Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 50 (15.12.1899)
- Article
- [Kommentar]
- Date
- 1899-12-15
- Page
- 12 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 12 Nr. 50 „Die H Welt“ Der in Montreal erscheinende „Wittness“ spricht sich sehr lobend über die nach dieser Stadt eingewanderten russischen Juden aus, die bereits über 3000 Seelen zahlen und einem ganzen Stadtteile ein völlig verändertes Aussehen gegeben haben. Sie zeichnen sich nach dem „Wittness“ durch ihre Arbeitsliebe, Nüchternheit, Redlichkeit im Handel und Wandel, sowie durch innere Religiosität aus. „Hameliz“ erörtert unter dem Titel „Die Literatur, und das Leben“ die Frage, ob die jüdische Literatur der Gegenwart in der That einen Spiegel des jüdischen Lebens bietet, und kommt zu einer verneinenden Antwort. Unter dem Titel „Die Christen und der Zionismus“ veröffentlicht „UEcho sioniste“ den Brief eines im Heiligen Lande wohnenden Christen. Der Schreiber sagt u. a.: „Möchten doch alle zionistischen Organe nur den einen Geist athmen: die Liebe zu Zion. Betrachten Sie mich als alten und wahren Freund Zions. Ich hatte das Glück, dem letzten Baseler Congresse beizuwohnen. Aber schon seit Jahren sympathisiere ich mit Ihrer heiligen Sache . . .“ Der Schreiber sendet gleichzeitig eine französische Uebersetzung des Liedes „Dort, wo die Ceder“. Der Akademiker I.J. Janszul tadelt in einem Artikel der russischen Zeitung „Sewerny Kurier“ die Stellung der Prager Studierenden und der österreichischen Antisemiten zu Professor Masaryk. In Nr. 203 bringt der „Kiewljanin“, die angesehenste Zeitung Kiews, den Anfang einer Serie von Artikeln über Zionismus und die zionistische Bewegung. Eine neue zionistische Zeitschrift in Russland. Mit dem 1. November a. St. hat in Petersburg eine neue zionistische Zeitschrift zu erscheinen begonnen, welche von den russischen anständigen Blättern als ernstes Organ bezeichnet wird. Die Zeitschrift, welche den Namen „Buduschznostj“ (Zukunft)führt und einmal wöchentlich erscheint, stellt sich die Aufgabe, die zionistische Bewegung unter den Juden Russlands zu leiten und die heran wachs ende jüdische Generation im Geiste der Liebe zu ihrem Volke und der Treue zu den Traditionen des Judenthums zu erziehen. In ihrem Progr amm- Artikel appelliert die „Buduschznostj“ an die jüdische Intelligenz Russlands, den jüdischen Volksmassen ihre ganze Aufmerksamkeit zuzuwenden und alle Mittel nicht unversucht zu lassen, um die Regeneration dieser Volksmassen herbeizuführen. Die Aufgabe der jüdischen Intelligenz, sagt das Blatt, müsse nun darin bestehen, die Nöthen des jüdischen Volkes, seine rechtliche Stellung, seine ökonomische Lage, sein geistiges Leben eingehend zu studieren, um-die jüdischen Volksmassen für ein neues, besseres Leben vorzubereiten. Die „Peterburgskija Wjedomosti“, das Blatt des Fürsten Ochtomskij, begrüsst das neue jüdische Pressorgan in äusserst sympathischen Worten. Bücherwelt. Drei jüdische Volksbibeln *). Es ist vielleicht mehr als ein blosser Zufall, dass gerade in diesem Jahre von jüdischer Seite die Herausgabe von Bibelübersetzungen in den drei hauptsächlichsten Cultui’sprachen erfolgt ist. Die kummervollen Erfahrungen der jüngsten Zeit haben eben unter den Juden sämmtlicher Culturstaaten das entschwundene Selbstbewusstsein wieder wach ge rufen, mithin auch das Bedürfnis erzeugt, mit den Urkunden der jüdischen Religion genauer vertraut zu werden. Erfreulicherweise geht damit das Streben nach gründlicherer Kenntnis der hebräischen Sprache Hand in Hand. Gleichwohl sind die meisten westeuropäischen luden des Hebräischen noch nicht dermassen kundig, dass sie die Bibel mit Genuss und gutem Verständnis im Original zu lesen vermöchten, und eine geschmackvolle, den modernen Anforderungen Genüge leistende Uebersetzung in der Landessprache ist vorläufig das einzige Mittel, diesen Kreisen von dem Geiste unserer Lehre Kunde zu geb»m, ihnen die unvergänglichen Schönheiten unseres Schriftthums zu erschliessen. An Bibelübersetzungen war auch bisher kein Mangel. In deutscher Sprache hatten wir eine ganze Reihe, von denen sich namentlich die unter der Leitung von Zunz erschienene in weiten Kreisen eingebürgert hat. Doch ist dieselbe heute ihrer ganzen Ausdrucksweise nach unmodern *) Biblisches Lesebuch, bearbeitet von Prof. Dr. L. Tachau* Drei Th eile. Wolfen büttel 1899, J. Zw iss ler. — The Jewish Bible for Home Reading. I, II, London 1897—99. — La bible, traduite du Texte original etc. sous la direction de M. Zadoc Kahn, Grand-Rabbin. Paris, Durbacher. 1899. und bedarf auch inhaltlich einer durchgehenden Prüfung und Berichtigung, selbst wenn wir keine kritischen Ansprüche stellen. Als Schul- und Hausbibel hatte sich besonders . die A u e r b a c h’sche Bearbeitung als brauchbar erwiesen, doch wird auch diese durch das eben erschienene „Biblische Lesebuch“ von Tachau wohl bald verdrängt werden. In einem Punkte stimmen beide Werke überein: sie geben keine vollständige Uebersetzung, sondern lassen mit Rücksicht auf den Schulgebrauch Ungeeignetes oder minder Wichtiges aus. Ueber die Berechtigung eines solchen Vorgehens lässt sich ja theoretisch streiten, und es ist sehr fraglich, ob überhaupt jemals ein und dieselbe Bibel „für Schule und Haus“ Verwendung finden kann, oder nicht vielmehr, wie bei der neuen französischen Uebersetzung, neben der vollständigen Ausgabe eine besondere, gekürzte Kinderbibel erscheinen soll; jedenfalls aber hat Tachau eine Leistung geliefert, die der Schulmann wie der einfache Bibelleser gleich freudig begrüssen kann. Der Verfasser hat den vorhandenen Uebersetzungen keine neue hinzufügen wollen, entlehnte vielmehr Zunz und theilweise auch Kautzsch, was ihm passend und nützlich erschien, und beschränkte sich darauf, überall, wo Ausdruck oder Sinn es zu erfordern schienen, verbessernd einzugreifen. Der Preis ist angesichts der gediegenen Ausstattung sehr mässig, und die Uebersetzung kann, was für Schulen besonders wichtig ist, in vier gesonderten Theilen bezogen werden. Es kann den Wert des ganzen Werkes nicht beeinträchtigen, wenn bezüglich der Auswahl der aufgenommenen Stücke und bisweilen auch bezüglich der Wiedergabe einzelner Verse berechtigter Einspruch erhoben werden kann. So ist Deut. 9, 4 b, ganz unverständlich. Entsprechend dem folgenden Vers ist vielmehr zu übersetzen: „während doch der Ewige diese Völker nur wegen ihrer Ruchlosigkeit vor Dir austreibt“. Die englische Bibel ist aus der Hand des denkbar berufensten Mannes hervorgegangen: Claude G. Montefiore hat sein feinsinniges, auf ernsten Forschungen basierendes Verständnis d->r Bibel in einer nach Form, Inhalt und Ausstattung gleich vornehmen Publication für weitere Kreise nutzbar zu machen verstanden. Der Verfasser beschränkte sich nicht darauf, die im Munde seiner bibelkundigen Landsleute gel.iufige „AuthorHed Version“ an zahlreichen Stellen formell und auf Grund einer besseren Einsicht ins Original auch inhaltlich zu verbessern, sondern er versah auch die ganze Uebersetzung mit Erläuterungen, die sowohl den Lehrer beim Unterrieht, wie den selbstständigen Leser an leiten und mit den nöthigen Vorkenntnissen versehen sollen. Letzteres ist na me’ tlich bei dem zweiten Bande der Fall, der, wie der Verfasser ausdrücklich hervorhebt, mehr für Erwachsene bestimmt ist. Derselbe umfasst die Weisheitsliteratur, die Propheten, Psalmen und Auszüge aus den Apokryphen. Trotzdnm sich das Werk nur an das jüdische Haus wendet und kein gelehrtes Lesepublicum voraussetzt, haben seine Erläuterungen vielfach wissenschaftlichen Wert, wie er denn auch häufig die neueste einschlägige Fachliteratur citiert. Wenn man überhaupt nicht von vornherein sich gegen eine Auswahl aus der Bibel ablehnend verhält, muss man anerkennen, dass Montefiore seine Aufgabe nach jeder Richtung hin glücklich gelöst hat. Die französische Bibel, deren erste Hälfte eben erschienen ist. rührt von der gemeinsamen Arbeit aller französischen Rabbiner her, und in der That gibt es kein würdigeres und dankbareres Feld für das Zusammengehen einer solchen Vereinigung von berufenen Männern. Die Uebersetzung schliesst sich grösstenteils an die ältere von Wogue an und hält sich streng an den masoretisehen Text. Dadurch, dass sie die ganze Bibel unverkürzt wie!ergibt und durchaus in schöner und klarer Sprache gehalten ist, wird sie ihren Zweck, sich als Haushibel einzubürgern, gewiss erreichen. Namentlich die poetischen Stellen, wie z. B. Exodus 15, Num. 23—24, Deut. 32, 33, Richter 5, Sam. 1 etc. sind in der Uebersetzung sehr gelungen und zeigen, dass gerade die französische Sprache durch ihre Biegsamkeit und ihren Wohllaut besonders geeignet ist, biblische Dichtungen vollendet wiederzugeben. Durch ihren billigen Preis zeichnet sich die französische Uebersetzung vor allen eben genannten Werken vorteilhaft aus. In der Vorrede dankt Zadoc Kahn den hochherzigen Mitgliedern der Pariser Gemeinde, ohne deren Unterstützung eine so kostspielige Veröffentlichung nie zustande gekommen wäre. Geben wir der Hoffnung Raum, dass auch die Mitglieder unserer Grossgemeinden nicht hinter unseren Glaubensbrüdern in Frankreich zurückstehen, und dass auch unsere Rabbiner sich dann zu einem gleichen Werke einen werden: zur Abfassung einer vollständigen, leicht lesbaren und jedermann zugänglichen Bibelübersetzung, die