Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 49 (8.12.1899)
- Article
- Der "Jude" Heine
- Date
- 1899-12-08
- Page
- 13 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 49 Seite 13 „Die A Welt“ mit ausserordentlicher Liebe ergriffen und durch die gediegensten Vorarbeiten vertieft und erweitert. Leider unvollendet, verbraiinte später der grösste Theil der Handschrift im Hause seiner Mutter. Am 25. Juni 1824 schreibt er über diesen Gegenstand an Freund Moser: „Ausserdem treibe ich viel Chronikenstudium und ganz besonders viel Historica judaica. Letzere wegen Berührung mit dem Rabbi und vielleicht auch wegen inneren Bedürfnisses. Ganz eigene Gefühle bewegen mich, wenn ich jene traurigen Annalen durchblättere, eine Fülle von Belehrung und Schmerz. Der Geist der jüdischen Geschichte offenbart sich mir immer mehr und mehr und diese geistige Richtung wird mir gewiss in der Folge sehr zu statten kommen. Mit realistischen Federstrichen markiert er die düsteren Verfolgungen der fänatisierten unwissenden Menge. „Im traulichen Familienkreise sitzt der Rabbi beim Passahmahle, als zwei fremde Männer, anscheinend Glaubensgenossen, eintreten, umtnach alter Sitte theilzunehmen an der Festfreude. Und mit einer Stimme, die noch vor innerem Entsetzen bebte, erzählt der fromme Mann, wie er wohlgemuth die Agada hinsingend und angelehnt sass und zufällig unter den Tisch schaut, habe er dort zu seinen Füssen den blutigen Leichnam eines Kindes erblickt.“ — „Da merkte ich,“ setzte der Rabbi hinzu — „dass unsere zwei Gäste nicht von der Gemeinde Israels waren, sondern von der Versammlung der Gottlosen, die sich berathen hatten, jenen Leichnam heimlich in unser Haus zu schaffen, um uns des Kindesmordes zu beschuldigen und das Volk aufzureizen, uns zu plündern und zu ermordern“ ...Ritualmord! Wie entsetzlich antik und unmodern klingt doch diese blutige Reminiscenz aus dem — „13. Jahrhundert“ in unsere vom wüthenden Hepp-Hepp-Geschrei abgestumpften Ohren und doch wie schauderhaft modern! In unserem aufgeklärten 19. Jahrhundert der Naturwissenschaften und der Emancipation, deren junger Baum bereits so bedenklich viele unreife Früchte mit prasselndem Geräusche auf steinigen Boden geschleudert! — Das rheinische Städtchen Bacharach im 13. und das mährische „Polna“ an der Schwelle des 20. Jahrhunderts 1 „Da sollte doch jeder Commentar überflüssig sein!“ Doch weiter: Gelegentlich der Ermordung des seit langem in Aleppo ansässigen Kapuzinerpaters Toma, 1840, für welche Blutthat man durchaus kein Motiv entdecken konnte, schob man ebenfalls diese den Juden in die Schuhe, die nach altem Aberglauben Christenblut für das Passahfest gebrauchten; die Folge war die Plünderung des Ghettos, Mord und Todschlag. Damals schrieb Heine am 7. Mai 1840 in der „Lutetia“: „Während wir in Europa die Märchen des Mittelalters als poetische Stoffe bearbeiten und uns an jenen schauerlichnaiven Sagen ergötzen, womit unsere Vorfahren sich nicht wenig ängstigten, während bei uns nur noch in Gedichten, Romanen von jenen Hexen, Werwölfen und Juden die Rede ist, die zu ihrem Satansdienst das Blut frommer Christenkinder nöthig haben, während wir lachen und vergessen, fängt man an, im Morgenlande sich sehr betrübsam des alten Aberglaubens zu erinnern und gar ernste Gesichter zu schneiden, Gesichter des düstersten Grimmes und der verzweifelten Todesqual! Unterdessen foltert der Henker, und auf der Marterbank gesteht der Jude, dass er bei dem herannahenden Passahfeste etwas Christenblut brauchte zum Eintunken für seine trockenen Osterbrote, und dass er zu diesem Behufs einen alten Kapuziner abgeschlachtet habe!“ Trotzdem unterliess Heine doch zuweilen nicht, wenn es besonders angebracht sein mochte, den Fehlern seiner Rasse einen klaren Spiegel vorzuhalten; besonders scharf geisselte er dann das leidige Protzenthum. „Die Geldkräfte der Juden“, sagt er einmal, „sind in der That gross, aber die Erfahrung* lehrt, dass ihr Geiz noch weit grösser ist. Ich bin überzeugt, nie hat Israel Geld gegeben, wenn man ihm nicht gewaltsam die Zähne ausriss, wie zur Zeit der Valois. Hie und da freilich gibt es Beispiele, dass die Eitelkeit die versteckten Taschen der Juden zu erschlossen verstand, aber dann war ihre Liberalität, noch weit widerwärtiger als ihre Knickerei.“ Auf dem schmerzlichen Lager der Matratz engruft des langsam sterbenden Dichters entstanden die schönsten Perlen des „Romanzero“, die '„Hebräischen Melodien“, „Prinzessin Sabbath“ und „Jehuda ben Halevy“. „Ich bin kein göttlicher Bipede mehr«, schrieb er damals, „wie mich Rüge in gesunden Tagen genannt hat, ich bin nicht mehr der grosse Heide Nr. % den man mit dem weinlaubumkränzten Dionysos verglich, während man meinem Collegen Nr. 1 den Titel eines grossherzoglich weimarischen Jupiter ertheilte, ich bin kein lebensfreudiger, etwas beleibter Hellene mehr, der auf trübsinnige Nazarener heiter herablächelte -- ich bin jetzt nur ein armer, kranker Jude, ein abgezehrtes Bild des Jammers, ein unglücklicher Mensch.“ — Grosse innere Wandlungen erfolgten, vor allem die religiöse. „Ich bin kein Frömmler geworden“ (Nachwort zum ,Romanzero“)) „aber ich will deshalb doch nicht gegen den lieben Gott spielen, wie gegen die Menschen, will auch gegen Gott ehrlich verfahren und alles, was aus der früheren blasphemischen Periode noch vorhanden war, die schönsten Giftblumen, hab ich mit entschlossener Hand ausgerissen und bei meiner physischen Blindheit vielleicht auch sogar manches unschuldige Nachbargewächs mit in den Kamin geworfen. Wenn das in den Flammen knisterte, ward mir, ich gestehe es, gar wunderlich zumuthe, ich wusste nicht recht mehr, ob ich ein Heros oder ein Wahnsinniger sei, und neben mir hörte ich die ironisch tröstende Stimme irgend eines Mephisto, welche mir zuflüsterte: „Der liebe Gott wird Dir das Alles weit besser honorieren als Campe und Du brauchst Dich jetzt nicht mit dem Drucke abzuquälen, oder noch gar vor dem Drucke mit Campe zu handeln, wie um ein paar alte Hosen.“ In den „Geständnissen“ kurz vor seinem Tode spricht der Dichter begeistert über den Schöpfer des Volkes .Israel und fährt dann fort; „Wie über den Werkmeister, hab ich auch über sein Werk, die Juden, nie mit hinlänglicher Ehrfurcht gesprochen, und zwar gewiss wieder meines hellenischen Naturells wegen, dem der jüdische Asketismus zuwider war. Meine Vorliebe für Hellas hat seitdem abgenommen. Ich sehe jetzt, die Griechen waren nur schöne Jünglinge, die Juden aber waren immer Männer, gewaltige, unbeugsame Männer, nicht bloss ehemals, sondern bis auf den heutigen Tag, trotz achtzehn Jahrhunderte der Verfolgung und des Elends. Ich habe sie seitdem besser würdigen gelernt und wenn nicht jeder Geburtsstolz bei den Kämpen der Revolution und ihren demokratischen Principien ein närrischer Widerspruch wäre, so könnte Schreiber dieser Blätter stolz darauf sein, dass seine Ahnen dem edlen Hause Israel angehörten, dass er ein Abkömmling jener Märtyrer, die der Welt einen Gott und eine Moral gegeben und auf allen Schlachtfeldern des Gedankens gekämpft und gelitten haben.“ —- Und der erste Vers des herrlichen Gedichtes „Jehuda ben Halevy“, welches in unvergleichlicher Weise die Sehnsuchtsgefühle des zionistischen Gedankens zusammenfasst, lautet: „Lechzend klebe mir die Zunge An dem Gaumen, und es welke Meine rechte Hand, vergäss ich Jemals Dein, Jerusalem.“