Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 51 (22.12.1899)
- Article
- Berliner Brief
- Date
- 1899-12-22
- Page
- 5 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 51 Seite 5 „Die H Welt*4 führlich besprochen. Nossig legt von der grossen Vielseitigkeit jüdischen Talents eine bemerkenswerte Probe ab. Hoffen wir, dass er auf dem begonnenen Wege fortschreitet. Der Gedenktag eines anderen begeisterten Streiters für das Schöne, der nicht dem Worte nach, aber stets im Herzen ein Jude blieb, ist spurlos vorübergegangen. Das Missgeschick, das den Dichter im Leben begleitete, verlässt Heinrich Heine auch im Tode nicht. Die neueste Heineforschung hat seinen Geburtstag auf den 13. December 1797 zurückdatiert, und so kommt er um seine Hundertjahr- Feier. Die Zeitungen begnügten sich mit recht kurzen Aufsätzen. und als einziges Zeichen der Verehrung wurde von einem unbekanntem Spender eine Steintafel an dem Hause in der Taubenstrasse angebracht, wo der Sänger der Loreley voreinst gewohnt. Aber hätte man etwa einen todten Juden mit einer öffentlichen Feier ehren sollen? O nein! denn es ist gekommen, wie er so treffend prophezeit : ,,lch sehe Zeiten voraus, dass viele Töchter gebildeter Stände an der Spree, wo nicht gar an der Alster, über mein armes Gedicht die mehr oder minder gebogene Nase rümpfen!" Wie mag der grosse Spötter von droben auf die Epigonen vergnügtmitleidig herabsehen, die sich bemühen, seinen Namen auszukratzen, den Namen, den er mit diamantenem Griffel in die ehernen Tafeln der Geschichte eingetragen! Wenn er droben aus Schneegewölk herabschaut auf das undankbare Heimatland, dann wir 1 er sagen: „Glatte Herren, glatte Frauen, Lachend auf Euch niederschauen —F. Der Zionismus der jüdischen Frauen. Rede von Frau Professor Gnttheil, gehalten in der Versammlung der jüdischen Frauen vereine zu Philadelphia. Noch nicht lange ist es Imr, dass Max Nord au die Worte Nelsons auf die Zionisten an wandte. Israel erwartet, dacrs jedermann seine Schuldigkeit thut! Tn dieser grossen und alten jüdischen Gemeinde der Neuen Welt ist es nothwendig. dass vom Zionismus so viel und so oft als möglich gesprochen werde, und ich bin hier, davon zu reden, weil die Pflicht es von mir verlangt. Unser Verein muss die jüdischen Frauen für alles interessieren, was jüdisch ist, und es mag hier nicht unerwähnt bleiben, dass es nach Jahren das erstemal ist, wo es in Ihrem Vereine officiell ausgesprochen wird, dass sich auch die jüdischen Frauen für den Zionismus interessieren sollten. Im voriger» Jahre noch, in Baltimore, war man anderer Ansicht. Sie gehen den Beweis von der Richtigkeit des Sprichwortes: Prüfet alles und behaltet das Beste. Die Frage, welche heute die Juden der ganzen Welt am meisten beschäftigt, ist zweifelsohne jene, welche der Zionismus behandelt. Und in der That, nehmen wir das Judenthum als Ganzes, so i°t die Frage die wichtigste, oh und wer von seinen Angehörigen sich zum Zionismus bekennen will oder nicht. Es ist eine Frage der Existenz des Judenthums, die wir als Juden lösen müssen, ein heiliges Vermächtnis so mancher verflossenen Generation. Man macht uns Zionisten einen Vorwimf daraus, dass wir im Namen der ganzen Judenheit sprechen, dass wir den Baseler Congress einen oder richtiger den jüdischen Congress nannten. Vom individuellen Standpunkte betrachtet, hat das vielleicht einige Berechtigung, denn leider repräsentieren wir noch nicht alle Juden. Verglichen mit allen Juden der Erde, ist unsere Zahl klein zu nennen. Es gibt Gegenden in der Diaspora, wo man von unserer Arbeit kaum etwas weiss. Aber der Vorwurf ist völlig unbegründet mit Bezug auf das Judenthum als Glaubensgemeinschaft, als eine religiöse Organisation. Denket nur einmal nach, wie der Zionismus einem rother Faden gleich sich durch unsere ganze Geschichte zieht, wie die Worte unserer Propheten und Psalmen, unserer Gelehrten und Prediger von einem zionistischen Geiste durchtränkt sind. Wie in unseren altehrwürdigen Gebeten unaufhörlich von Zion und der Rückkehr in das Land unseres Glaubens gesprochen wird. Denket daran, wie unsere Vorfahren von Ort zu Ort wanderten, wie ihre Schritte sich beflügelten ob der Hoffnung, und dann sagt mir, ob nicht der Zionismus die mächtigste jüdische Bewegung ist, von der die Geschichte zu erzählen weiss! Nehmt dem Judenthum dieses Ideal, und Ihr raubt ihm seine Lebenskraft; nehmt ihm die Hoffnung auf Zion, und alles, was am Juden thum hängt, zerfällt zu Staub, wie ein lebloser Körper. Vielleicht gelingt es Ihnen, hierzulande ein neues Juden thum zu gründen. Aber es wird wenig Verwandtschaft haben mit Israels Vergangenheit und keine grosse Hoffnung für die Zukunft. Jenes Judenfbum. das an die Vergangenheit anknüpft, kann nur das zionistische Judenfbum sein, und deshalb habe ich ein Recht, im Namen dieses Judenthums zu sprechen. Jawohl, der jüdische Congress war's in Basel: alle Parteien und Richtungen des Judmthums waren dort vertreten. Aus jedem Winkel des Erdenrunds, aus Europa, Asien, Afrika und Amerika kamen Delegierte nach Basel. Ein wahres Ep rach gern enge herrschte dort, das nur zu deutlich zeigte, wie sehr sich das jüdische Volk in der Zerstreuung differenziert hat. Aber gerade das bewies die Universalität des Congresses. Es war weder eine Versammlung von Orthodoxen, noch eine solche von Reformern, sondern eine Versammlung aller guten Juden. Man hat viel von den stürmischen Auftritten gesprochen, ja. dass sogar unter Mitgliedern der gleichen Delegation verschiedene Ansichten herrschten. Aber gerade, darin zeigt sich die Tiefe des zionistischen Gedankens. Es ist das nur ein lebendiger Beweis dafür, dass eine Stagnation niemals ein treten kann. Aber dieser jüdische Congress wies auch einen gewissen Zug auf. der uns jüdische. Frauen in erster Linie angeht. Ein durchaus gesunder und demokratischer Zug war es: wir Frauen hatten Sitz und Stimme auf diesem C o n g r e s s e, wir waren als vollwertige Mitglieder desselben anerkannt. Es war daher mein eifrigstes Bestreben, zu beobachten, welchen Platz die indischen Frauen- und Mädchenvereine in der zionistischen Bewegung einnehmen. Es handelt sich übrigens auch gar nicht darum, ob die Frauen ein Recht dazu besitzen oder nicht. Ich glaube, in einer solchen Bewegung hat jeder sein Th eil Arbeit zugemessen. In der sich immer mehr erweiternden Sphäre, die das zu Ende gehende Jahrhundert den Frauen eröffnet hat, wird sich die richtige Grenze schon finden lassen. Wo immer sie aber auch sein mag, es wird der Einfluss der jüdischen Frauen in dieser Aera der Wiedererweckung von höchster Wichtigkeit sein. Ich wünschte. Sie könnten sich von der Arbeitsleistung unserer New-Yorker Mädchenvereine überzeugen! Ich gehöre verschiedenen an, und die Freude und der Eifer, welche diese jungen Mädchen, deren Tage durchaus nicht mit Nichtsthun ausgefüllt sind, beseelen, sind wahrhaft herzerquickend. Der wahrhaft jüdische Geist, der sie beseelt, die Bereitwiligkeit, für ihr Volk und ihren Glauben zu arbeiten, ihr Interesse an geistiger Arbeit, abgesehen von Wohlthätigkeit. sind ein köstlicher Ausblick auf die Zukunft Stets war die jüdische Frau die Erhalterin des jüdischen Hauses. Nicht einer jeden von uns ist es gegeben, sich mit Öffentlichen und derart gigantischen Fragen zu beschäftigen, wie die Leiter der zionistischen Bewegung sie zu lösen beabsichtigen. Aber insoweit, als es sich um die Ausbreitung des jüdischen Geistes handelt, insoweit wir unseren Kindern die Liehe zu unserem alten Glauben einimpfen, insoweit wir die Lu ff unserer Häuser mit religiösem Geiste und jüdischer Hoffnung erfüllen, ist unsere Arbeit nicht weniger bedeutend, nicht weniger erhaben, als die der Männer. Wie viele und grosse jüdische Frauengestalten sprechen nicht aus der Vergangenheit zu uns! Und dass das jüdische Frauenherz auch heute noch nicht erstorben ist für höheres Gefühl, davon hatte ich in Basel die verschiedentlichsten Beweise erhalten. Ich habe die religiöse Seite des Zionismus berührt. Man hat eingewandt, dass manche unserer Führer sich dem religiösen Judenthume gegenüber passiv verhalten. Die so sprechen, vergessen zweierlei. Zuerst, dass bei einer Bewegung wie der unseren, viele politische Fragen zu entscheiden sind, ehe die religiöse Seite berührt werden kann. Jüdische Religion ist nur möglich bei jüdischem Leben, jüdisches Leben hinwiederum nur in einem gesicherten jüdischen Hause. Sollten wir nun nicht dem Schicksale danken, dass sich Männer fanden, die ihre ganze Kraft, ihre ganze Persönlichkeit einsetzen für die Erfüllung dieser fundamentalen Forderungen?! Aber unsere Kritiker vergessen auch, dass, wie auch immer die Privatansicht einzelner der Führer sei, die wahre Gesinnung des jüdischen Volkes, wie sie auf dem (Kongresse zutage getreten, keinen Augenblick in Zweifel gezogen werden kann. Der Enthusiasmus, mit dem die wiederholte Erklärung aufgenommen wurde, dass der Zionismus nichts beabsichtigt, was die religiösen Gefühle verletzen könnte, beweist, wie durchaus religiös diese Gefühle sind, die der zionistischen Bewegung zugrunde liegen. Und wie