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Die Welt · 1899-12-22 · 51 (22.12.1899) · p. 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
51 (22.12.1899)
Article
[Ohne Titel] / Rosenberger, Erwin
Date
1899-12-22
Page
4 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 51 Seife 4 „Die 2$s Welt“ ihres Hasses gegen die Juden. Wenn man jemandem eine Wunde geschlagen hat, so hasst man ihn noch überdies. Man weiss, oder man vermuthet, dass man von dem Verletzten, den die Wunde oder Narbe brennt, gehasst wird, und ist ihm darob gram. Man wittert in ihm Hass und Rachlust und wappnet sich mit Gegenhass. — So ist ja auch andererseits Anti-Eros nicht nur, wie die Mythe berichtet, der Bruder des Eros, sondern oft und oft dessen leiblicher Solm. Zuneigung zeugt Gegenneigung — Und je tiefer man die Wunde schlug, mit desto feindlicherem Grimme lauscht man und lauert man auf Widerhass. Der Groll des Schlagenden gegen die Geschlagenen ist ebenso abgründig oder seicht wie deren Wunde. — Werden die Völker den Juden jemals die Scheiterhaufen verzeihen, auf denen die Juden von Zeit zu Zeit verbrannt wurden? * * * Wunde — Rachsucht im Wundfieber — Gegenhass des Schlagenden: das Sprüchlein klingt fast glaubhaft. Aber ist der Judenhass der Völker wirklich solcher Gegenhass? Mit „Wunde“ hebt das Sprüchlein an. Doch woher, warum die Wunde? Was war das für Hass, der die Völker liiess, den Juden die erste Wunde zu schlagen? Man schlägt doch — für gewöhnlich — nur deshalb Wunden, weil man hasst. Woher kam den Völkern der Hass, welcher der ersten Judenwunde voran gieng? Die Völker hassen, weil sie verwundet haben, und sie haben verwundet, weil sie gehasst haben; — ein betrübend leerer „circulus vitiosus“! — Wer sagt uns, wo der Anfangspunkt eines Kreises ist?? Erwin Rosenberger. Berliner Brief. Es ist doch wahr, dass die Völker sich ihre Götter nach eigenen Idealen schaffen. Das beweisen uns, den bislang noch am Theorem Zweifelnden, unsere deutschen Antisemiten. Es ist nämlich unter ihnen ein blutiger Zwist ausgebrochen, der leicht ernstere Folgen haben kann. Man beabsichtigt, den Wotansdienst wieder einzuführen, an Bismarck-Säulen und in Westfalens Eichenhainen dem Donnergotte Thor zu huldigen und statt des Weihnachtsbaumes die Mispel wieder zu Ehren zu bringen. Letztere Idee ist gewiss wegen des in England damit verbundenen hübschen Brauches zu loben und wird gerne von der Jugend acceptiert werden. Aber auch den anderen Vorschlägen muss man Beifall zollen. Consequenz ist eine Männertugend, und was sollten die teuf sehen Männer Liebermann v. Sonnenberg. Bachler und Ahlwardt machen, wenn sie — ihres guten Wandels halber — in den Himmel kommen und sich vor verklärten Gestalten beugen sollen, die unbegreiflicherweise hienieden als Juden lebten. Nimmermehr. Lieber mit den Einheriern Meth zechen. Oder auch Schnaps, cler dort sicher noch billiger ist, als im lieben Arnswalde, wo Ahlwardt ihn seinen Wählern zu 8 Pfennig den Liter verspricht, sobald er Reichskanzler geworden sein wird. In den Provinzen wird jetzt, mit Beginn der Wintercampagne, die zionistische Agitation wieder rege. Ein Comit6, für Baden und die Rheinpfalz hat sich constituiert, unter dessen Aufruf sehr angesehene Namen zu finden sind. Im Rheinland, in Hannover haben grössere Versammlungen stattgefunden und selbst im Königreiche? Sachsen kommt die Bewegung in Fluss, ln Dresden fand jüngst der erste öffentliche Vortrag über den Zionismus statt, und der Erfolg war ein über alles Erwarten günstiger. Sogar ein hebräischer Sprachcursus konnte dort schon eingeführt werden. Der Böden ist fast an allen Orten zur Bearbeitung geeignet, nur ist meist ein erheblicher Mangel an Personen, welche sich zur dauernden Leitung der Ortsgruppen eignen. Dem abzuhelfen, wird die erste Aufgabe junger Organisationen sein. Es dürfen absolut nur solche Persönlichkeiten zu Vertrauensmännern ernannt werden welche mit den örtlichen Verhältnissen genau vertraut sind, oder wenigstens längere Zeit am Orte zu bleiben beabsichtigen. Der Wechsel in der Leitung ist fast stets verhängnisvoll. Die Veranstaltung von Chanukah-Feiern wird immer allgemeiner. Die der Frankfurter Ortsgruppe hatte einen überaus erfreulichen Verlauf und wurde auch in der Presse rühmlich besprochen. In Berlin gebürt der Ruhm einer wohl gelungenen Makkabäer-Feier der Vereinigung jüdischer Studierender. Fast 600 Personen betheiligten sich an dem Festcommers, während dessen eine ganze Reihe nationaler Reden mit grosser Begeisterung gehalten wurden. Es ist doch ein eigenes Ding um jene unscheinbaren Lichtchen, die auf dem viel arm i gen Leuchter brennen. Sind sie ein Symbol der Gluten, in denen man die Söhne der Makkabäerin verbrannte? Oder die Siegesfeuer, die Israel aut den Bergen entzündete? Oder inahnt ihr Rauch an jene furchtbaren Fanale, die, unterhalten mit den Leibern unserer Väter, grausig die mittelalterliche Nacht durchleuchteten? Merkwürdiges Volk, das nur in der Vergangenheit lebt und keine Zukunft kennt, keine Hoffnung! Das keine irdische, nur eine geistige Heimat hat das Freudenfeste nur feiert, weil es fernen Vorfahren glücklich ergieng. aber der Enkel nicht gedenkt. Und nun kommen Leute; denen das Chanukalicht nicht klein, nicht als Symbol erscheint des Vergangenen, sondern wie jene Feuersäule, die uns durch die Wüste geführt nach Kanaan — und man steht ungläubig uncl befeindet die ehrlichsten Freunde ihres Volkes, als wären sie niedrige Verräther. Und doch schenken sie uns das Schönste im Leben: die gläubige Hoffnung. Man macht den Juden wohl mit Unrecht den Vorwurf, dass sie auf künstlerischem Gebiete unproductiv geblieben seien. Eine originale Kunst kann eben nur entstehen auf nationalem Boden und wenn die Möglichkeit freier Bethätigung gegeben ist. Beides fehlte dem Juden im Ghetto. Und wenn man gewöhnt ist, die gesammte Müsse mit transcendentalen Betrachtungen zu verbringen, so verliert man die Freude an der Formengestaltung. Der Künstler muss jeden Pulsschlag, der durch den grossen Menschheitskörper geht, wärmend mitempfinden, sonst vermag er nicht zu schaffen. Um so freudiger begrüssen wir heute einen jeden, der wahres Künstlerthum besitzt, besonders wenn er dabei Gelegenheit sucht, sein Judenthum zu betonen. Die Novembernurnmer der „Deutschen Kunst und Decoration" enthält eine Reihe ganz besonders wohlgelungener Entwürfe zu Bücherzeichen, sogenannten „ex libris" von E. M. Lilien, der 1874 in Galizien geboren ist und dort seine Ausbildung erhielt. Am interessantesten ist der Entwurf für die eigene Bibliothek. Auf einer Ebene, am Rand eines Teichs, steht ein lesendes Weib, von prachtvollem Haar umwellt. Zu ihren Füssen ranken sich stilisierte Rosen. Die Umschrift ist hebräisch verfasst und lautet: Aus den Büchern des Ephraim Moses Lilien, des Sohnes Jacobs Lilien. „Dem Reinen ist alles rein.'' Von vornehmer künstlerischer Wirkung ist auch ein Medaillon Max Nordaus, das hier vervielfältigt wird. Der Urheber ist unser Gesinnungsgenosse Alfred N o s s i g, dessen verdienstvolles Wirken auf schriftstellerischem Gebiete allbekannt ist. Die bildhauerische Begabung ist jedenfalls nicht geringer. Zahlreiche Vorwürfe aus rein jüdischem Gedankenkreise hat Nossig plastisch gestaltet, stets mit grosser Wärme der Empfindung und vorzüglicher Technik. Sein „Makkabäer, die Götzenbilder stürzend“, der „Jüdische Ringer“, endlich der „Ewige Jude" erregten in Paris lebhafte Bewunderung und wurden seinerzeit im „Flambeau" aus-

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