Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 49 (8.12.1899)
- Article
- [Kommentar]
- Date
- 1899-12-08
- Page
- 12 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 12 „Die H Welt“ Nr. 49 Die vorliegende Nummer des »Echo sioniste“ hält, was die vorangehende Nummer versprochen. Der „Die Lage“ überschriebene Leitartikel von A. Rokeach, worin sich der Verfasser über die trostlose Situation der Juden ausspricht, ist sehr gediegen und instructiv. Weiter referiert das Blatt über die Excesse in Böhmen und bespricht verschiedene Vorkommnisse in Paris und Frankreich. Eine Auslands-Revue, sowie ein Bericht über die bereits von uns gebrachte grosse zionistische Versammlung vom W. v. M., Feuilleton und Bücherbesprechung vervollständigen den Inhalt der lebhaften Wochenschrift, der wir die weiteste Verbreitung wünschen. Auch „Egalitatea“, die bedeutendste jüdische Zeitung Rumäniens, discutiert die Cypern-Frage. Das Blatt warnt vor Ueberstürzung, die schon oft genug zu einem unheilvollen Ende geführt hat. „Chicago Weekly“ enthält in einer seiner jüngsten Nummern einen Leitartikel: „Socialismus und Zionismus“, der die neue nationalistische Richtung innerhalb der Socialdemokratie bespricht und die Haltung der jüdischen „Genossen“ scharf kritisiert. Leber den Zionismus in Tunis bringt „L’Echo Sioniste“ einige beachtenswerte Daten. Eine eigentliche Bewegung existiert dort erst wenige Monate, von einigen Eingeweihten abgesehen, die ihre',,Wissenschaft“ aus den ihnen zugänglichen Zeitschriften schöpften, wusste niemand etwas vom Zionismus. Jetzt ist man am Werke, die jüdischen Massen darüber aufzuklären, und es besteht begründete Hoffnung, dass eine Organisation bald ins Leben tritt. Im grossen ganzen ist die Stimmung dafür eine günstige, sogar bei Nichtjuden, von denen neuerdings auch viele sich für die Idee interessieren. Die hebräischen Tageszeitungen beschäftigen sich eingehend mit dem Projecfe der Ansiedlung von Juden auf Cyp e r n. In der „Hazefirah“ spricht sich H. Zlatopolsky mit Entschiedenheit gegen die Idee des Herrn Tri et sch aus, in dem er einen typischen Vertreter des „westlichen“ Zionismus sehen will, d. h. derjenigen Richtung, welcher Palästina im Grunde gleichgiltig sei. Von ganz anderen Voraussetzungen ausgehend, gelangt M. L. Lilienblum im „Hameliz“ zu demselben Ergebnisse. Er begibt sich nämlich auf den ethischen Standpunkt, von dem aus er die Besiedelung Cyperns mit Juden geradezu verdamraenswert findet. Auf die Insel, meint er, hätten die Griechen ein unbestreitbares historisches Anrecht, welches wir umsoweniger antasten dürfen, als gerade der Zionismus bestrebt ist, geschichtlich begründeten Ansprüchen Geltung zu verschaffen. Bücherwelt. „Der israelitische Religionsunterricht“ von Josef Plohn, Wien 1899. Im Selbstverläge des Verfassers, II., Blumauergasse 20. — Auf 3 Bogen enthält das Büch eichen die hauptsächlichsten mosaischen Gesetze und Lehren, soweit deren Kenntnis von dem jüdischen Mittelschüler gefordert wird. Um den jüdischen Religionsunterricht ist es in Oesterreich bekanntlich sehr schlecht bestellt. Das Grundübel besteht darin, dass dem Religionslehrer kaum die nöthige Zeit bleibt, dem Schüler das allemothwendigste beizubringen. Hier will nun das vorliegende Buch nachhelfen, indem es den Schüler in den Stand setzt, durch Selbststudium sich die nöthigen Kenntnisse der jüdischen Sittenlehre anzueignen. Aus diesem Grunde ist das Schriftehen bestens zu empfehlen. B. Bostenai. ein Sprössling vom Stamme Davids. Historische Operette von Isak Auerbach. Verlag Ch. Rohatyn. Lemberg 1899. Solche Sachen einer Kritik würdigen, heisst die Kritik entweihen. Aber der französische Kritiker Saint-ßeuve hat uns darüber belehrt, dass die Kritik eine Naturgeschichte werden müsse, und eine Naturgeschichte befasst sich mit Geschöpfen aller Art, Schmarotzern und Infusorien. Wollte man in diesem „Geschöpf“ den Geist des „Schöpfers“ suchen, man würde Vergebliches beginnen. Es ist ein Machwerk frei nach M. Lehmanns gleichnamiger Erzählung „Bostanai“ und hat zum Inhalte die Sage aus der gaonäischen Zeit von der Liebe Bostanais zu einer persischen Prinzessin. Der Verfasser hat auch^Shakespeares „Macbeth“ gelesen, siehe Prolog, und den auch in seiner Operette spukenden Shakespeare’schen weisen Hofnarren. Nur sind die witzigen Wahrheiten dieses|Hofnarren platt und geistlos. Die Lieder haben nichts Originelles, erheben sich wohl am Anfänge zu einemj höheren Anfluge, verfallen aber sofort in den auch einer Operette unwürdigen Bänkelsängerton. Man darf sich nicht wundern, dass diese Operette mit ihrer* Musik „gefällt“, denn der literarische Sinn unserer Massen ist bis auf Null gesunken. Es muss und wird anders werden. Das Stück wird einmal für den Schreiber einer jüdischen Culturgeschichte von Interesse sein, denn es wird ihm von dem Niveau unserer Volksliteratur viel erzählen können, j. h. Der „Jude“ Heine. (Zum 100. Geburtstage des Dichters, 13. D e c e m b e r 1899.) Von Max Kaufmann (Hamburg). Blinder Hass umtobte den grossen Dichter jüdischen Ursprungs hei Lebzeiten, schamlos verdächtigte man seine Charaktereigenschaften, nannte ihn liederlich, einen frechen Rehabilitator des Fleisches, ohne jedes Ideal, sprach ihm jedes nationale Gefühl ah, negierte seine Zugehörigkeit zur deutschen Literatur; — ja, man gieng so weit, ihm jedes ernste dichterische’Talent abzusprechen — man bezeichnete den Sänger des „Buches der Lieder“ als — »frechen Dichterling“. Hinein in die stille Krankenstube seiner schmerzhaften achtjährigen - Matratzengruft drangen die pöbelhaften Angriffe gegen den »Juden Heine“, von jenseits des Rheins her, ihm die wenigen Stunden der Erleichterung, welche der Welt einen „Romanzero“, einen »Atta Troll“ schenken sollten, mit bitterer Wehmuth zu vergällen. — Doch nicht genug. Schon fast 50 Jahre birgt die düstere Grabkammer auf Montmartre das, was vom Dichter sterblich war, und der verblendete infernalische Hass tobt fort und fort. Kein Denkmal darf in deutschen Landen an den Loreley-Dichter erinnern, so will es eine von gewisser Seite künstlerisch in Scene gesetzte Mache, denn er war kein — Germane. Er dachte nicht germanisch, dichtete, fühlte nicht germanisch. Die moderne Literatur-Geschichtsforschung hat längst über diesen Geifer den Stab gebrochen, immer mehr werden die Widersacher unseres Heine dem Fluche der Lächerlichkeit anheimfallen. Sein Name steht erhaben, neben den grössten Dichtergestalten aller Zeiten. Dies noch heute beweisen zu wollen, wäre thöricht, hiesse Eulen nach Athen tragen. Wie stehts nun aber mit dem nie abzuwaschenden „Juden“ Heine? Trotz feindlicher gegenteiliger Behauptung, war Heine ganz ausserordentlich wahrheitsliebend undhat sich demgemäss stets ohne Scheu und Hehl über, seine Zugehörigkeit zur jüdischen Rasse ausgesprochen. Verleugnet hat er sie nie. Nicht nur am Weltschmerze, sondern auch am — Judenschmerze litt der Dichter. In seiner aristophanischen Weise spricht er halb scherzend, halb im bitteren Ernste von der „unheilbar grossen Brüderkrankheit“ anlässlich der Errichtung eines neuen israelitischen Hospitals in Hamburg durch seinen Millionenoheim Salomon Heine. „Ein Hospital für arme kranke Juden, behaftet mit den bösen drei Gebresten, Armut, Körperschmerz und Judenthum“, nennt er die neue Heilstätte. Und zweifelnd stellt er die Frage: „Wird einst die Zeit, die ew'ge Göttin, tilgen Das dunkle Weh, das sich vererbt vom Vater Herunter auf den Sohn — wird nicht der Enkel Genesen und vernünftig sein und glücklich?" Bereits während seines Aufenthaltes auf der Universität Berlin beschäftigte sich der junge Dichter damit, den Bildungszustand der jüdischen Jugend zu heben, er war eifriger Mitbegründer und Mitarbeiter des „Vereines für Cultur der Juden“; freilich musste er später einsehen, dass der eingeschlagene Weg nicht zum Ziele führen sollte. — Emsig beschäftigte er sich auch damals mit der jüdischen Culturgeschichte des Mittelalters. Die Frucht seiner Arbeiten sollte der „Rabbi von Bacharach“, ein Schmerzenskind des Dichters, werden. Den Stoff hatte er