Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1899-12-15 · 50 (15.12.1899) · p. 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
50 (15.12.1899)
Article
[Ohne Titel]
Date
1899-12-15
Page
4 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
address
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3315796-3315847--16439-3393054
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 4 „Die H Welt44 Nr. 50 muth, ja von Lebensverachtung, wenn sich ein derartiges Wesen in eine Versammlung berufsmässiger Selcher hineingetraut. Doch d e S lcher täuschten nicht das in sie gesetzte Vertrauen, sie benahmen sich gegen ihn so freundschaftlich, wie sie es gegen seinesgleichen in ihrem täglichen Berufe sonst nie zu thun pflegen. Sie versetzten ihm keinen betäubenden Schlag auf die Stil ne, sondern brachen in ein Beifallsgeschrei aus, das allerdings ebenfalls betäubend gewesen sein soll, da ein Selcher nun einmal von seiner Gewohnheit nicht lassen kann. Es wird auch berichtet, dass der betreffende Advocat mit Blumen — mit weissen Nelken — geschmückt war. Aber auch die Blumen befanden sich nur in sein r Hand und nicht wie man hätte erwarten sollen über d r Stirngcgend. * * * Die Judenhasser stellen einen getauften Semiten, der in sich den Drang verspürt, „Nieder mit den Juden!" zu schreien, sehr gerne auf eine erhöhte Tribüne, auf dass sein Ruf weithin in die Ferne dringe. Freigebig belehnen sie den Apostaten mit Partei würden, hei Versammlungen ertheien sie ihm bereitwilligst das Wort zu judenfeindlichen Brandreden, und wenn er seine leidenschaftliche Philippica gegen das Judenthum geendet hat, überschütten sie ihn mit rauschendem Beilalle, heben ihn triumphierend auf den Schild und zeigen den Juden, dessen Antlitz noch von fanatischem Judenhasse glüht, dem gaffenden Publicum. In. dem dröhnenden Applaus, den cl^r jüdische Judenfeind findet, ist eine tückische Schadenfreude. Es ist eine verflucht gute Taktik, die da Juden geg-n Juden hetzt. Durch sein eigen Fleisch und Blut soll Juda verwundet werden. Eine Art Janitscharen sind die getauften Jud nfeinde. Die Muhammedaner haben Christenkinder zum Kriegsdienste erz -gen und gegen die christlichen Heere in die Schlacht geschickt. Einem ähnlichen Zwecke dienen die mit Weihwasser besprengten Juden, die mit kriegerischem Geschrei das Judenthum angreifen. Sie ziehen freilich nicht mit krummen Säbeln in den Kampf, sondern höchstens mit krummen — Nasen. * * * Die „christlichen“ Judenfeinde, die einen getauften Semiten zu Söldnerdiensten gegen das Judenthum verwenden, sind dreifach im Vortheile. Erstens können sie gemächlich auf der faulen Haut liegen und der Ruhe pflegen. Die Schlacht schlägt ein anderer, der getaufte Jude. Zweitens demonstrieren sie an der Figur des semitischen Judenfeindes die angebliche Verworfenheit des Juden-Charakters. Höhnend weisen sie auf den Deserteur hin, der sich mit Lust und Liebe dem Bruderkampfe widmet. Ob ihr Söldling Schlage empfängt oder austheilt, ist ihnen gleichgiltig. Beides begrüssen sie mit Schmunzeln : denn im Handgemenge der Getauften und Ungetauften wird auf alle Fälle ein semitischer Rücken durch eine semitische Faust bearbeitet. Und drittens ist der Schlag, den ein getaufter Jude gegen die Juden führt, immer empfindlicher, als ein Hieb von „arischer“ Christenhand. Man ist gegen Brutus, auch wenn er niedriggerinnt ist, dennoch empfindlicher als gegen einen Wildfremden. Auch wenn in seiner Hand ein heimtückischer Dolch blinkt, drängt sich einem das „mi flli!" auf die Lippen. Das Weib und der Zionismus. Von Heroine Schildberger-Berlln. Vor allem will ich diesem Aufsatze die Bitte vorausschicken, man möge diejenigen Stellen, an denen sich eine von den Tendenzen der bestehenden zionistischen Frauenvereine abweichende Meinung bemerkbar macht, nicht als abfällige Kritik betrachten. Ich habe hier nur meiner unmnssgehlichen Meinung Aufdruck gegeben, wie ich mir das Arbeiten der Frau für den Zionismus denke. Ich bitte also schon im voraus um Entschuldigung, wenn nicht Alles convenieren sollte, was ich hier sage. Bis vor circa 7 Jahren wusste ich wenig von dem Nationaljudenthum uni den zionistischen Bestrebungen. Aufgewachsen in einem Städtchen an der polnischen Grenze, war mir zwar von frühester Jugend an der Kampf der Nationalitäten bekannt, doch nur der der Deutschen gegen die Polen. Juden und Katholiken standen zu damaliger* Zeit in erbittertem, wenn auch vorsichtig zum Ausdruck gebrachtem Kampfe gegen die Deutschen. Meine Sympathien, mein ganzes Fühlen un 1 Denken gehörte daher den Polen, ich klagte mit ihnen urn ihr* verlorenes Königreich und um den Tod der grossen Helden, die auf dem Schla<-htfeide ihr Leben gelassen. Unbewusst mag vielleicht auch die Thatsache, dass das Po len reich lange Zeit das einzige gewesen ist, welches die Juden gastlich aufgenommen, zu diesen Sympathien beigetragen haben. Hörte ich von antisemitischen Kundgebungen, dann zuckte ich höchstens die Achseln über' die toleranten Deutschen. Ja, selbst zur Zeit der grossen Judenverfolgungen in Russland kam mir niemals der Gedanke, mich mit den armen Vertriebenen zu identificieren. Ich beklagte sie, wie ich jeden anderen Verbannten beklagt haben würde, vielleichtauch etwas mehr, weil es doch meine Glaubensgenossen waren. Wenn ich heute an jene Zeit zurüskdenke, da ich dem Zionismus ferngestanden, so komme ich mir vor wie eine Nachtwandlerin. Ich frage mich, wie konnte es möglich sein, dass Du solange blind an all den Leiden Deiner Stammesgenossen vorüber giengest und nicht empfandest, dass jedes Leid, welches ihnen zugefügt wurde, ein Leiden war, das Dich selber traf. Ich möchte sie zurückrufen, diese verlorenen Jahre, die ich zum Nutzen meines Volkes hätte verwenden können. Zum Nutzen meines Volkes! Noch einmal frage ich mich mit Bangen, werden wir Frauen wirklich jemals imstande sein, auch im öffentlichen Leben irgend etwas zum Heile unserer Schwestern und Brüder zu wirken, kann das heisse Verlangen, der brennende Wunsch zu helfen, die fehlende Kraft ersetzen? Denn welche Kraft, welche Macht liegt denn in den Händen eine^ Weibes in einem Lande, das ihm, wenigstens vorläufig, jede Betheiligung am politischen Leben verbietet. Und doch wäre vielleicht gerade das Weih, das mit der Gemüthswelt so vertraute Weib, berufen, die Leichenstarre zu lösen, die im modernen Israel herrscht. Könnte eine Frau zu den Juden sprechen, zu denen, die es als Pompliment auflässen, wenn man ihnen sagt, sie sehen nicht jüdisch aus, könnte sie in glühender Begeisterung für unsere gerechte Sache zu jenen Männern sprechen, die sich im Herzen zum Nationaljudenthum bekennen, die» ich will gerecht sein, unsere gute Sache auch mit Geldmitteln unterstützen, sich aber vor jeder öffentlichen Kundgebung der Gesinnung scheuen, weil es ihrer gesellschaftlichen Position

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.