Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 50 (15.12.1899)
- Article
- Das Weib und der Zionismus
- Date
- 1899-12-15
- Page
- 5 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 50 „Die H Welt“ Seite 5 schaden : könnte, sie würde vielleicht durch die schlichte Sprache des.Herzens mehr wirken, als der Mann durch fulminante Beredsamkeit, und sie würde vielleicht durch die Macht des Gemüths das Zauberwerk schaffen, wozu die wissenschaftliche Begründung unfähig ist, „die kalte Klugheit zu bannen und pulsierendes Leben zu bringen.“ Darf man im geistigen Kampfe überhaupt fragen, wer dazu berufen sei, mitzuthun? Sollte nicht jeder legitimiert, jeder willkommen sein, der für die Sache seines Volkes zu wirken oereit ist? Denn unsere Sache braucht Kämpfer, Kämpfer, die mit Hintansetzung ihrer ganzen Persönlichkeit in den Kampf ein treten, in den Kampf gegen die unwürdige Knechtschaft, in der wir leben, hier, wie in allen anderen Ländern, in den Kampf vor allein gegen den Indifferentismus der Juden selbst, hauptsächlich der deutschen Juden. Wir müssen sie aufrütteln aus ihrer Lethargie und wir müssen ihr Ehrgefühl stärken. Empfinden doch die meisten nicht einmal die Schmach, in der sie leben, und mit Menschen, denen die nothwendigste Eigenschaft, der innere Stolz, fehlt, kann man keine grossen Thaten vollbringen. Und deshalb liegt die Pflege und die Verbreitung der zionistischen Ideehauptsächlich in den Händen des Weibes. Der liebenden Sorge der Mutter ist unsere Zukunft anvertraut, sind diejenigen an vertraut, die hoffentlich nicht das Ziel unserer Sehnsucht scheuen werden — ein einiges Judenreich. Die Mutter ist es, die die Keime für alles Schöne und Gute in die Kinderherzen pflanzt, wie ein treuer Gärtner pflegt und wartet, um sie einst zur herrliehen Blüte heranwachsen zu sehen. Die Mutter erzählt dem aufhorchenden Knaben von dem Glanz und der Pracht unseres Mutterlandes und erweckt in dem empfänglichen Herzen den brennenden Wunsch, es wieder erstehen zu sehen in seiner alten Herrlichkeit. Das Weib-ist es auch, das ihren Einfluss auf den Gatten, auf die Freunde des Hauses dazu benutzt, sie zu Mitgliedern zu werben und, indem sie sorgsam jüdische Sitten pflegt, erweckt sie auch in anderen den Wunsch, es ihr gleich zu thun, und fördert dadurch unsere grosse Sache. Selbstverständlich ist das eigene Heim der eigentliche Boden, auf dem das Weib wirken soll. Aber wenn sie sich dazu berufen fühlt, mag sie auch im öffentlichen Leben für den Zionismus kämpfen. Unsere socialen Verhältnisse liegen so, dass die Frau schon seit geraumer Zeit mehr sein muss, als nur die züchtige Hausfrau, die Mutter der Kinder; sie muss dem Manne eine Gehilfin sein im Kampfe um das tägliche Broi. Ich bin weit entfernt, der Frauenemancipation hier das Wort reden zu wollen, es wäre nicht der geeignete Ort, aber man wird mir zugeben müssen, dass die Frau nicht gezögert hat mit einzutret n in den Kampf des Lebens, in den Kampf für die Existenz ihrer Familie, trotzdem sie sich oft an Dornen verwundet haben mag, die der Mann als Dornen nicht einmal, empfunden, und dass sie ihm eine treue Gehilfin, eine unermüdliche und sehr oft auch geistig gleichstehende Aibeitsgenossin ist. Warum soll sie nicht auch das-Recht haben, durch Wort und Schrift, gleich dem Manne ihre Ansichten kund zu thun und zu verbreiten? Man gab mir auf diese Frage stets zur Antwort: „Können wir Zionisten mehr thun, als die Frauen als gleichberechtigte Mitkämpferinnen und Mitarbeiterinnen aufnehmen und in B a s e 1 als I Megierte gelten lassen! Ich will mir erlauben, als Entgegnung auf diese Antwort ein kleines Erlebnis folgen zu lassen. Es war vor circa zwei Jahren, da hatte einer meiner polnischen Landsleute auf dem Wege nach Berlin seinen Geldbeutel verloren. Er wandte sich daher an den dem Kirchhof am nächsten wohnenden Rabbiner, und dieser, ein. Seelsorger in des Wortes bester Bedeutung, zugleich ein lieber Freund von mir, sandte ihn, nachdem er ihn in reicher Weise unterstützt hatte, zu mir. Mit Hilfe guter Freunde war es mir bald gelungen dem Armen die fehlenden Mittel zur Erreichung seines fernen Wohnortes zu verschaffen. Zur Weiterreise war es jedoch zu spät geworden, und da an. diesem Abend Dr. Nord au in Berlin sprach, so fmderte ich den Herrn auf, in die Versammlung mitzuk<>mmen. Bald war ich so im Banne der Nord a u’schen Beredsamkeit, dass ich an meine Umgebung und auch des Mannes an meiner Seite vergass, bis ein Zupfen am Aermel mich an meinen Begleiter erinnerte. Thränen rollten in seinen grauen Bart, und in seinem halb polnischen, halb jüdischen Dialecte flüsterte er mir zu: „Pani, wenn ich so könnt’ reden“ — Nordau sprach gerade von dem Elende der Juden in Russland und Rumänien — „wie jener, ich könnt’ noch andere Geschichten erzählen“. Ich weiss nicht, ob Ihnen die „Moral“ dieser Erzählung klar geworden ist. Ich meine, uns Frauen geht es wie jenem Juden; das ganze Jahr dürfen wir den Mund nicht aufmachen, uns weder in der Discussion, noch in der Dialectik üben, nur in Basel sollen wir reden. Deshalb sollen unsere Führer dahin wirken, dass diesem Uebei abgeholfen werde. Die Männergruppen brauchten ja nur in der Form von Geselligkeitsabenden Versammlungen zu veranstalten, Vorträge zu halten und die Frauen zur Discussion zu'.ulassen; so ausgebildet, wird das Weib bald eine nicht zu unterschätzende Kraft werden m den Kämpfen und Stürmen unserer Partei. Denn, dass die Frau im öffentlichen Leben mit Erfolg wirken kann, hat ja auf dem diesmaligen Congresse wieder Frau Prof. Gottheil, die in Amerika Gelegenheit hat, sich zu üben, bewiesen, und meinem Empfinden nach mehr noch als diese Frau Dr. Kahn aus Wien, deren Umgebung auch eine derartige ist, dass sie Gelegenheit findet, ihre Meinung oft zu äussern. Von ihr stammen auch die Worte, die mich und hoffentlich noch viele andere von allem Gehörten am meisten ergriffen, denn es sind Worte, wie sie nur aus dem Munde einer echt jüdisch empfindenden Frau kommen können: „Für mich ist der Zionismus Menschlichkeit“. Dieser Ausspruch, er soll das Motto sein, welches ich mir wähle für das, was ich jetzt noch zu sagen habe. Die meisten zionistischen Frauenvereine haben das Bestreben, durch Pflege der jüdischen Literatur und Geschichte das jüdisch-nationale Bewusstsein zu heben. Ob es das richtige Mittel ist, will ich hier nicht erörtern, jedenfalls ist das Verbreiten jüdischer Literatur ein löbliches, und wenn man von berufener Seite in Form eines Vortrages zu hören bekommt (wie z. B. im Wiener Frauen vereine), was unsere grossen Dichter geschaffen, so ist dies eine Art, die dankbar aufzunehmen ist. Für durchaus unangebracht, ja für ein Verbrechen an den Dichtungen halte ich es aber, wenn in Frauen vereinen die Werke derartig zum Vortrage gebracht werten, dass die Mitglieder der Reihe nach vorlesen. Nicht jedem ist es gegeben, das, was ihn ergreift, auch zum Ausdrucke zu bringen, und in ausdrucksloser Weise Vorgetragenes anhören zu müssen, ist eine Qual für den Hörer. Und gerade unsere jüdischen Dichter — ein wehmütiger Zug geht durch fast alle ihre Werke — sie dürfen nicht nur mit dem Geiste, sondern auch mit der Seele gelesen werden, denn ihre Worte sind aus Mund und Herzen erklungen, und ich meine, ein jeder findet wohl ein freies Stündchen am Abend, in dem er sich in ihre Schönheiten versenken kann, wenn er will. In den Sitzungen aber, bei denen sich alle diejenigen vereinen, in denen noch Interesse für das Judenthum lebt, soll man erzählen von dem Elende unserer Schwestern und Brüder, für die die Worte: „Das nächste Jahr in Palästina!“ längst keine leeren Worte mehr sind, sondern ein Schrei nach Erlösung. Und dieses Thema, so voller Qual und Leid, es ist das wirksamste Mittel, um alle zur Thaü anzutreiberi. Man braucht nicht ins ferne Russland oder nach Rumänien zu gehen, um ihnen zu helfen, auch in unserer allernächsten Nähe wohnen unsere Schwestern und Brüder in Bedrückung und Elend. Wohl gibt es eine Menge Wohltbätigkeitsvereine, auch rein jüdischen Charakters, die dem phjsi sehen Elende steuern, aber ich meine, selbst der ärmste, ungebildetste Jude steht auf einer höheren Gmnüthsstufe, und deshalb leidet er nicht nur physisch, sondern auch seelisch. Deshalb mag es doch wohl ein Unterschied sein, wenn ich zu ihm komme, um Ihm ein Almosen zu geben, oder wenn ich zu ihm gehe und ihm sage: „Ich komme zu Dir, weil Du meine Schwester, mein Bruder bist, weil es meine Pflicht ist, Dir zu helfen; ich fühle Dein Elend als trüg’ ich es selber, leidest Du doch hauptsächlich nur des „Makels“ willen, der auf Dir haftet wie auf mir, ein Makel, auf den wir ein Recht haben stolz zu sein, und schon sind wir auf dem Wege, dies auch der Welt zu beweisen. Verzage nicht, bald werden wir das ersehnte Ziel 'erreicht haben, und nicht gar so fern liegt die Zeit, da wir vereint wohnen werden: „Ein freies Volk auf seiner eigenen Scholle!“ Bruchstücke. Zwischen den Häuptlingen der christlich-socialen Partei hat sich ein tiefgehender Streit entsponnen. Die Meinungen der Herren, die sich sonst so harmonisch in dem frommen Wunsche : „Schlagt die Juden nieder!“ begegneten, gehen urplötzlich auseinander. Was der eine als heiliges Ziel der Partei hinstellt, wird von den anderen verhöhnt. In der ganzen civilisierten Welt ist man überzeugt davon, dass die Achtung vor der richterlichen Autorität eine der Säulenist, auf denen die Gesellschaft, der Staat beruht Man höre nun, wie die Reichsraths-Abgeordneten Prinz Alois Liechtenstein, Schneiderund Bielohlawek, die bisher in so