Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 50 (15.12.1899)
- Article
- Der Talmudbauer
- Date
- 1899-12-15
- Page
- 15 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 50 „Die Welt* 8Ms; 15 Chajim veriiess ,, -.die ÖJube betätigt .und .müde in .allen GUedern, •’ Was war es, das ihn so niederdrüekte? Bläu hatte ihm eine Partie angetragen. Nun, das'war doch in Jerusalem häufig genug geschehen, es entsprach dem Brauche. Dort hatte es ihn gleichgilt ig gelassen; warum jetzt so verstört? — Eine tiefe, männliche Stimme tönte durch die Luft — stille Nacht war es -und der Mond schien hell. „1 kann net so liab daherreden, wiar a Junger.14 Also bei ihnen dort, bei Schönberger im. fernen Oesterreich, dem auch sein Vater , entstammte, dort reden die Jungen lieb daher zu den Mädchen ihrer Wahl. -7- Ihrer Wahl — dort wählten sie wirklich? Und der fünfzigjährige Schönberger, wie herzlich -wusste er zu sprechen l ^Gern wdll 1 Ihna haben wia der-. Jüngste, i will Ihna ’s Ranken mei ganzes Leben!“ Wor t für Wort hatte er sich die Rede gemerkt. Auch das Aufschluchzen der Frau BohdikofT, dieses' Weinen, in dem ein Jauchzen verborgen waR er hatte es nie vergessen/ Damals, dämäls hatte er zuiii erstenmale im Leben erfahren, dass zwischen Mann und Weib noch etwas Höheres webe, als der religiöse Act des Ehebundes, . Nun aber sollte er ein Mädchen werben, das ihm ganz gleich gütig war, -w erben, weil sie reich war, nur deshalb. „Chalüka/ schrie es in ihm auf' „Almosen! Geschenk! Bist Du deshalb ein Bauer geworden, ,um Dich weiter und immer tiefer zu verstricken? Das ist noch ärger als Almosen. — Du sollst Dich verkaufen! Im Talmud heisst es: „Wer ein Weib ihres Geldes wegen heiratet, bekommt ungerathene Kinder/“ Ihr, der Lena, konnte er es nicht sagen, das Hohe, Heilige, das er empfand und seinem Weibe bieten wollte; gesagt aber musste es sein, einmal in seinem Leben, wenn es Wert haben sollte für ihn. Diese Stunde der hohen Weihe musste er empfinden! Er suchte Mirjam, um mit ihr zu sprechen, fihr konnte er alles sagen, sie würde ihn verstehen und seine Zweifel lösen. Er musste nicht viel reden, sie wusste alles. Lena ist ein wackeres Mädchen, das ihm eine treue Hausfrau sein würde. Er käme in ein fertiges Gut, er würde ln ihrer Nähe leben und alles bliebe wie jetzt. „Aber ich habe nie daran gedacht, Lena zu heiraten.“ „Denken Sie vielleicht an eine andere?“ Dies frug sie stockend. „Auch — das — nicht/ Die Antwort war zögernd. Lena ist gross und stark, die rechte Colonistenfrau .und zu ihm passend von wegen der Statur, nicht so .klein und zart, wie sie zum Beispiel, die nie einem Kolonisten eine rechte Stütze sein würde. Chajim sah nun vom Boden auf nach dem Mädchen, das ihm so theuer geworden war. Er überlegte eine Weile. Welchen Weg war er gegangen, seit er sie zum erstenmale gesehen hatte. Damals schien sie ihm die Sünde — und heute — heute war sie ihm die Erlösung, das Glück. Freilich, heiraten konnte er sie nicht, er .besass ja nichts auf Erden als seine kräftigen Arme, und ihr Vater hatte noch Jahre harter Arbeit vor sich, ehe er sein Gütchen schuldenfrei bekam. Sie standen unterm Taubenschlag. Es rauschte in den Lüften. Mirjam schaute auf. Ein Sperber kam geflogen, die armen Tauben flüchten. Wie sie das Antlitz hob. sah er ihr in die Augen; sie schimmerten feucht. Er frug nach ihrem Schmerz, sie senkte das Haupt. Und er sah, dass sie leise weinte. Da beugte er sich über sie uhd wieder blickte sie auf mit einem flehenden Blick — der da sagen wollte; „Geh, ich bitte Dich, geh / Er aber fühlte ihren Athem und war wie gebannt. Sein grosser, starker Körper kam ins Zittern, dass er sich an das zarte kleine Mädchen klammern musste. Als er sie hielt, da sank sie an seine breite Brust und sie scluchzte nun laut auf. Er hörte jenen Ton'von satter Seligkeit im Weinen, der damals am Sabbathabend durch'die Lüfte gedrungen war, drüben in Rechobot. Und.er, er hatte noch gar kein Wort gesprochen! Da beeilte er sich, um ja jene schöne. Stunde nicht zu versäumen, nach der er sich so gesehnt hatte. Und er sprach. — — — Mirjam aber hörte auf zu weinen. Am Abend, da sassen sie beisammen im Hause Kattowitz und thaten so, als ob gar nichts so Wichtiges geschehen sei. Und doch war mancher Plan zerstört worden. Mirjam hätte leicht eine gute Partie machen können, sie hätte einen reichen Colonisten bekommen oder einen Beamten der Administration, aber es. war. Gottes lächickung* und darum stimmten sie schweigend zu.’ Vater Kattovyitz,, der seine Diplomatie so übel angebracht sah, versuchte durch Necke- -reienseine erste Verlegenheit und seine, .t^efe Rührung zu verbergen. Er suchte alle Sprüche äus dem Talmud zusammen, die zu Zugunsten dbr Frau sprechen. Chajim ' aber: wusste für jeden Tadel zwei Sprüche des Lobes. :; r „Die Weiber haben lange Kleider, und kurzen Sinn,“ sagte der Vater. ' „Ehre Deine Frau, sie ist es, die den Segen Gottes in Dein Haus bringt“ entgegnete ihm Chajim. ■Nun kam grobes^Geschütz. . „&ehn Mass Schwatzhaftigkeit sind der Welt gegeben; neun davon haben die Frauen für sich genommen“ - - Auch da wusste der glückliche Jüngling;eine' ^Entgegnung. : ■ . ' „Wer keine- Frau hat, hat nichts Gutes, weder Freude noch Segen, weder Stütze noch Frieden/ Gerne gab sich Kattowrtz geschlagen. Er schaute dankbaren Bliekes zu seirier Frau hinüber, am die: Mirjam sich geschmiegt hatte. Eine hohe Ergriffenheit lag 4iber ihrem kleinen Gesichte. Die Augen blickten weit,, wie in eine unbekannte Ferne. Um die zarten Lippen zückte es wie in leisem Schmerz. - Chajim sah fragend nach ihr. Sie schüttelte das Köpfchen und stand auf. „Ich habe einen Augenblick lang an die Arbeit gedacht, die unserer, rdie Deiner harrt. Aber es wird.gehen. Wir können nichts Besseres verlangen, als ein redliches ColoniStenpaär zu werden auf der heimatlichen Scholle des heiligen Landes. Man wird Vertrauen haben zu uns-und uns Geld und Boden zur Verfügung stellen.“ Chajims Gesicht überflog ein Schatten. „Wieder Woh! - thaten, wieder Geschenke / „Nein, hur Darlehen/ entgegnete Mirjam sanft. „Es ist eine Wohl that, aber die letzte, die die Reichen unseres Volkes ihren Brüdern uncl Schwestern bieten können. Es ist jene Wohlthat, die alles Almosen in Israel ausrotten soll.../ i Die ganze Familie zog an diesem Abend durch die Cöionie, dem neuen Sohne das Geleite zu. geben. Noch hatte man niemandem von der Verlobung erzählt, es sollte;auch keine gefeiert werden, bis nicht Rabbi Jo ine in Jerusalem seine Zustimmung gegeben hatte. Es lag ein stiller Friede, die Weihe innigen Glückes über den Menschen, die nun am Abhange des Hügels standen und sich mit verhaltenen Thränen umarmten. Plötzlich schraken sie zusammen.' „Hedad Mirjam und Chajim! Masel tow das Brautpaar!“ scholl es aus der Höhe. „Hedad das neue Colonisten - paar!“ Das tönte vom hohen Eucalyptusbaum herunter. „Ein seltsamer Vogel!“ scherzte der Vater. „Ich werde Oberknecht bei Heb Chajim und bei der schönen Mirjam! Hedad!“ Es war der Waisenknabe aus Rumänien, der ihr Glück, das seines war, in alle. Lüfte schrie. * * * Am Tage nach dem Versöhnungsfeste fuhr ' Vater Kaitowitz mit dem jungen Brautpare nach Jerusalem. Mirjam hatte einen Korb angefüllt mit den Erzeugnissen ihres Bodens: trockene Trauben und Traubengelde, frische Früchte und Früchte in Zucker, candierte Orangenschalen und Citronat, frische Butter, in saftige Blätter gepackt, Honig in den Waben, Eier, Tauben, Hühner. Chajim hatte in dem Garten von Rischon einen Etlirog und einen Palmwedel erstanden, Myrthe und Weide #dazu gebunden, um dem Vater für das Laubhüttenfest eine willkommene Gabe zubieten. Der Waisenknabe aus Rumänien, festlich gekleidet in eine wirkliche Hose, seiner Grösse entsprechend, in der ein farbiges Hemd stak, das ein Ledergürtel hielt, reichte die Körbe in den Eisenbahnwagen. Sein Gesicht strahlte vor Wonne. Er gab Rathschläge und that sehr wichtig. Als Mirjam in dichte weisse Schleier gehüllt, neben Chajinl sass, flüsterte er ihr zu: „Weisst Dü, wie mir ist? Als ob wir zweitausend Jahre verschlafen hätten. Wir, die Bauern aus Judäa, fahren mit Opfergaben nach Jerusalem in das grosse Heiligthum und führen in Körben den „zweiten ‘Zehent“ mit, der nur in Jerusalem verzehrt werden därf/ „Oder die Früchte des vierten Fruchtjahres, des Jahres nach der Orlah, die auch in Jerusalem genossen,; werden sollten, oder, wenn es zu weit war, ihr Wert in gutem Gel de,“ warf Vater Kattowitz ein, der es auch jetzt nicht unterlassen konnte, seine Talmudkenntnis zu beweisen. „Aber wer weiss. ob es gestattet war, zu solch einer heiligen Verriöhtuhg mit der Eisenbahn zu fahren?“ fügte er hinzu. Er hatte, grosse Lust, diese Frage pilpulistisch auszufechten. Aber Chajim war heute kein kampflustiger Gegner. (Schluss folgt.) Den Inserenten diene zur Nachricht, dass die Järgon- Ausgabe der „Welt“ in ausserordentlich grosser* Auflage erscheinen und nach allen fünf Welttheilen gehen wird. - Bestellungen' müssen rechtzeitigeinlangen, um berücksichtigt werden -zu können. / >'