Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 50 (15.12.1899)
- Article
- Friedrich Nietzsche über das Judenthum
- Date
- 1899-12-15
- Page
- 14 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 14 „Die p er sich: die Züchtung einer neuen, über .^Europa legierenden Kaste. Man sieht hieraus, dass auch Nietzsche der Sohri4 seiner Zeit und der unfreiwillige Erbe ihrer Vorurtheilö war. die er gänzlich zerstört zu haben glaubte; in einem Punkte blieb er ihnen jedoch treu: in dem der Judenfrage. Was er uns nicht verzeihen kann, ist: der Sclävenaufstand in der Moral, womit er übrigens an „die Sendung Mosis“ anklingt; Aber das Freiheitsstreben eines Volkes, das Verlangen des Sclaven, die Fesseln’ zu brechen.' ist gerade der stärkste v Beweis gegen seine SclavennaturY das ist ein Körrig im; B.ettlerge wände. Wer aber hat uns das Bettlergewand aufgezwungen, wenn nicht unsere lieben Nachbarn. Wenn das Schicksal nach der Meinung eines grossen zeitgenössischen Weisen dasjenige ist, was uns begrenzt, so waren und sind . es noch jetzt die Völker für uns, aber kein Schicksal der Freude (denn es gibt kein solches), sondern : der Leiden. Karamsin nannte einmal die Geschichte Russlands das Eigenthum der russischen Despoten. So könnte man mit vollem Rechte die Juden das Eigenthum der Menschheit nennen, die aufgesehlagene lebendige Weltgeschichte selber, worin jene ihre Tugenden und Sünden verzeichnet. Unstreitig originell ist Nietzsches Eintheilung der bedeutendsten Culturvölker in zeugende und sich befruchten lassende, zu welcher ersteren Gattung die Juden gehören. Wer wird es leugnen, dass die Juden das Ferment des höheren Gedankens in die Welt ausgestreut haben? Dass dieser Gährungsprocess noch lange nicht zu Ende ist, dass Europa seine Noth hat und wohl einige Zeit noch haben wird infolge seiner schwächeren Verdauungskräfte, um nur mit diesem geringen Quantum fertig zu werden, steht fest. Es ist richtig, dass das Judenthum seine Erhaltung dem „resoluten Glauben“ verdankt, der sich vor den „modernen Ideen“ nicht zu schämen braucht. Wohl könnte aber das Gegentheil stattfinden, und die modernen Ideen, oder was man für modern ausgibt, könnten sich vor jenem unvergänglichen Denkmale des menschlichen Sittengesetzes, vorder „Bibel“, schämen. — Es klingt wie bitterer Hohn, wenn Nietzsche die Juden eine Nation Aere perennius, eine Res nata im Gegensätze zu anderen Völkern, die etwas Junges, Werdendes, Leichtverschiebbares, noch keine Rasse sind, eine Res facta nennt, die einer Res facta et picfcä zum Verwechseln ähnlich sieht. Dass es aber gerade Nietzsche ist, der die vorübergehenden Assimilationsbestrebungen der Juden befürwortet und sie als eine Milderung der jüdischen Instincte betrachtet, ist am meisten zu verwundern und ist vielleicht auf seinen frommen Wunsch, die Juden, dtese stärkste und zäheste Rasse, im Interesse der schwächeren Arten zu diesen als regierende Kaste in Europa hineinzuzüchten, zurückzufiihren; Wie bei einzelnen Individuen, so gibt es auch bei Völkern nichts Betrübenderes, als wenn sie. ihre Eigenart den Nach; barvölkern abzubitten gezwungen;werden. Das beweist, dass sie ihrem Schicksale nicht gewachsen sind. Sogar bei Verbrechern berührt es peinlich, wenn sie ihre Handlungen zu verkleinern, zu verleugnen suchen, geschweige denn bei einer Nation, die ihr eigentliches Wesen, das ihr im Kampfe ums Dasein auf eine ehrliche Weise zum Siege verhilft und das sich vor der modernen Tugend nicht zu schämen braucht, aufgibt. Die Juden haben dies aber nie ernstlich "gewollt, weil man bei ihnen, von einzelnen Verräthern abgesehen, von nationalem Charakter sprechen könnte. Die Milderung der jüdischen Instincte (nicht der im Verkehre mit anderen Nationen erworbenen, sondern der ihnen als Rasse eigentümlichen, ihr eigentliches Wesen ausmaehenden)* die Nietzsche ihnen als Tugend anrechnet, ist eher ein Laster. Der Selbstmord eines Individuums oder eines Volkes .mag, vielleicht seiner,;.Umgebung erwünscht und von ihrem Standpunkte wohl gereehtfertigt sein. aber er ist esmur von Welt*' Nr. 50 ihrem Standpunkte. Es ist richtig, dass wir auf die Herrschaft, auf das Uebergewicht in Europa nicht hin arbeiten, weil wir es nicht könnep. und weil wir zufrieden sind, wenn man uns in Ruhe lässt. Wie. diese Minderheit, die nicht einmal Nation genannt wird und die höchstens die Kunst erworben hat, ihr Dasein mit „Wechseln und alten Hosen“ kümmerlich zu fristen, wäre wirklich so herrschsüchtig, der Freiheit der Nachbarvölker so gefährlich, wie „das Pferd seinem Reiter. Wenn es sich seiner physischen Ueberlegenheit bewusst wäre,“ wie unlängst ein hervorragender Schriftsteller seinem Interviewer geistreichelnd bemerkte? : Die Juden Sind sich ganz gut bewusst,; worin, ihre Kraft liegt, und wollen weder reiten, noch geritten werdeil; es ist vielleicht wahr, dass sie zum Reitpferde, herabgewürdigt wurden, darum geberden sie sich, wie Pegasus’ im Joche. Wehn aber'das Streben der Juden, zur Herrschaft zu gelangen, sich als nichts mehr als eine unschuldige Legende erweist, so. dürsten wirauch nicht mehr, „von Europa aufgesaugt zu werden“. Das Judenthum hat Jahrtausende hindurch mit Europa geliebäugelt: es hat den Nacken gebeugt, sich verleugnet, seinen Charakter entstellt, um die Neigung dieses spröden Weibes zu gewinnen. Ja, es war ihm Todesernst mit seiner Liebe, die es schier zum nationalen Selbstmorde getrieben. Nun ist der Liebesgram vorüber und das ernüchterte männliche Judenthum hat der Widerspenstigen Zähmung aufgegeben. Was uns aber am meisten noththut, ist: der heimatliche Boden, das Elternhaus, um von unseren traurigen Liebeserfahrungen auszuruhen. Der Talmudbauer. (Aus dem Leben der Juden in Paiästi na.) Von H. York-Steiner. (Fortsetzung.) Mirjam, die Gesprächige, war still und befangen. Auch das Mittagessen gieng ruhiger vorüber als sonst. Alle waren tief bewegt. Mari hatte den Gast liebgewonnen und fürchtete, dass er nun nach Beendigung der Arbeit wieder nach Jerusalem zurückkehren würde. Es war eine wohlthuende Abwechslung, j$den Freitag Nachmittag hinunterzuschauen bis ins Araberdorf, ob dort die Gestalt Chajims auftauche. Dann die geistige Regsamkeit am Sabbath. Man hatte soviel gelernt, einer vom anderen. Chajim, der die stille Weise seiner Mutter angenommen hatte, belebte trotzdem das ganze Haus — man wöllte sich gar nicht vorstellen, dass er je fehlen sollte. Nach dem Essen wusste Kattowitz es so einzurichten, dass er mit dem Gaste allein blieb. Dann gieng er gerade auf sein Ziel los. „Ich fühle es hart, Sie jemals zu vermissen. Sie werden sich auch in Jerusalem nicht mehr wohl fühlen. Wer einmal seine Suppe gegessen hat, . wenn er müde vom Weinberge heimkam, dem schmeckt keine andere. Sie sind auch im Alter, wo man ans Heiraten denken kann.“ Chajim wurde roth wie ein junges Mädchen. Sollte Kattowitz ihm seine Tochter an tragen? Nein. Zwischen Mirjam und ihm war nie ein Wort gefallen, das darauf hätte hindeuten können. Jetzt stand er ihr gegenüber wie einer Schwester, früher wie einem höheren Wesen, einem Lehrer, und noch früher — fast musste er lächeln. Es hätte ihn tief geschmerzt, wenn ein Dritter -- — Aber es war doch so Sitte in ganz Jerusalem. Die Eltern bestimmten Braut und Bräutigam. Er hörte denn ruhig zu. „ Wenn Sie ein Gut übernehmen, dann . wird es gedeihen, denn Sie haben jene innige Liebe zum Boden unserer Väter, die dazu gehört, ein guter Colöriist zu werden. Drüben unser Nachbar Israelowitz ist kränklich und sucht für seine Tochter einen tüchtigen Mann; Sie brauchen nur „ja“ zu sagen und Sie sitzen hinnen wenigen Monaten auf einer schuldenfreien Wirtschaft, denn die Familie gehört zu den wohlhabendsten im Orte. Das Mädchen ist stattlich und wacker.“ „Weiss, weiss sie davon?“ stammelte Chajim. „Wer, das Mädchen, die Lena?“ „Nein, unsere -- Ihre Tochter, die Mirjam.“ „Ich denke, sie ,wird es gemerkt haben. Üebrigens kennt sie die Lena seit Jahren; wenn Sie sich nach Ihrer künftigen Braut erkundigen wollen, fragen Sie nur'ruhig.“