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Die Welt · 1899-12-15 · 50 (15.12.1899) · p. 13

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
50 (15.12.1899)
Article
Drei jüdische Volksbibeln [Rezension]
Date
1899-12-15
Page
13 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 50 „Die # Welt“ Seite 13 den jüdischen Geist wieder in die Häuser tragen wird, von wo er durch die fast systematisch genährte Unwissenheit Vielfach entflohen ist. Freilich muss es auch, wie in England, erst „modern“ werden, bibelfest zu sein, und muss man in der Gesellschaft als ungebildet betrachtet werden, Vrenn man in den heiligen Schriften nicht ebenso Bescheid weiss, wie in den vaterländischen CLassikern. F. P. Feuilleton. Friedrich Nietzsche Uber das Judenthum. Von Norbert Kriegsmann. Von Jahrhundert zu Jahrhundert, scheint es, durchschreitet ein „Auserlesener“ mit der Fackel der Erkenntnis das Labyrinth der Weltgeschichte, und wenn er sich zufällig in das Ghetto der einst so grossen, aber jetzt so erniedrigten jüdischen Nation verirrt und an dem versteinerten Stück Weltgeschichte, vor diesem König Lear unter den undankbaren Völkerkindern Halt macht, beschleicht ihn eine unsägliche Wehmuth, umsomehr, wenn es ein Romantiker ist, ein Liebhaber von alt^hrwürdigen Burgruinen des Geistes (und eine solche ist das' Judenthum), ein bis in die Fingerspitzen radicaler Aristokrat vom Schlage * Friedrich Nietzsches, der jede Berührung mit der profanen Menge und ihren niedrigen Idealen des Hasses gründlich verabscheut. Dieselbe Empfindung mag der grosse Napoleon gehabt haben, als er die Ghettomauern in Frankfurt am Main mit Kanonen niederschiessen liess; allerdings die beste That, die er je in seinem Leben vollbracht. Diese Empfindung hat vielleicht ihren tieferen Grund in der grossen Geistern eigentümlichen Heldenverehrung: Nietzsches Geniecultus, Carlyles „Hero worship“, Napoleons Unterredung mit Goethe, den er „einen Mann“ nannte, mögen vielleicht darauf zurückzuführen sein. Es ist der Auserwählte, der bei aller Menschenverachtung nur seinesgleichen und dessen Daseinsberechtigung anerkennt; auf das Judenthum angewandt: das Genie, das den Hut zieht vor der genialen Nation und es als eine „Sünde wider den Geist“, als einen Dolchstich in die eigene Brust betrachtet, dass geistige Qualitäten noch lange nicht vor den Barbarenhänden des Pöbels schützen. Was uns Nietzsche über das Judenthum sagt, ist nicht neu, aber, uni mit Schopenhauer zu reden, „reichsunmittel har“, die reife Frucht des Nachdenkens eines ursprünglichen Denkers, der das Judenthum sub specie aeterr nitati's beurtheilt; es ist der Genius der Geschichte selber, der „nach der Rückkehr aus dem Auseinandersein zu sich selbst“ zu uns spricht. — Man höre z. B. was er von der Bibel sagt „Im jüdischen Alten Testament, dem Buche von der göttlichen Gerechtigkeit, gibt es Menschen, Dinge und Reden in einem so grossen Stile, dass das griechische und indische Schriftenthum ihm nichts zur Seite zu steilen hat. Man steht mit Schreken und Ehrfurcht vor diesen ungeheuren Ueberbleibseln dessen, was der Mensch einstmals war, und wird dabei über das alte Asien und sein vorgeschobenes Halbinselchen Europa, das durchaus gegen Asien den Fortschritt des Menschen bedeuten möchte, seine traurigen Gedanken haben. Der Geschmack am Alten Testament ist ein Prüfstein in Hinsicht auf „Gross“ und „Klein“. Das Neue Testament, ein Buch der Gnade, in dem viel von dem zärtlichen, dumpfen Betbrüder- und Kleinen-Seelen-Geruch, eine Art Rococo des Geschmackes in jedem Betrachte mit dem Alten Testament zu einem Buche zusammengeleimt zu haben als „Bibel“, als „Buch an sich“, das ist vielleicht die grösste Verwegenheit und Sünde, welche das literarische Europa auf dem Gewissen hat.“ Wenn er aber bei Besprechung der Bibel in Verzückung geräth, so erblickt er die Bedeutung des jüdischen Völkes in der Umkehrung der Werte, zu der es gehört, das Wort für „Arm“ als synonym mit „Heilig“ und „Freund“ zu brauchen, in jener Umkehrung, dank welcher das Leben auf der Erde für einige Jahrtausende einen neuen und gefährlichen Reiz erhalten hat, da ihre Propheten „reich“, „gottlos“, „böse“, „gewaltthätig“, „sinnlich“ in eins geschmolzen und zum erstenmale das Wort „Welt“ „zum Schaud worte gemünzt“ haben. Das ist die Ursache, warum er mit ihren Leistungen auf dem Gebiete der Moral unzufrieden ist. Umsomehr dagegen hebt er ihre hohe geistige Begabung hervor. Es gebe, meint er, zwei Arten des Genies: eins, welches zeugt und zeugen will, und ein anderes, welches sich gerne befruchten lässt und gebiert, und ebenso gehe es unter den genialen Völkern solche, denen das Weibsproblem der Schwangerschaft und die geringere Aufgabe des Gestalten s, Ausreifens, Vollendens zugefallen ist, wie z. B. die Griechen, und andere, welche befruchten müssen und Ursache neuer Ordnungen des Lebens werden, gleich den Juden und Römern — „Völker, gequält und entzückt von unbekannten Fiebern, verliebt und lüstern nach fremden Rassen“, na<di solchen, die sich befruchten lassen, und dabei „herrschsüchtig, wie alles, was voller Zeugekräfte sich und folglich von Gottesgnaden sich weiss“. Diese zwei Arten suchen sich, wie Mann und Weib, aber sie missverstehen einander, wie Mann und Weib. Den Juden verdanke Europa viel Gutes und Schlimmes, oder was vom Besten und Schlimmsten zugleich ist: den grossen Stil in der Moral, die ganze „Romantik der moralischen Fragwürdigkeiten“ und folglich den verfänglichsten Theil seiner Farben^piele und Verführungen zum Leben, in deren Nachschimmer heute der Himmel unserer europäischen Cultur glüht und .vielleicht verglüht. Die Artisten unter den Zuschauern und Philosophen sollen dafür den Juden dankbar sein. Auf den Antisemitismus zurückkommend, betont er, dass die Ablehnung desselben seitens der Vorsichtigen und Politischen sich nicht gegen die Gattung des Gefühles selbst,„ sondern gegen den schandbaren Ausdruck dieses unmässigen Gefühles richte. Aus dem Antisemitismus spreche deutlich -und klar derlnstinct eines Volkes, dessen Art noch schwach und unbestimmt ist, so dass sie leicht durch die stärkere Rasse ausgelöscht werden könnte. Die Juden seien aber die stärkste, zäheste und reinste Rasse, die jetzt in Europa lebt und die sich unter den schlimmsten Bedingungen durchzusetzen weiss vermöge irgendwelcher Tugenden, die man heute gerne „zu Lastern stempeln möchte“, dank ihrem resoluten Glauben, der sich vor modernen Ideen nicht zu schämen braucht. Wenn sie sich verändern, geschehe es nach dem Grundsätze „so langsam als möglich, als ein Reich, das Zeit hat und nicht von gestern ist. Ein Denker, dem die Zukunft Europas obliegt, werde mit den Juden rechnen, wie mit den Russen, als dem „zunächst sichersten und wahrscheinlichsten Factor im grossen Kampfe der Kräfte“. Was die Völker Nation nennen, sei etwas Junges, Werdendes, noch keine Rasse, geschweige denn ein solches Aere perenniüs, wie es die Judenart ist. Sie mögen sich vor jeder Concurrenz hüten, denn wenn die Juden wollten oder wenn man sie dazu zwänge, was die Antisemiten zu thun scheinen, könnten sie leicht die buchstäbliche Herrschaft über Europa haben. Darauf aber arbeiten sie nicht hin, sondern wünschen sogar mit einiger Zudringlichkeit, von Europa „aufgesaugt“ zu werden, und dürsten, irgendwo fest, erlaubt, geachtet zu sein und dem Nomadenleben ein Ende zu machen. Dieser Zug, der eine „Milderung der jüdischen Instincte“ ausdrückt, möge wohl beachtet werden. Man möge ihnen mit aller Vorsicht, mit Auswahl entgegen komm e n. Es sei evident, dass sich die stärkeren Typen des neuen Deutschthums mit ihnen einlassen könnten: z. B. der adelige Officier aus der Mark; es wäre von vielfachem Interesse, zu sehen, ob sich zu der erblichen Kunst des Befehlens und Gehorchens nicht das Genie des Geldes hinzuzüchten Hesse und etwas Geistigkeit, woran es der ersteren fehlt. So denke

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