Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 49 (8.12.1899)
- Article
- Der Talmudbauer
- Date
- 1899-12-08
- Page
- 14 (sequence 1)
- Language
- German
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Seile 11 „Die Hi Welt“ Nr. '49 Der Taimudbauer. (Aus dem Leben der Juden in P a 1 ä s t i n rr.) Von H. York-Steiner. (Fortsetzung.) Das waren Vater Kattowitz* Abschiedsworte. Mirjam sagte nichts, aber ihre Augen leuchteten freudig im Halbdunkel, als sie Cha.jims Hancl drückte, der, gerührt und verlegen, wieder einmal auch kein Wort zu sagen wusste. Da war der Waisenknabe viel gewandter. Er nahm des Mädchens Hand und küsste sie so inbrünstig, dass Chajim zusammen schrak. „Du bist doch eigentlich ein kecker Junge,“ schmälte er seinen Knappen, als sie den Hügel hinunter wunderten. „Warum? Ist sie nicht schön und gut und fein, wie ein Herrschaft sfr äu lein? Bei uns in Rumänien küsst man den Herrschaften immer die Hand. Sie wird meine Herrschaft, mein Fräulein, ich werd” ein Arbeiter, keine Magd. Hedad Mirjam Kattowitz!“ rief er in die nächtliche Stille. „Hedad die Weinreben im Heiligen Lande!“ Und er nahm die Holzhacke und schwang sie wild im Kreise, dass sie im aufgeh enden Monde hell strahlte und blitzte. Auf dem Hügel standen die Kattowitz*, und der Vater sprach zur Tochter: „Das ist kein gewöhnlicher Bocher, kein Bankdrücker, er lernt klar und denkt reif. Weisst Du, er versteht arabisch, das hilft sehr viel zum rechten Verständnisse der hebräischen Bücher. Im Arabischen ist unsere Zukunft. Wir sind stehen geblieben, das Arabische hat sich fortgebildet. Dabei ist er ein philosophischer Kopf und doch kein Träumer, ein feiner Talmud!st, in dem ein Oekonom steckt.“ Der Mond war voll heraufgezogen. Weit lag das Thal vor ihnen, im Westen von den Bergen Judäas begrenzt, die im Mondlichte verschwammen. Vor ihnen die hellen Steinhäuser zwischen den hohen Eucalyptusbäumen. Schwerer Duft von reifen Beeren und welken Blumen zog durch die Lüfte, hier und da blökte ein Schaf. Kattowitz drehte sich in die Runde, dann stellte er sich mit dem Angesichte gegen Osten. „Vater Israels, welche Kraft ruht in Deinem Boden, welche Süssigkeit in Deiner herben Lehre, welche Wahrheit in Deinen Verheissungen. Du führst Dein Volk wieder zusammen. Du vereinigst die Getrennten, Du erlösest die Vertriebenen, Du erhöhest die Gedrückten, Du erfreuest die Betrübten.“ Er blieb eine Weile wie in stillem Beten versunken. Als er sich seinem Hause zuwendete, sagte er, wie aus tiefen Gedanken heraus: „Ein prächtiger Mensch! Der muss ein Colonist werden, der darf mir nicht mehr zurück nach den engen Gässchen von Jerusalem. Wir brauchen gelehrte Colonisten — — wenn sie tüchtig arbeiten,“ fügte er, wie zu seiner Entschuldigung, bei. Demi er wusste, dass über ihn die Rede gieng, ein geistvolles „Pschettl“ sei ihm lieber, als ein wohl bestellter Garten. Er aber wollte nur seinen geistigen Besitzstand wahren, er mochte nicht seinen Wissensschatz verkümmern sehen — nicht bloss Oekonom werden, wie zum Beispiel Eisenstein in Rechobot, der mit einem stillen Lächeln der U eberlegen heit seiner Vergangenheit als Talmudlehrer gedachte. Er sprach sich am nächsten Samstag zu Chajim darüber aus. „Ich weiss, man spottet meiner Liebe zur heiligen Lehre, man nennt mich den Talmudbauer, man hält mich für anmassend, weil ich mich weniger an den allgemeinen Gesprächen betheilige, die sich immer um Grund und Boden, um die Araber, ums liebe Vieh und um die Administration des Barons drehen. Aber wir sind schliesslich doch keine einfachen Bauern, wir sind Colonisten einer Idee. Und diese tdee heisst Zion, und Zion ist nicht nur ein gewöhnliches Bollwerk, Zion ist eine geistige Festung. Und unsere Waffen sind geistige Waffen, die in den heiligen Büchern verborgen sind.“ Auch Chajm that es wohl, sich für einige Sabbathstunden in höhere Regionen zu flüchten. Wenn er bei Kattowitz sass und in den wohlbekannten Folianten blätterte, dann war es ihm, als ob er mit seinem Vater Zwiesprache hielte. Mit seinem Vater! — Ob er zufrieden wäre mit den Wegen seines Sohnes, mit seinem Gange nach Kattra? Den Vater Kattowitz hätte er noch gelten lassen, ob aber die Tochter und die ganze .Atmosphäre, in der alles erklärt wurde, alles menschlich gedeutet? Hatte er vormittags nach beendetem Gottesdienste mit dem Vater im Abarbanel geforscht, dann sprach er mit der Tochter am Nachmittage über die modernen Deutungen des Judenthums und seiner Lehre. Wochenlang sträubte er f'sich gegen ihren Einfluss. Eines Tages aber fand er sein ganzes Wesen untergraben. Er selbst suchte, wenn er mit dem Vater nach der alten Methode disputierte, die neue anzuwenden. Nun verstand er erst den Abarbanel, der, in .arabischer Philosophie geschult, die Lehre vorurtheilslos mit philosophischem Blick darstellte. Kein dumpfes Siehabsehliessen vor dem Leben und seiner Entwicklung. Er begriff aber auch, warum die Rabbinen den Maimonides in Bann gelegt hatten. Lehrte er doch, dass auch der Mohammedanismus keine verwerfliche Religion sei. Dann verwarf er den Messiasglauben, den Glauben an einen persönlichen, an einen wunderthätigen Messias. Nein, man darf sich der Kenntnis der fremden Lehren nicht verschliessen, sie stärkt unsere Liebe zur eigenen und festigt sie durch den Verstand. Mirjam las ihm ihre deutschen Bücher vor, er lernte die Ansicht Renans, eines klaren und feinen Geistes, über das Volk Israel kennen, er hörte zum erstenmale die Geschichte der Katastrophe jenes Rabbi Jeschuah von Nazareth, die seines Vaters Geist so ernst gefangen genommen hatte. Eine neue Welt eröffnete sich seinem hungrigen Geiste. Nein, die Juden hatten ihn nicht gekreuzigt, aber die Eiferer, die Schriftgelehrten, die Pharisäer hatten ihn den Rom ein überliefert. Darum Krieg dem Zelotismus, eine freie G asse dem gläubigen, aber forschenden Geiste! Die Gesetze sind wahr und gut, man muss sie nur recht verstehen, aus ihrer tief sittlichen Wurzel erklären. Dann gibt es keinen Widerspruch zwischen Jerusalem und den Colonien, zwischen Gelehrten und Bauern. Ein einigendes Band zog sich ihm von Gott, dem Grundwesen aller Sittlichkeit, zu den Menschen und seiner Erde. Er war Eins mit dem Herrn der Heerscharen, seiner Lehre und der Natur. —- Als seine Kleider schleissig wurden, kaufte er sich in Jaffa von seinen Ersparnissen einen modernen Anzug, und er strich sich die langen Locken hinter die Ohren. Ohne Anmassung und ohne Verlegenheit kam er so ins Haus Kattowitz am letzten Sabbath der Arbeitszeit. Erst als er Mirjam gegenüberstand, die ihn erstaunt betrachtete, zog eine leichte Röthe über sein Gesicht. In der Synagoge gab es ein Flüstern und Wispern, als er zur Thora aufgerufen wurde. Alle Welt bemerkte die Veränderung, die mit ihm vorgegangen war. Die kräftige, hohe Gestalt fiel in dem kurzen, modernen Rocke doppelt auf. Die zurückgestreiften Seitenlocken Hessen den schwarzen Bart frei, den nie ein Scheermesser berührt hatte und der sich in weichen Formen am das hübsche Gesicht legte. Mit doppelter Inbrunst sprach er den Segen. „Gelobt seist Du, ewiger Gott, König der Welten, der Du uns ausgewählt hast aus allen Völkern und uns Deine Thora gabst.“ „Das war mein Gelöbnis, trotz allem, was ich von Ihnen gelernt habe, nicht abzufallen von seinen Geboten,“ sagte er am Heimwege zu Mirjam, die seine Bewegung bemerkt hatte. „Trotz allem, was ich gelernt habe und von fremdem Wissen erfuhr, halte ich es für ein Glück, jenem Volke an zu geh ören, das die Lehre von der Einheit Gottes durch die Welt trug.“ entgegnete sie leise und befangen. Das war alles, was sie sagte. (Fortsetzung folgt.) Reflectanten auf Einbanddecken des Jahrganges 1899 wollen Bestellungen bis Mitte December anmelden und gleichzeitig den entfallenden Geldbetrag einsenden. Die Einbanddecke kostet fl. 1.20, hierzu Porto für Oesterreich-Ungarn und Deutschland 15 kr., für das übrige Ausland 33 kr. Briefkasten. Med. E. H. und L. E., Wien. Recht hübsch und stimmungsvoll. doch bringen wir derartiges nur in Ausnahmsfällen. M. H., Swatow (China). Die meisten wohl nicht, aber immerhin sehr viele. A. K., Dorna. Zur Ertheilung einer derartigen Auskunft sind wir nicht competent. C. H., Meran. Leider nicht geeignet. J. Pf., Przeniyslany. Ein solches Verzeichnis besitzen wir nicht. Rasaritul zionistisches Wochenblatt in rumänischer Sprache. - Erscheint an jedem Freitag zu Jassy in Rumänien. Bezugspreise für Rumänien: V4 Jahr 2 Lei fürs Ausland: v, i k 1 4 6 4 6 10 Einzelnummern 10 Bani.