabian aus Berlin statt Telegramm . . . . ... 0.30 Weltchronik. Eine Ritualmord-Affaire gelangte kürzlich vor dem Gerichtshöfe der Stadt Perejaszlawl. Gouvernement Poltawa, zur Verhandlung. Der „Sederny Kraj“ berichtet hierüber folgende interes*ante Einzelheiten: Im Monate Mai 1897 schickten die Eheleute Belischin inPerejaszlawl ihr vierjähriges Kind mit dem Dienstmädchen spazieren. Nach einigen Stunden kehrte das Dienstmädchen ohne das Kind in höchster Aufregung zurück. Das Mädchen gab an, eine Freundin namens Iwanowa sei ihr begegnet, habe sie unter irgend einem Vorwände in ein Haus ge*chickt und das Kind hei sich zurückbehalten. Als sie zurückkehrte, sei die Iwanowa sammt dem Kinde verschwunden gewesen. Die besorgten Eltern erstatteten sofort die Anzeige, und es gelang der Polizei alsbald, die Iwanowa ausfindig zu machen. Sie stand auf einer Brücke und hielt Kinderkleider in der Hand. Auf die Frage des Polizisten, woher sie denn die Kleiderchen habe, konnte die Iwanowa anfangs keine klare Auskunft gehen, sondern schwatzte in sichtlicher Verwirrung das unsinnigste Zeug zusammen. Sehlies*liGh rückte sie, in die Enge getrieben, mit der Eröffnung heran*, die Juden hätten ihr das Kind der Belischins für 10 Rubel abgekauft, es für das Osterfest rituell ges hächtet und ihr dann die Kleider geschenkt. Die Iwanowa gab auch die Oertlichkeit an, wo die Juden das Kind angeblich gemordet hatten. In der That fand sich an dem bezeichneten Orte der Leichnam des Kindes. Glücklicherweise gelang es jedoch demjenigen Juden, den die Iwanowa als den Thäter bezeichnet hatte, sein Alibi in unzweifelhafter Weise darzuthun. Auch ergab der Befund an der Leiche, dass das Kind nicht geschachtet, sondern erwürgt worden war. Nun wurde die Iwanowa hart ins Gebet genommen, wusste jedoch durch falsche, irreführende Angaben den Untersuchungsrichter l1/, Jahre lang hinzuhalten. Endlich klärte sich der wahre Sachverhalt auf. Die Iwanowa hatte zur Zeit des Mordes einen Geliebten, der in Moskau bedien stet war. Den wollte sie nun besuchen, und da ihr das Reisegeld fehlte, entlockte sie dem Dienstboten der Belischins das Kind, gieng mit demselben in einen nahegelegenen Wald, zog es splitternackt aus und wollte mit den Kleidern in die Stadt entlaufen, um sie zu verkaufen. Allein das Kind schrie aus Leibeskräften und lief der Iwanowa nach. Diese formte, kurz entschlossen, aus ihrem schmalen Gürtel eine Schlinge, warf sie dem armen Kinde um den Hals und erwürgte es. In der Schlussverhandlung, die vor kurzem stattfand, verurtheilte der Gerichtshof die Iwanowa mit Rücksicht auf ihre Minderjährigkeit zu 8 Jahren Gefängnis. Eine Entscheidung des Petersburger Senates. Der Petersburger Senat hat dieser Tage eine Entscheidung in einer jüdischen Angelegenheit getroffen, welche für die Stellung der akademisch gebildeten Juden in Russland von grosser Bedeutung sein dürfte. Ein jüdischer Arzt namens Grünneur, der im letzten russisch-türkischen Kriege als Regimentsarzt das Grosski euz, die höchste russische Auszeichnung für militärische Tapferkeit, erhielt, hat die Adelsversammlung