Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 50 (15.12.1899)
- Article
- Bruchstücke / Adam
- Date
- 1899-12-15
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 6 „Die A Welt»1 Nr. 50 rührender Uebereinstimmung sich befanden, über diese Frage sich äussern. - Aus '(iem stenographischen Weihnachts - Frauenver- Protokoll der Parlamentssnmmlung in der Toi ' shalle sitzung vom 12. Dece m ber 1891): am 12. D e c e ra b e r 1899: Abg. Schneider: „Dieser Bo- PrinzAi. oisLiechtenstein:. hies ist ein L . . . I1- „. . . Wir wallen mit einem Worte, dass Abg. B i o 1 o h 1 a w e k : «Pfui, das das christliche Volk ein wahrer Schutzist kein Richter! Hinaus mit ihm P wall werd; ftir die Autoritäten, weiche die Grundlage der christlichen Gesellschaft bilden. .‘.u Prinz Liechtenstein will also, dass das christliche Volk ein .Schutz wall für die staatserhalftnden Autoritäten sei, während die Herren Schneider und Bielohlawek sie unter Umstanden mit Titulaturen belegen, für die jeder, der sich nicht der Immunität erfreut, von staats wegen zwar nicht ausgezeichnet, wohl aber für einige Zeit mit Kost und Quartier versorgt wird. * * * Ein belauschtes Gespräch. Heinrich Heine: „Es schmeichelt mir zwar, aber begreifen kann ich es doch nicht, dass die Leute da unten immer noch meinen „Atta Troll“ eitleren!“ LudwigBörne: „Ich begreife es. nach den Zeitungsberichten, die wir zu lesen bekommen, nur zu gut. Die Verhältnisse haben sich eben, was die Judenfrage betrifft, nicht geändert. Man steht noch immer auf dem Standpunkte, den Sie...“ Heinrich Heine (unterbrechend): „Ganz im Gegentheil! Ich glaube, dass man den Juden nur. das Tanzen auf den Märkten gestatten, mit grossem Vergnügen gestatten möchte.“ * * * Die Politik — das hat schon sehr richtig ein Dichter gesagt, der sich nicht mit Politik beschäftigte — verdirbt den Charakter. Die Politik, welche die Prager „Politik“ macht — wir meinen das unter diesem Titel in deutscher Sprache erscheinende Czechenblatt, ist nicht geeignet, das Wort Bodenstedts zu widerlegen. Man weiss, dass Prag eine Hauptstadt des Gebietes ist, welches durch die neckischen Judenhetzen in Holleschau, Polna etc. etc. einige Aufmerksamkeit in der Welt erregte. Man weiss ferner, dass der Kaiser von Oesterreich gegenüber dem Prager Rabbiner Dr. KLch diese „empörenden Roheiten“ hart verurtheilte. Man weiss schliesslich, dass die „Politik“ von Leuten redigiert wird, die einerseits alle davon überzeugt sind, auf der Höhe der Cultur und Bildung zu stehen, von denen man andererseits aber überzeugt ist, dass so manche von ihnen Juden sind. Nachdem man das alles weiss, hätte man vermuthet. dass das in Prag erscheinende, auch von Juden redigierte Blatt die Meinungsäusserung des Kaisers von Oesterreich an hervorragender Stelle mittheilen werde. Welch eine Naivetät! Ein geübter Zeitungsleser hat wohl nach langem Suchen die mit den bescheidensten, unauffälligsten, undurchschossensten Lettern ausgestattete Mittheilung über das Kaiserwort in der Tageschronik entdecken können, wo sie an sechster Stelle figurierte. An erster Stelle dieser Rubrik, mit auffälligen, durchschossenen Lettern prangte eine jedem Leser ins Auge springende Notiz unter dem Schlagworte : „Abgeordneter Hru b y zur Situatio n.“ Ja, ja, das ist höchst dringend, höchst erspriesslich und höchst interessant, was der Herr Abgeordnete Hruby zur Situation sagt... In der That, wir wüssten sobald kein Ereignis, welches annähernd so bedeutungsvoll genannt weiden dürfte, wie das, was der Herr Abgeordnete Hruby über die Situation denkt. Herr Hruby ist nämlich, das weiss Europa, das weiss die ganze Welt, niemand geringerer als eben der — Abgeordnete Hruby. * * Wie sich doch die Zeiten ändern. Aus historisch beglaubigten päpstlichen Bullen weiss man. dass in alten Zeiten die Gesinnungsgenossen der Schneider und Gregorig, * um das Blutmärchen am Leben zu erhalten* sieh sogar, freudig der Mühe unterzogen, eigenhändig christlichen Kindern das Leben zu rauben. Heute jammert Schneiderim österreichischen Parlamente, dass die Behörden von. dem leidenschaftlichen, unüberwindlichen Eifer getrieben seien, alles zu thun oder alles zu unterlassen, damit die — Juden nur recht viele christliche Mädchen Schächten könnten. Der Schmerzensschrei Schneiders muss in jeder fühlenden Menschenbrust ein Echo finden. Die durch . die Juden geschaffene» ConcuiT.enz Verhältnisse sind geradezu empörend. Was soll daraus werden, wenn der „Ritualmord“, der bisher die höchste Seligkeit der Antisemiten im allgemeinen und die Speciälität Schneiders im besonderen bildete, nunmehr von den Behörden — nach Schneiders Meinung* — als ausschliessliche Domäne der Juden anerkannt wird? Das Princip der Arbeitsteilung sollte denn doch ein:wenig berücksichtigt werden. Den „Ritualmord“ möge jede Regierung und jede Staatsanwaltschaft getrost den Antisemiten, sei deren Caliber mehr oder minder —sc h w e r, überlassen. Das werden sie schon in eigener Regie besorgen. Jede Einmischung berührt da schmerzlich, sie verrät den kränkenden Zweifel, dass die Antisemiten unserer Tage nicht mehr auf der Höhe ihrer Aufgabe stünden. Da haben die Päpste früherer Jahrhunderte ganz anders die damaligen Gesinnungsgenossen Schneiders zu würdigen gewusst. Ach. wie hässlich sich doch die Zeiten geändert haben ... s * * Der hoch würdige Herr Pfarrer Stojalowski verkörpert die Zweiseelen-Theorie. Als Priester soll er vorurteilsloser Mensch sein, der zumindest keinen Unterschied der Confession kennt, wenn es das Nehmen gilt. Als antisemitischer Abgeordneter jedoch denkt er unaufhörlich daran, es den Juden tüchtig zu geben. So kommt es, dass auch die Ansichten über den guten Mann ein wenig . differieren. Nennt ihn hie und da einer einen gesalbten Herrn, so dmken die anderen, er sei bloss ein mit allen Salben geschmierter Herr. Adam. Brief aus Amerika. New-York. (Orig.-Corr.) Zunächst berichte ich Ihnen *. eine Thatsache. die in allen hiesigen jüdischen Kreisen herzlich bedauert wird. Unser wackerer Gesinnungsgenosse. Rev. Stephen S. W i s e, verlässt uns nämlich im nächsten J ahre, um einem ehrenvollen Rufe nach Portland, Oregon, .Folge zu leisten. Die drückende Arbeitslast, die auf den Schultern Rev. Wises in seiner Eigenschaft als Secretär der „American Federation of Zionists“ ruht, bewog ihn, seiner. Rabbinatsposten schon jetzt anderen Händen anzuvertrauen, um für seine zionistische Thätigkeit mehr Zeit gewinnen zu ‘ können. Es wird selbst von unseren Gegnern anerkannt, dass es einen besseren Redner und tüchtigeren Streiter für unsere Sache als Rev. Wise in unserem Lande nicht gibt. Unter seiner besonderen Aufsicht erscheint auch seit kurzem allwöchentlich eine Sammlung zionistischer Mittheilungen, die an 15—20 jüdische Wochenblätter versandt und selbst von den nichtzionistischen Blättern abgedruckt werden. — Von der „Young peoples Union“ der North Side Congregation von Chicago wurde unlängst eine Schrift unter dem Titel: „Gibt es eine Judenfrage?“ veröffentlicht, und es ist; nun von hohem Interesse, zu sehen, wie selbst solche Leute, die nicht zionistisch sind, von unserer Bewegung Notiz nehmen. Die ersten, welche Beiträge zu dieser Sammelschrift einsandten, waren unsere Gesinnungsgenossen/ die Herren Rabbiner Dr, Gustav Gottheil und Rabbiner Doctör Felsenthalin Chica g o. — Schliesslich möchte ich noch von zwei bedeutenden zionistischen Versammlungen berichten, deren eine kürzlich in Wilkesbarre Pa. stattfand,.während die andere in W orcester Mass. abgehalten wurde. In der letzteren Versammlung sprach Rev. Stephen