Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 50 (15.12.1899)
- Article
- Moriz Lazarus
- Date
- 1899-12-15
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
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Seit«* 3 . Nr, 50 „Die O des Friedens, an allen idealen Interessen des Yrolkes nehmen wir längst breiten und vollen Antheil Was wir thun und-* treiben, thun und treiben wir als Deutsche; und wenn wir, worauf man so gerne hinweist, auf dem Weltmärkte Vermögen erwerben, so ist dies eine Vermehrung des Nationalreich' thums. Handel und Gewerbe, Handwerk und Fabrication. Kunst und Wissenschaft erfüllen unser Leben, und was und - wie wir arbeiten, jeder nach seinem Masse, wir mögen wollen öder nichtso arbeiten wir als Deutsche/4 Nun müssten solche Anschauungen, die ja als Enunciationen" eines deutschen Professors unbedingten Glauben fordern, jede zionistische Ueberzeugung ad absurdum fuhren. Nur ist da leider der Uebelstand, dass wohl einzelne Juden so empfinden, die Gastvölker jedoch diese Gefühle nicht im mindesten erwidern. Dieses Verhältnis mag einem Contracte gleichen, der nur eine Unterschrift tragt Oder es mag ähnlich sein, wenn ein jüdischer Gymnasiast, dessen Sehn s u c h t an einem blonden, elfengleicheri Grafen töchterleih hängen geblieben, davon sprechen wollte, dass er ein Liebesverhältnis mit dem schönen Kinde habe. Auch die Beziehungen zwischen den Juden und ihren Gastvölkern sind so zart und empfindlich, wie Liebes- oder Eheverhältnisse: hat nur einmal das geringste Misstrauen die Unschuld der unbewussten Gefühle berührt, so ist der Schaden bereits gethan. Uebrigens thut dies auch die rohe, rein empirische Erkenntnis dar. Noch immer ist auch das beste und vorgeschrittenste Assimilationsverhältnis zwischen den Juden und ihren Gastvöikern in ein wüstes, chaotisches, missbehagliches umgeschlagen. In Deutschland kam. nach den wenigen liberalen Jahren des sechsten und siebenten Jahrzehnts die lange antisemitische Periode, die auch nicht dadurch ihr Ende nahm, dass Moriz Lazarus im Jahre 1887 anlässlich des Septennatskampfes die deutschen Juden in einer Broschüre ermahnte, mit den nationalen Parteien zu gehen. In Oesterreich schlug all die günstige Stellung der Juden so unvermittelt und unvermuthet. wie an einem schwarzen Unglückstage, um. In Frankreich gieng das beinahe für unlöslich gehaltene Assimilationsverhältnis ganz plötzlich und wohl für immer auseinander. Und wenn heute noch Ungarn und England Inseln sind, auf denen die Juden an liberalen Tempeln gleichmässigen Anthei! haben, so wird wohl niemand bestreiten, dass auch diese Säulen, schon geborsten, können stürzen überNacht. Die Juden sind ja auch nicht so eng an den Erlebnissen der Völker betheiligt, wie diese selbst. Eine jüdische Mutter, die ihren Sohn im Kriege hat, mag um ihren Sohn nicht anders bangen, als wenn sie ihn auf einer gefahrvollen Seereise wüsste. Eine auf sich gestellte jüdische Mutter wird es in einem vertraulichen Kreise stets für unmöglich erklären, dass ihr Sohn aus tiefstem Herzen deutsch-national gesinnt sein könnte. Wenn in Wilhelm Baabes „Hungerpastor" der jüdische Schulkamerad des Helden, allerdings piit künstlerischer Bewusstheit, erklärt, dass sie Juden am besten daran wären, weil sie an allen guten Erlebnissen der Völker theilnehmen und von den schlimmen nicht berührt zu werden brauchten, so steckt darin immerhin ein gewisser, wahrer Kern. Moriz Lazarus stammt aus Filehne, das in der preussischen Provinz Posen liegt, einem ehemals polnischen Gebietstheile. Im vorigen Jahrhundert fühlten . sich die dort ansässigen Juden demgemäss als Polen und waren gewiss bemüht, polnischer Lebensführung und chevaleresker Eleganz möglichst nahe zu kommen. In diesem Jahrhundert fühlten sie sich — zumal die träumerisch und fein Veranlagten — als Deutsche, und auch die in Mazurka Geübten und mehr zu einer eleganten, oberflächlichen Lebensführung Hinneigenden wagten es schwerlich, sich noch als Polen zu fühlen. Und an den edlen, krampfhaften Erhebungsversuchen des polnischen Volkes waren Juden nicht mehr betheiligt; so sehr waren sie in der kurzen Spanne Zeit zu Deutschen geworden. Freilich mögen Welt44 sich solch peinliche, harte und unerfreuliche Lamentationen, wenn sie auch den Zionismus glänzend gegen den Assimilationsglauben rechtfertigen und erweisen, sich zu dem schönen, humanistischen' Glauben des liberalen Philosophen verhalten, wie etwa Ibsens „Gespenster“ zu der Gpethe’schen Iphigemedicbtung. Moriz Lazarus steht ja auch da, das Haupt 'umstrahlt vom Scheine aller humanen und liberalen Vornehmheit. Er mag zu den wenigen gehören, die sich inmitten unseres hastenden und nervenaufreibenden Culturtrubels klugerweise gleichsam auf schwimmenden Inseln angesiedelt haben. Dort können sie sich noch an der reinsten,-weissesten Schönheit, der griechischen, laben, und wenn von dem lauten Treiben unseres Industriezeitalters die Beschäftigung mit classischer Philosophie und Kunst gewiss überquietscht wird, so bildet sie dort mit -ihrer süssen Zwecklosigkeit gerade die schönste und charakteristischeste Blume auf der grünen Insel. Dass L azaru.s die Empfänglichkeit für die Geistesvornehmheit der abgeklärtesten und humansten philosophischen Bildung besitzt, mag vielleicht ein wenig auch damit Zusammenhängen, dass er aus einem Rabbinerhause stammt, allwo doch oft genug der seltene Schatz einer so reinen und unschuldigen Herzensgüte und Gefühlshöhe, von profanen Blicken kaum bemerkt, wie Silber und Edelsteine in einer Familientruhe in der innersten Kammer des Hauses gehütet wird und erblich bleibt. Aber wie für die Deutschen die Bismarck’sche Politik doch mehr bedeuten mag als alle Goethe-HerdeFsche Menschlichkeit, so dürfte es auch für die Juden — und zumal in unserer Epoche — höhere Nothwendigkeiten geben, als den Antheil an philosophischen und humanen Geistesrichtungen. Ist auch nicht immer gerade Blut und Eisen zur Lösung der nationalen Pflicht nothwendig, so doch gewiss das Eisen : das die Felder und die Meere furcht Moriz Lazarus zählt sich gewiss, wie Ludwig Bamb er g er, politisch zu der „Freisinnigen Vereinigung" in Deutschland. Aber es wird dort keine einzige Partei, einschliesslich der Socialdemokratie, geben, die man sich weniger im Besitze der Regierungsgewalt vorstellen könnte. Dafür ist sie die vornehmlichste Repräsentantin ethischer und sogar ästhetischer Cultur. Aber wenn sich grosse Nationen auf den Flächen grosser und sicher gestellter nationaler Errungenschaften solchen Anbau gestatten dürfen, so ist für die Juden aus den vitalsten Gründen doch erste Nothwendigkeit, sich eben erst eine nationale Cultur zu schaffen und sie sicher zu stellen. Waren die pessimistischen Lamentationen, die diese Nothwendigkeit erwiesen, peinlich genug gewesen gegenüber dem schönen Glauben abgeklärter milder Philosophen, so waren sie doch nicht weniger wahr und unerbittlich, und es werden auch die Philosophen von der Höhe ihrer Erkenntnis aus das nicht verkennen, was sich vielleicht mit rücksichtsloser Kl aff in den Tiefen der Wirklichkeit regt und wie das Kind im Mutterieibe zum Sonnenlichte drängt. Der Zionist mag einem Kranken gleichen, der die völlige Gesundung bereits herannahen fühlt und ihrer durchaus gewiss sein darf; aber ein allgemeines Gefühl von diesem wenn auch unbeträchtlichen Abstande verbietet es ihm, sich ganz als Gesundeter zu fühlen und zu empfinden. Der Zionist wird, solange er auf ein erreichtes Ziel noch nicht hinweisen kann, auch noch vor solchen eigentlich assimilationsjüdischen Erscheinungen wie Moriz Lazarus sich in Ehrfurcht neigen dürfen. Die Woche. W i e n, 13. December. In einer Versammlung von Wiener Selcher geliilfen hat dieser Tage ein getaufter Advoeat mit judenfeindlichen Kundgebungen debütiert. Es zeugt von Wage-